Il Doccione im Vallesanta

Eine „soziale Plastik“ im heiligen Tal

Dies ist ein weiterer Beitrag unseres „Gastautors“ Christoph Henties, der für treue Leserinnen und Leser des harlekin.blog kein Unbekannter ist. Dankeschön, Christoph!

Anfang des 18. Jh. wurde im Casentino in Italien auf einem Plateau in 850 Metern Höhe – mit Blick über das Vallesanta, das heilige Tal – Il Doccione (die große Dusche) erbaut. Mit seinem geräumigen Haupthaus, mehreren Nebengebäuden und einer kleinen Kirchenruine ist es fast schon ein kleines Dorf. Bis vor 50 Jahren war es eine Stätte der Begegnung für die Menschen des Vallesanta. Dann setzte die Landflucht ein, viele Bauern zogen in die Städte, um Arbeit zu finden, Il Doccione wurde verlassen.

Heute ist es wieder ein lebendiger Ort, es werden Konzerte und Feste veranstaltet, die auch von den Menschen aus den umliegenden Dörfern gerne besucht werden. Seit 1989 leben zwei Familien mit ihren Kindern hier. Sie haben die alte Bausubstanz liebevoll restauriert und komfortabel ausgestattet. Neben dem Traum vom Leben auf dem Lande, der biologischen Landwirtschaft mit großem Garten, Kühen, Ziegen, Pferden und Bienen, steht der Austausch mit anderen Menschen im Vordergrund (mehr unter www.doccione-arcadia.de und www.doccionedisotto.eu).

Nicht zufällig sind zwei der dort lebenden Menschen, Renate und Andreas, selbst begeisterte Musiker und so entwickelte sich Il Doccione im Laufe der letzten zehn Jahre zu einem Ort kultureller Begegnung mit dem Schwerpunkt Musik und Begegnung.

Musikinteressierte treffen sich für eine Woche, begleitet von mehreren Profimusikern, um gemeinsam zu musizieren. Keiner kennt den anderen, nur den Vornamen. Ob während der Unterrichtseinheiten zu Gesang, Gitarre, Saxophon, Klavier oder Perkussion sowie während des abendlichen „Jammens“: Über das Entstehen von Musik wird kommuniziert.

Musik ist die Sprache,  Musik ist die Gemeinsamkeit – denn Musik ist stets eine Aussage.

Die gemeinsame Freude ist, dass sich unterschiedliche Menschen verbinden, die Wert auf die einfachen Dinge des Lebens legen. Ein Miteinander mit viel Musik, gutem Essen, in schöner Gegend, aber vor allem Menschen, die jeden Menschen nehmen, wie er ist und die bereit sind, (musikalisch) das von sich zu geben, was der Andere gerade braucht. Es ist nicht einfach, die Atmosphäre in diesem kleinen Dorf zu beschreiben. Angefangen bei der Luft und dem Geruch der Natur, dem endlosen Blick auf die Wälder und natürlich den immer freundlichen und gutgelaunten Menschen um einen herum.

Bereits nach wenigen Stunden entsteht eine Art „soziale Plastik bzw. soziale Skulptur“ – so bezeichnete Joseph Beuys die Kunst, die den Anspruch verfolgt, auf die Gesellschaft gestaltend einzuwirken. Menschen formen durch ihr Handeln kreativ gesellschaftliches Miteinander, ein „merk“-würdiger Begriff, der Kunst gänzlich erweitert beschreibt, weil es eben menschliches Handeln mit einschließt. Kunst ist mehr als materiell fassbare Artefakte des ästhetischen Verständnisses einer Gesellschaft.

Ob die barocke Musik von Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven oder der Jazz von Duke Ellington und Miles Davis, die Menschen werden berührt und haben mehr oder weniger den Wunsch, sich selbst einzubringen. Beim Landesjugendjazzorchester heißt es dann: „Die wollen alle spielen!“

In diesem Sinn ist nicht nur ein Künstler, wer auf seinem Gebiet besondere bildenden, darstellenden oder musikalischen Fähigkeiten besitzt, sondern ist „jeder Mensch ein Künstler“.

