“EVER GIVEN” – Hat es das jemals gegeben?

Wie doch der Schiffsname zur Situation passt! Ist das nicht lustig? Ja, doch nur für die, die nichts damit zu tun haben. Aber halt: Wenn wir bei diesem Ereignis tiefer bohren, kommen wir auf eine Verhaltensweise, die uns allen mehr oder weniger vertraut sein dürfte: Größenwahnsinn. Diesmal in globaler Dimension.

Wieso das? Ist es nicht vernünftig, Schiffe zu bauen, die möglichst viel Fracht zu geringen Preisen transportieren? Nach diesem Effizienzprinzip läuft doch fast alles in der Weltwirtschaft. So diese “Ever Given” mit 400m Länge und 60m Breite. Eines der größten Containerschiffe der Welt. Diesmal unterwegs mit einer Ladung, die einen Wert von 3,4 Milliarden Dollar hat.

Aber dann passierte es. Aus noch ungeklärten Gründen havarierte dieser Koloss im Suez-Kanal und blockierte ein neuralgisches Nadelöhr des Welthandels. Als nach sechs Tagen der Kanal wieder befahrbar war, atmeten 430 Kapitäne auf, die auf die Durchfahrt gewartet hatten, und wahrscheinlich dazu noch weltweit unzählige Logistiker, Unternehmer und Kunden.

Der Kanalbehörde sind durch die Blockade täglich 13-14 Millionen Dollar durch die Lappen gegangen. Dazu kommen noch die Kosten der Bergungsarbeiten. Alles in allem fordert die Kanalbehörde eine Entschädigung von etwa 1 Milliarde Dollar. Aber das regelt sich nicht so schnell wie die Bergung der “Ever Given”. Diese liegt nun erstmal bis zur Klärung im Großen Bittersee vor Anker. Nochmal: Ist das nicht lustig?

Aber jetzt mal ernsthaft: So dramatisch und kostspielig das Ereignis mit allen Auswirkungen auch tatsächlich ist, hat es doch auch eine adäquate metaphorische Bedeutung und bietet einen Anlass zu lernen, bzw. sich wieder eines bewusst zu machen: Wachsen geht nicht grenzenlos. Wir und alles sind Teil von etwas. Wir können es uns daher nicht leisten, unsere relevanten Umweltbeziehungen zu ignorieren, ohne Schaden zu nehmen.

Wenn man Schiffe dieser Dimension baut, braucht man auch eine Infrastruktur, die zu dieser Dimension passt. Das beginnt bei Kanälen, Schleusen und Hafenanlagen – und endet bei entsprechend ausgebildeten Kapitänen und Besatzungen. Im Fall der Dimensionen der “Ever Given” hätte neben der Nutzenoptimierung ein Risikomanagement gleichgewichtig eine Rolle spielen müssen. Aber nicht nur beim Reeder und Schiffsbauer, darüber hinaus hätten auch weitere Stakeholder in ein verantwortungsbewusstes und auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes Risikomanagement einbezogen werden müssen. Vor allem Kanalbetreiber, damit die Thrombosegefahr bei solchen hochkritischen Verkehrsadern vermieden wird. Vielleicht war es ja auch der Fall. Doch da habe ich so meine Bedenken. Wenn ich an meine Projektmanagementerfahrungen denke, wurde das Risikomanagement vom Auftraggeber sehr häufig als eher lästig und unproduktiv erachtet.

Ignoranz wird halt bestraft.

Bildquellen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.