Home-Office in Quarantäne

Bisher arbeiteten einige Kollegen von mir im Home-Office, weil sie das selbst gern wollten (und manchmal musste bei deren Führungskräften erstmal Überzeugungsarbeit dafür geleistet werden). Wer den Management-Segen bekam, gab sich dann besondere Mühe, von zu Hause aus genauso professionell aufzutreten wie im Büro – oder sogar noch professioneller. Der Webcam-Hintergrund wurde auf verräterische Elemente überprüft, die Schlüsse auf das Privatleben zulassen könnten, und auch etwaige akustische Störungen wurden eliminiert. Lieber bei geschlossenem Fenster schwitzen als riskieren, daß der Krach der nahen Kirmes durch das Telefon dringt.

Und dies alles ist – zumindest nach meiner Erfahrung – auf einmal ganz anders…

Die Firma, in der ich arbeite, hat weltweit mehr als 10000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und die überwiegende Mehrzahl arbeiten seit einigen Wochen im Home-Office – ebenso die meisten Kunden und Partnerfirmen. Überall mußte das schnell und ohne längere Vorbereitungszeiten geschehen, und in Familien, in denen die Kinder auch zuhause bleiben müssen, sind die organisatorischen Herausforderungen schon so groß, daß kaum noch Kraft übrig ist, um sich über das Foto vom Opa oder die Sammlung von Coldplay-Konzertkarten an der Wand Gedanken zu machen, die nun bei jedem Conference Call zu sehen sind.

Ich habe in den letzten Wochen festgestellt, dass der Kontakt zu Kollegen und auch zu Kunden dadurch persönlicher geworden ist. Bei einigen Kunden, die ich schon jahrelang kenne, weiß ich nun, wie die Kinder heißen („Brenda, I saw that! This is already the third Coke today! What did I tell you?“), daß die Mutter mit im Haushalt lebt oder ähnliche Details. Und wer mit einem guten Detailgedächtnis gesegnet ist, kann dadurch punkten, beim nächsten Anruf zu fragen, ob beim Sohn der Gips am Arm inzwischen wieder ab ist…

Häufig melden sich auch Haustiere telefonisch zu Wort. Der Hund bellt, die Katzen sind lautstark beleidigt, weil das menschliche „Personal“ auch noch andere Interessen hat oder der Wellensittich trällert fröhlich zur Untermalung des Gesprächs. Und wenn der Kunde mit dem gefürchteten Temperament während seiner Schimpftirade immer wieder von seinem Papagei angekreischt wird („I love you! I love you!“), muß ich mir wirklich das Grinsen verkneifen.

Ein Kollege von mir sagte: „Ich wollte nie zuhause arbeiten, weil ich weiß, daß dann die Katzen Theater machen und das auch durch’s Telefon zu hören ist. Jetzt denke ich mir: Ich hab’s mir ja nicht ausgesucht, ich folge den Anweisungen von Regierung und Unternehmen, und wenn die Katzen randalieren, dann randalieren sie eben…“ Anscheinend macht es die Menschen gelassener in Bezug auf die kleinen alltäglichen Pannen, wenn sie selbst für die Home-Office-Situation nicht verantwortlich sind. Hinzu kommt, daß viele durch die neuen Herausforderungen der Pandemie-Situation genug zu bedenken und zu regeln haben. Die Bereitschaft, sich über „Kleinigkeiten“ aufzuregen, sinkt deutlich. 

Ich selbst habe zwar keine Haustiere, aber einen Ehemann, der die Neigung hat, beim Nachdenken vor sich hin zu pfeifen, ohne es zu merken. Bei den Kollegen, mit denen ich sehr oft telefoniere, ist „the whistler“ schon zur festen Einrichtung geworden – sie sind immer ganz gespannt, ob diesmal im Hintergrund gepfiffen wird oder nicht (- und welches Lied).

Bei allem Elend, das die Corona-Krise für so viele Menschen anrichtet – dieser eine kleine Aspekt der Kommunikation von Homeoffice zu Homeoffice gefällt mir richtig gut. Dann ist zumindest auch etwas Positives dabei, wenn wir hinterher an diese Zeit zurückdenken.

Bildquellen

bbr

Autor: bbr

Hallo, ich bin Beate Brinkman, der bbr.harlekin. Ich bin Redakteurin und Autorin für den Harlekin.Blog e.V. im “Hauptberuf” international Supervisor in einem IT-Unternehmen. Dort beschäftige ich mich schwerpunktmässig mit der Führung und Organisation internationaler Teams und mit den “Risiken und Nebenwirkungen” multikultureller Teamarbeit. Ich lebe seit 15 Jahren in den Niederlanden und habe festgestellt, dass schon allein die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern ein ganzes Buch füllen können (und auch bereits füllen – ein sehr amüsantes Beispiel dafür ist das Buch “Auf Heineken könn wir uns eineken” von Kerstin Schweighöfer). Weil in dem Unternehmen, für das ich tätig bin, mit den Jahren auch noch Unternehmensstandorte in USA und Indien dazugekommen sind, gab es im Themenumfeld multikultureller Teamarbeit ständig mehr zu entdecken. Und es wurden dadurch natürlich auch mehr Fehler gemacht, aus denen wir lernen konnten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.