Von den Bakterien zu Bach – und zurück

Daniel Clement Dennett ist Professor für Philosophie und Direktor des Zentrums für Kognitionswissenschaft an der legendären Tufts University. Aus dieser philosophischen Perspektive postuliert er: „Der Mensch ist ein Wesen, das sich im Prozess der natürlichen Evolution in der Tierwelt entwickelt hat.“ Demnach sollte es in Bezug auf das Wesen von Menschen nichts Mystisches geben, alle Aspekte des menschlichen Seins sollten mit Naturwissenschaften plausibel erklärbar sein.

Da sich mit Genselektion allein die menschliche Kultur nicht erklären lässt, ist Dennett auch zu einem populären Vertreter des Memkonzepts geworden. Meme sind seine Analogie zu Gene, nur halt in der kulturellen Evolution.

Mein Fazit: Wer intellektuelle Klimmzüge, neue Gedankengänge und spannende Geschichten mag, wird an der Lektüre viel Freude haben.

Insgesamt lebt das Buch von lebendigen Beispielen und spannenden Thesen, man muss sich aber schon darauf einlassen wollen. Wer Probleme mit Charles Darwin und seiner wissenschaftlichen Interpretation des Lebens durch die Evolution hat, kommt mit einer warmen Milch besser in den Schlaf. Wer hingegen wissen möchte, was der Autor unter kartesischer Gravitation versteht, wer über den Zusammenhang von Kompetenz und Verständnis nachdenken/lesen möchte – ja, der ist hier richtig. Manche Sequenzen haben das Zeug für eine Zitatensammlung. Aus diesem Grund habe ich im Folgenden einige Zitate „als Geschmacksprobe“ ausgewählt.

Wem die Zitate gefallen, der wird auch am Rest des Buches seine Freude haben. Wer nur Bücher liebt, die sein eigenes Weltbild bestätigen, sollte vielleicht besser etwas anderes lesen. Vorweg noch ein Tipp: Vor dem Lesen des Buches den Mem-Artikel auf Wikipedia lesen. Dort sind auch einige Kritiken dieses Ansatzes aufgeführt.

Zitate

Die Evolution von »warum« … > Seite 59
Der gleiche Kontrast zeigt sich in negativen Fällen, im Unterschied zwischen böse und blöd. Die Leute mögen einen für das bestrafen, was sie für Bösartigkeit halten, die Natur aber bestraft Blödheit, ohne darüber nachzudenken.

Gehet hin und mehret euch > Seite 69
Es gibt Gründe für die Struktur und Form der Termitenburg, doch keine der am Bau beteiligten Termiten hat welche.

Die Entstehung des Verstehens > Seite 105
Die meisten Leser dürften kein Problem mit meiner Behauptung haben, dass Pflanzen und Mikroben zwar mit wohlgestalteten Kompetenzen gesegnet, ansonsten aber vollkommen ahnungslos sind. Wage ich jedoch das Gleiche von »höheren« Tieren zu behaupten, bin ich gleich ein furchtbarer Fiesling und Spielverderber.

Neuronen, Maultiere und Termiten > Seite 187
Was könnte ein Neuron »wollen«? Das Gleiche wie seine einzelligen eukaryotischen Vorfahren und seine entfernteren Verwandten, die Bakterien und Archaeen: Energie und Rohstoffe zum Leben und Gedeihen.

Wilde Neuronen? > Seite 200
Die funktionale Gehirnarchitektur, die aus Milliarden von eigenwilligen und einzelkämpferischen Nervenzellen besteht, ähnelt mehr einem freien Markt als einem »Politbüro«, das alles von oben herab anordnet.

Meme erzählen uns nichts Neues über die Kultur > Seite 267
Verglichen mit der genetischen Evolution ist die kulturelle schnell wie der Blitz, doch gleichzeitig kann sie immer noch so gemächlich ablaufen, dass der oberflächliche Betrachter sie nicht wahrnimmt.

Die freischwebenden Grundprinzipien der menschlichen Kommunikation > Seite 325
… aber wie wir aus anderen Bereichen wissen ‒ Jazz ist ein besonders gutes Beispiel ‒, ist selbst eine gute Theorie oft kein Ersatz für eine gute Intuition.

Wo liegen die Grenzen unseres Verständnisses? > Seite 415
Gruppen können Dinge tun und (wohl) auch verstehen, an denen Individuen scheitern, und diese Entdeckung hat uns zu einem Großteil unserer Macht verholfen.

Was passiert mit uns? > Seite 444
Den meisten genügt es, von Technologie, Medizin, Wissenschaft und Kunst zu profitieren, ohne einen Schimmer zu haben, wie all der »Zauber« funktioniert.

Endlich zuhause > Seite 450
Orgels Zweite Regel bestätigen: Die Evolution ist schlauer als du. Sobald uns die Universalität der darwinistischen Perspektive aufgeht, erkennen wir, dass unser gegenwärtiger Zustand ‒ individuell wie gesellschaftlich gesehen ‒ sowohl unvollkommen als auch unbeständig ist.

Bildquellen

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