Godot in der Warteschlange (Teil 1)

Die Wahrnehmung von Wartezeiten

Schon die unterschiedlichen Weisheiten zum Thema «Warten» zeigen die Ambivalenz der Wahrnehmung. Während die einen den positiven Aspekt betonen (Leo Tolstoi: ‘Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann’), kehren die anderen eher den ungeduldigen Aspekt hervor (Damaris Wieser: ‘Auf etwas zu warten, nimmt uns nur die Zeit, die wir später nicht mehr haben, wenn wir sie brauchen.’).

Warten ist das „Erleben von Zeit“ und daher verwundert die Ambivalenz auch nicht. Wer Kinder hat, weiss um das „Wann sind wir endlich da?“ bereits nach etwa drei Minuten Fahrzeit, was gerne im Wechsel mit «Ich muss mal!» verwendet wird, was aber nichts zur Sache tut. Der kritische Leser mag anführen, dass es in diesem Beispiel um Langeweile, also erzwungenes Nichtstun gepaart mit Unterforderung, geht, was aber auch eine Form von Warten ist, nur in verschärfter Form. Im gleichen Fahrzeug freuen sich aber die Eltern über die begonnenen Ferien (Vorfreude).

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Lob der Pause (Teil 3)

Vögel beobachten macht glücklich

„Alles ist immer da in ihr. Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihre Ewigkeit.“ (Georg Christoph Tobler über die Natur)

Besitzen Sie einen Garten? Ich verstehe darunter einen Ort der Vielfalt und gerne auch der evolutionären Anarchie. Oder kommen Sie ohne viel Aufwand in die „Natur“, in Wald, Wiese, Weinberge? Wenn nicht: Auch in der Stadt sind sie zu hören. Wenn Sie nämlich genau hin hören, bemerken Sie, dass die Luft sich wieder mit einer mannigfaltigen Kakophonie füllt! Die Vögel legen sich ins Zeug und verursachen einen Lärm wie sonst nur Laubbläser, nur schöner. Bernd Brunner schreibt in seinem 2015 veröffentlichten Buch von einer „Ornithomania“, der auch ich, ich gestehe, schon seit sehr vielen Jahren verfallen bin.  Doch, mir geht es gut. Danke der Nachfrage.

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Zeit für neue Ziele!

Schon sind die ersten Wochen in 2021 vorüber und ein altbekanntes Ritual wiederholt sich. Gut, normalerweise schnellen in dieser Zeit die Anmeldungen für Fitnessstudios in die Höhe…

Aber hatten wir nicht auch Anfang 2020 die mehr oder weniger üblichen Vorsätze? Es hat nicht sollen sein – und man kann, wie ich finde, in 2020 einen Schuldigen eindeutig ausmachen. @Harlekin Rüdiger: hattest Du bei Deiner Serie übers Blamen auch Viren dabei?

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Am Anfang war das Wort…

am Ende die Phrase (Stanislav Jerzy Lec)

Habe ich noch vor kurzem behauptet, dass ‘Resilienz’ zum neuen Tausendsassa und damit in den Olymp-Wortschatz jedes Projektmanagementkundigen aufgestiegen ist, so muss ich mich korrigieren.

Vor kurzem war ich eingeladen, auf dem World Project Management Forum in Indien zu sprechen. Virtuell natürlich. Und da es unhöflich ist, nur zu sprechen und nicht auch anderen Sprechern zu lauschen, habe ich pflichtgemäss einigen Vorträgen beigewohnt. (Zugegebenermassen nicht allen, wegen der Zeitdifferenz, die mich gezwungen hätte, um 5 Uhr in der Früh schon vor dem PC zu sitzen.) Ausserdem kommt es bei den Zuhörern oberaffengeil an, wenn man auf vorherige Beiträge Bezug nehmen kann, denn das vermittelt jede Menge Kompetenz und zeigt, dass man der famosen Gemeinschaft der Sprechergilde angehört.

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Läufer, Tanker, Schwebebalken und vieles, vieles mehr

Über Metaphern in der Politik

Auf metaphorischer Ebene wurde den Fernsehzuschauern  in den Niederlanden in dem letzten Monaten einiges geboten, insbesondere während der regelmäßig stattfindenden Pressekonferenzen zum Thema Corona. Ministerpräsident Mark Rutte und „Corona-Minister“ Hugo de Jonge geben sich sehr viel Mühe, um die Bürgerinnen und Bürger ihres Landes von der Dringlichkeit der Lage zu überzeugen. Dabei ist der Zweck zwar löblich, aber die Mittel sind etwas verwirrend.

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Ganz schön beknackt… (Teil 2)

Die Muskatnuss entwickelte sich dann im 16. Jahrhundert zum Goldrausch Ostindiens, insgesamt der erste bedeutende Fall von Drogenbeschaffungskriminalität. Portugiesen, Briten, Spanier und Niederländer bekriegten sich wegen der Muskatnuss und brachten sich nicht nur gegenseitig, sondern nebenbei noch einige 10.000 Einheimische um. Wer Drogenkartelle bisher ausschließlich aus Mittel- und Südamerika kannte, darf sich nun als Besserwisser 1. Grades betrachten. Denn er weiß nun: Pablo Escobar, Kokain-Handel und das Medellin-Kartell sind nur billige Kopien eines schon 500 Jahre alten „Geschäftsmodells“.

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Ganz schön beknackt… (Teil 1)

Nach meinem Beitrag zu Corona, Hamsterkäufen von Toilettenpapier und einer resultierenden Anal-yse Symptom-begleitender Besserwisser wurde ich mehrfach gebeten, doch mehr zu diesem Thema zu schreiben. Ich gestehe, es hat mehr Freude als Arbeit gemacht. Viel Spaß mit der neuen Riege von Besserwissern und Klugscheissern.

Kerzenlicht, Glühwein und Nüsse knacken: das erinnert an die Kindheit, gehört in den Winter und Ja, das ist die Weihnachtszeit. Damit es uns dann richtig warm ums Herz wird, läuft White Christmas als Dauerberieselung in den Kaufhäusern und im Radio singt sich Chris Rea mit Coming Home for Christmas alle Jahre wieder in die Herzen der Fernfahrer (und natürlich deren Frauen).

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Internationale Beziehungen – rein privat

(Folge 2, Teil 2)

Man könnte sagen, meine Frau (die ich bei meiner Arbeit in Deutschland kennengelernt und ins niederländische Friesland entführt habe) und ich waren so lange von kulturellen Unterschieden umgeben, dass sie zur zweiten Natur geworden sind. In unserer Beziehung denken wir inzwischen selten an die Tatsache, dass sie in einem Land aufgewachsen ist und ich in einem anderen. Wir denken, dass wir nicht in die Stereotypen passen – andere sehen das vielleicht anders.

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Internationale Beziehungen – rein privat

(Folge 2, Teil 1)

Nach Erscheinen des Beitrags “Internationale Beziehungen – rein privat” vom Harlekin BBR fragte sie die anderen Harlekin-Kollegen mit „ausländischem“ Partner nach ihren Erfahrungen. Ich dachte, ich war nie mit jemandem aus meiner ursprünglichen Heimat verheiratet, wie kann ich also vergleichen? Ich habe viel mehr Zeit meines Lebens außerhalb meiner „Heimat“ als in ihr verbracht und in vier anderen Ländern als Großbritannien gelebt – so viel, dass ich mich frage, wie britisch ich jetzt wirklich bin. Das „Zuhause“, das ich verlassen habe, ist heute, fast 50 Jahre später, nicht mehr dasselbe.

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