In Il Doccione nimmt jeder an der Musik sozial wie kreativ teil, losgelöst von individuellen musikalischen Kenntnissen . Es bedarf keiner besonderen Fähigkeiten am Instrument, um mit Instrument oder Stimme Teil eines Ensembles oder einer Jazz-Band zu sein. Jeder Mensch hat Rhythmik in sich. Das soziale Miteinander, die Gemeinsamkeit ist das Ziel. Ein phantastisch schöner Gedanke für gesellschaftliches Zusammenleben, denn in der „sozialen Plastik“ entwickeln sich durch Denken und Sprache soziale Strukturen. Damit trägt das gemeinsame Musizieren in Il Doccione dazu bei, dass diese Gedanken in gesellschaftliches Handeln einfließen. Kunst in nicht nur materiell, ausgestellt in Museen oder Galerien, sondern Kunst ist gesellschaftliches Miteinander und birgt die Chance, veraltete Lebensformen zu beleben und neu zu gestalten.

Der reine Moment, das Gegenwärtige ist das Beeindruckende. Keiner muss so funktionieren wie in seiner heimatlichen Rolle. Inspiration entsteht nicht nur durch Gedanken, sondern durch Kunst, durch Muse.

In einem Orchester arbeiten viele Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeiten an einem gemeinsamen Klang. Man muss sich einig werden und den Moment gemeinsam gestalten und auch loslassen, sich im Klang einig werden, vertrauen, kämpfen und sich auch ärgern. Musik weitet die Seele, Musizieren heißt: Konzentration auf den Moment, Präsenz im Moment – mit anderen Worten „friss oder stirb“ – sich selbst in Ton und Klang mit der eigenen Person ungeschützt zeigen. Wer die Musik von Johann Sebastian Bach liebt, weiß wie dabei die Seele aufatmen kann, Fassaden abgebaut werden und sich Person zeigt.

Alle Teilnehmer gehen nach einer Woche inspiriert wieder auseinander; es entsteht keine Verpflichtung aus der intensiven gemeinsamen Zeit. In II Doccione gibt es keine Gage beim Musizieren, dafür aber ein Gefühl von Freiheit. Freiheit ist nicht an eine materielle Verpflichtung oder an Erfolg geknüpft.

Freiheit ist Freiheit.

Bildquellen

hfi

Autor: hfi

Hallo, ich bin Heike Fillhardt, der hfi.harlekin aus dem Rheingau. Ich leite und begleite seit Anfang der 90er Jahre Veränderungsprozesse in internationalen Unternehmen im Rahmen von Reorganisationen, Fusionen und Leitbildumsetzungen. Dabei vertraue ich auf die Kraft der Gruppe und arbeite nach dem Grundsatz: es gibt immer eine Lösung, egal wie lange es dauert. Viele Führungskräfte empfinden sich als „lonesome hero“ – ein Bild, das sich – wem auch immer sei Dank – endlich auch in Deutschland zu verändern scheint. Und ich freue mich über jedes Projekt im Rahmen von Agilität. Neben Erfahrungen aus dem klassischen Projekt- und Changemanagement bringe ich auch breites systemisches Methodenwissen ein. Ich bin Scrum-Master und Leadership Agility Coach. Erkenntnisse aus meinen verschiedenen physio- und psychologischen Ausbildungen fließen ebenso in mein Wirken ein wie meine Erfahrung als Dozentin und Mutter. Ich wirkte 14 Jahre als Managementberaterin, Coach und Trainerin in verschiedenen Unternehmen. Seit 2007 bin ich selbständige Beraterin mit eigener Coachingpraxis. Seit 2012 bin ich Kung-Fu-Schülerin. Und im Laufe der Jahre flossen immer mehr Körperübungen in meine Workshops und Trainings ein. Denn nur wer sich bewegt, ist auch langfristig erfolgreich. Meine Kunden schätzen vor allem das Umsetzen der theoretischen Themen in Spiel und Körperübungen, meine systemische Sicht auf das ganze Feld, das schnelle Einstellen auf situative Bedürfnisse, meine klare und wertschätzende Sprache und die konsequente Zielverfolgung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.