Leben wir wirklich in einer Wissensgesellschaft?

Es gibt für unsere Gegenwart etliche Signaturen: das Digitalzeitalter, die Informationsgesellschaft, die post-industrielle Ära, das Anthropozän. Das sind noch nicht einmal alle. Eine davon ist Wissensgesellschaft. Und aus verschiedenen Quellen verlautet, dass wir derzeit in genau dieser leben. Fühlen Sie sich in einer Wissensgesellschaft? Ich habe mir mal diese Frage gestellt und dazu gingen mir diese Gedanken durch den Kopf.

Zunächst einmal: Was bezeichnet denn dieser Begriff eigentlich? Für mich charakterisiert er den Wandel von der Industriegesellschaft zur wissensbasierten Produktions- und Dienstleistungsgesellschaft. Das weiß ich, weil ich selbst an diesem Wandel teilhabe. Somit erhält also dieser Begriff eine an der Ökonomie orientierte Sinngebung. In diesem Zusammenhang wird allerdings der Begriff Wissen auf die Bedeutung eines Produktionsfaktors reduziert, einer bloßen Ressource.  Und das ist für mich einfach zu kurz gezielt, wenn man den Begriff „Wissensgesellschaft“ auf unsere ganze derzeitige Gesellschaft bezieht.

Nehme ich die Wissensgesellschaft zum Nennwert, dann bestehen meine Zweifel in der Wahrnehmung einiger Widersprüche, die gar nicht zur Wissensgesellschaft passen wollen. Nun gehören Widersprüche und Paradoxien zum Alltag, kann mir besänftigend entgegnet werden. Ok, aber das Problem liegt tiefer.

Betrachten wir unser Bildungssystem. Wenn ich an die seit Jahren immer lauter werdende Kritik denke, erscheint mir unsere Wissensgesellschaft in einem sehr fragwürdigen Licht. Betrachten wir den (Weiter)Bildungsaufwand, der in Unternehmen geleistet werden muss, um die Arbeitsfähigkeit der neuen Mitarbeitenden zu erreichen,  ist das Niveau unseres Bildungssystems offensichtlich nicht ausreichend. Ursprünglich ist ja das Ziel der Politik, mit dem Bildungssystem die Ressourcen der Wirtschaft bereitzustellen, die diese für ihre Prosperität braucht. Damit werden wir aber bestenfalls nur satt.

Aber reicht ein solches Verständnis von Wissen in unserer Zeit noch aus, angesichts der großen globalen Herausforderungen? Mir scheint in dieser Gesellschaft das Gleiche mit Wissen zu passieren, was wir mit Geld und materiellen Werten seit einiger Zeit beobachten können: Die sich zunehmend öffnende Schere von reich und arm verhält sich wie gebildet und dumm. Und beides immer im Verhältnis von Wenigen zu Vielen. Mit zunehmender Tendenz.

Keine guten Voraussetzungen angesichts der zu bewältigenden Aufgaben, unsere Lebensbedingungen und die für unsere Kinder und Enkel auf diesem Planeten zu sichern.

Wenn ich nun Wissen mit solchen hehren Zielen in Beziehung setze, drängt sich mir die Frage auf: Was für ein Wissen brauchen wir denn überhaupt? Und wenn ich noch nicht darüber verfüge: Wo bekomme ich es her? Nun aber können wir uns Wissen nicht einverleiben wie ein Glas Riesling. Mit Biotechnologie und KI wird das eines Tages sicher so oder ähnlich gehen. Darauf können wir aber nicht warten. Handeln müssen wir heute. Und dafür brauchen wir dieses Wissen. Unterstellen wir mal zu wissen, welches Wissen wir brauchen. Dann liegt das Schwierigste immer noch vor uns.

Das Bilden von Wissen ist nämlich eine höchst anspruchsvolle und energiezehrende Form von Selbstkonstruktion. Sie kostet obendrein noch Zeit. Ausgangspunkt sind vertrauenswürdige Daten, die wir wahrnehmen und die unser Bewusstsein in-formieren. Und erst wenn wir diese Informationen mit bereits vorhandenen zu etwas für uns Sinnhaftem verbunden haben, können wir behaupten, etwas zu wissen.

Zwischenfrage: Wie häufig nehmen Sie sich als Mitglied dieser Wissensgesellschaft in einer solchen Situation wahr?

Eine merkwürdige Eigenschaft der Wissensgesellschaft ist vor allem die Unsicherheit darüber, welchen Quellen man überhaupt noch vertrauen kann. Wie passen überhaupt Fake News, Bubbles, Echokammern und das sogenannte post-faktische Zeitalter mit dieser Wissensgesellschaft zusammen? Ist denn ein:e Einzelne:r überhaupt noch fähig, sich in dieser VUCA-Welt zu orientieren? Zwar geht es schon lange nicht mehr um richtig oder falsch, aber doch mindestens um Plausibilität.

Zweite Zwischenfrage: Aus welchen Medienquellen konstruieren Sie sich denn Ihr Weltbild?

Am Ende kommt ja in der Regel eine Schlussfolgerung. Meine lautet: Lasst uns die Wissensgesellschaft in eine Wissensbedarfsgesellschaft umbenennen. Das passt auch eher zu den vielen verschiedenen Initiativen zum Lernen, insbesondere zum informellen Lernen, zum lebenslangen Lernen und natürlich ganz trendig zum agilen Lernen. Angereichert und unterstützt mit Rahmenrichtlinien der EU zu Schlüsselkompetenzen und “future skills”. Ich finde es bemerkenswert, dass diese Initiativen alle außerhalb unseres bürokratisierten Bildungssystem entstanden sind und offensichtlich ein gesellschaftliches und wirtschaftliches Bedürfnis spiegeln. Den allfälligen Umbau bzw. Neubau des Bildungssystems werden wir nicht mehr erleben, daher rate ich: Rette sich, wer kann – oh sorry, ich meine: Bilde sich, wer kann. Dann könnte sogar eine Bildungsgesellschaft entstehen, die ihren Namen verdient.

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