Wahlkampf in den Kinder-Nachrichten


Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte als kleiner Junge

Vor einer Weile wurde in den Niederlanden gewählt – und wie in Deutschland auch hatte diese Tatsache in den Wochen vorher großen Einfluss auf alle Nachrichtensendungen und Polit-Talkshows im Fernsehen, bei denen man als Zuschauer mit recht konstruierten und ermüdenden Wortgefechten konfrontiert wurde. Die Gemengelage ist in den Niederlanden schon allein dadurch etwas unübersichtlich, dass nicht wie in Deutschland zwei oder drei, sondern vier oder fünf Parteien nötig sind, um eine Regierung zu bilden (von inzwischen insgesamt 18 (!) Parteien, die im Parlament vertreten sind).  

Eine wohltuende Abwechslung zu all den Talk-Runden war das niederländische “Jeugdjournaal” – das Jugend-Journal. Das ist eine tägliche Nachrichtensendung für Kinder, deren Fan ich wurde, als ich vor Jahren begann, die niederländische Sprache zu lernen. Die Spitzenkandidatinnen und -kandidaten der sechs größten Parteien waren drei Tage vor dem Wahltag dort zu Gast, und außerdem natürlich Kinder (diesmal Corona-bedingt nur ein Dutzend).

Die Politiker bekamen verschiedene Aufgaben gestellt: Es gab unter anderem ein Ratespiel zu Themen, die Kinder interessieren. Dabei waren die Damen und Herren mit eigenen Kindern natürlich im Vorteil, wenn es z. B. um “TikTok” ging. Die gegenseitigen Zurechtweisungen und Beschuldigungen kamen recht spontan daher (“Hey! Nicht abgucken, Mann!”). Und dass kein einziger von ihnen den Namen des ersten und bisher einzigen in einem niederländischen Zoo geborenen Riesenpanda-Babies wusste, schien einigen doch ein wenig peinlich zu sein.

Die Kandidaten mussten ausserdem ein Kurzreferat zur Zielsetzung ihrer Partei halten, bei dem die Kinder es offensichtlich genossen, dass die Rollen einmal umgekehrt waren. Nicht sie mussten „liefern“ – wie in der Schule, sondern konnten Feedback geben. Das geschah auf sehr diplomatische Weise mit „Tips“ (das waren die Kritikpunkte) und „Tops“ (die Highlights). Die Kinder waren sehr wohlwollend, nur auf Überziehung der Redezeit wurde ungnädig reagiert!

Ein weiterer Programmpunkt waren die Stellungnahmen zu den Themen Schulpolitik und Klimawandel – und ich gelangte zu der Erkenntnis, dass man mit dem Einschätzen und Gewichten von Politiker-Argumenten nicht früh genug anfangen kann. Als einer der Politiker – als Leugner der Klimakrise bekannt – argumentierte, dass das Problem doch eigentlich gar nicht so gross sei, und wenn zu viel Geld in die Lösung der Klimaprobleme investiert würde, hätten die Eltern der Kinder kein Geld mehr übrig für Urlaub und McDonalds, guckten einige der Kinder doch ziemlich fassungslos. Überhaupt waren die Reaktionen erfrischend deutlich. Als der grüne Spitzenkandidat gefragt wurde, ob er denn Vegetarier wäre und mit einem „Nein“ („Flexitarier, hin und wieder Fleisch“ etc.) antwortete, war die Missbilligung des Kinderpublikums deutlich zu merken.

Für mich war der Höhepunkt der Sendung, als von allen sechs Politikern Kinderfotos gezeigt wurden und jede/r erzählen sollte, wie er/sie als Kind denn so war. Wer hätte gedacht, dass von allen Kindern auf den Fotos der “Rechtsaussen”-Kandidat der niedlichste war? Und haben wirklich alle, die das jetzt behaupten, so zünftig den ganzen Tag draußen gespielt, als sie Kinder waren? Und waren sie wirklich solche Sportskanonen? Als Ministerpräsident Mark Rutte bekannte, dass in seinen Zeugnissen öfter mal stand „er lenkt andere ab“, bemerkten die Repräsentanten der anderen Parteien sogleich, dass sich daran bis heute nichts geändert hätte.

Auch die Fragerunde am Schluss war interessant. Jeder Erwachsene, der die in Debatten am meisten gefürchteten Kandidaten fragen würde “Welches Tier würden Sie am liebsten sein?”, “Wovor haben Sie am meisten Angst?” oder – noch besser – “Was machen Sie eigentlich genau mit Ihren Haaren, dass die immer so straff liegen und so blond sind?” würde sicher (rein rhetorisch natürlich) sogleich zur Krokette verwurstet. Aber Kinder kommt damit durch und bekommen selbst eine Antwort. Nur das Geheimnis der Haare wurde auch hier nicht gelüftet!

Meiner Meinung nach war das Jeugdjournaal die Sendung mit dem interessantesten TV-Beitrag zum Wahlkampf. Im Spätsommer werde ich aufpassen, ob es so etwas in Deutschland auch gibt! Welches Tier wohl die deutschen Spitzenkandidaten am liebsten wären? Ich habe da bei fast allen schon Ideen…

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Autor: bbr

Hallo, ich bin Beate Brinkman, der bbr.harlekin. Ich bin Redakteurin und Autorin für den Harlekin.Blog e.V. und im “Hauptberuf” in einem international agierenden IT-Unternehmen als Support Coordinator tätig. Bisher habe ich in deutschen, niederländischen, amerikanischen und indischen Unternehmen gearbeitet und viele Erfahrungen mit multikultureller Zusammenarbeit machen dürfen. Seit vielen Jahren lebe ich als Deutsche in den Niederlanden und habe festgestellt, dass schon allein die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern ganze Bücher füllen können. Aus beruflichen und privaten Gründen gilt dem multikulturellen (Miss-)Verständis mein besonderes Interesse. Ob es um Essen, Sprache, dienstliche Conference Calls oder die Gestaltung von Begräbnissen geht – wenn die Kulturen mehrer Länder aufeinander stoßen, wird es spannend. Und das führt zu manchmal unerfreulichen, oft sehr komischen, aber immer lehrreichen Situationen.

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