Lob der Pause (Teil 2)

Lassen Sie sich doch mal gehen…

Ist „gehen lassen“ nicht ein wunderbarer Ausdruck? Gerade für den Hefeteig hat er besondere Bedeutung. Nur dann, wenn ein Hefeteig lang genug geht, er also in aller Ruhe vor sich hin blubbern kann, wird er wachsen (im Idealfall sogar sein Volumen verdoppeln und verdreifachen)  und sich dadurch zur Grundlage für ein leckeres Brot oder einen besonderen Kuchen entwickeln. Wenn man ihm keine Ruhe gönnt, wird das Brot fest, niedrig und manchmal innen sogar feucht. Ich habe viele Brote gebacken – glauben Sie mir, so ein Brot wollen Sie nicht essen.

Mittlerweile kennen Sie meine Vorliebe, bestehende und lang erprobte Ordnungen zu hinterfragen. Ist eine lange gelebte Praxis noch bewusst gelebt, passt sie also zu den aktuellen Gegebenheiten oder ist sie eine Routine, die eigentlich nichts mehr mit der erlebten Wirklichkeit zu tun hat? Gehört sie also abgeschafft?

Beispiel (der Sarkasmus ist beabsichtigt): Wie entstehen in Ihrem Unternehmen oder in Ihrem Verantwortungsbereich Ideen, um sich schnell an Marktveränderungen anzupassen? Sind Sie immer noch der Meinung, Sie als Chef oder Ihr Chef müssten die besten Ideen dazu liefern? Und als Chef: Ziehen Sie immer noch Ihren Selbstwert aus dem Gewinn eines Konkurrenzkampfs  mit Ihren Mitarbeitern? Solange es Sieger und Verlierer gibt in diesem Kampf, machen Sie etwas falsch. Oder gibt es dort, wo Sie arbeiten, eine „Entwicklungs-Abteilung“, die das Thema verantwortet, und auf die Sie schimpfen können, weil’s zu lang dauert?

Und was hat das mit Hefeteig zu tun?

Es passiert also eine ganze Menge, während der Teig vorgibt zu ruhen. Der Teig macht eine aktive Pause, ja ich möchte sogar sagen, eine kreative Pause. Er bekommt die Zeit, die er benötigt, um Neues entstehen zu lassen.

Probieren Sie doch mal folgendes aus, wenn Sie Mut und Vertrauen in Ihre Mitarbeiter haben: Aus dem agilen Projektumfeld kennen wir die Slacktime. Slacktime bedeutet, alle MitarbeiterInnen nehmen sich bewusst Zeit, um Neues zu entwickeln. Sie steigen ausdrücklich für eine vorher definierte und für alle gleiche Zeit aus dem hektischen (Projekt-)Tagesgeschäft aus und kümmern sich um ganz andere Themen, die aber etwas mit dem Unternehmen, in dem sie arbeiten, zu tun haben sollen.

Ich weiß nicht, ob es für alle Google-Niederlassungen gilt, aber man hört, dass dort jeden Freitag die Entwickler die Chance haben, Nebenprojekte zu entwickeln. Auf diese Weise soll Gmail entstanden sein. In einem mir bekannten Unternehmen werden nach jedem Sprint Pausen gemacht. Je nachdem, wie lange der Sprint dauert, beginnt der nächste Sprint erst vier Stunden bis 2 Tage später.

Oder in einem Unternehmen in Düsseldorf scheint es Gold Cards zu geben: in jeder Iteration bekommt jeder Entwickler einen Gutschein, den er gegen einen „freien“ Tag einlösen kann. 2

Oder veranstalten Sie doch einmal einen Exploration Day, indem sich alle Mitarbeiter in einer Open Space –Veranstaltung (auf diese Methode zur Großgruppenmoderation gehe ich in einem späteren Beitrag näher ein) mit der Gestaltung des Unternehmens beschäftigen. Schon im Vorfeld werden Themen gesammelt, und am Morgen des OS-Workshops  noch mal alle Themen vorgestellt und weitere gesammelt. Damit wird sichergestellt, dass wirklich alle MitarbeiterInnen eine Chance hatten, gehört zu werden. Nach der Bearbeitungsphase, die streng nach OS-Gesetzen abläuft3, werden alle Ergebnisse vorgestellt und auch die nächsten Schritte beschrieben. Möglicherweise braucht ein Thema ja mehr Zeit als diesen Workshop, um entwickelt zu werden.

Und: Manche Slacktime-Projekte können zu echten Produkten werden, manche nicht. Bei Slacktime handelt es sich nicht um „120%-Time“ , also keine „Überstunden“. Und es herrscht kein Ergebnisdruck. Hektik, Stress und Dauer-Fokussierung können MitarbeiterInnen daran hindern, kreativ und offen für Neues zu bleiben. Ein müder, ausgelaugter  Mensch ist selten kreativ, schon gar nicht innovativ.

Slacktime nutzt das bewusste Aussteigen aus dem Tages- und Projektgeschäft, um Neues, Besseres für das Unternehmen zu entwickeln. In einem Unternehmen, in dem dieses Mindset gepflegt wird, ist jede und jeder eingeladen, das Unternehmen weiterzuentwickeln. Ein Plus für die MitarbeiterInnen und für das gesamte Unternehmen.

1https://www.lebensmittellexikon.de/t0000860.php

2 https://www.informatik-aktuell.de/management-und-recht/projektmanagement/slack-time-open-space.html
Hier finden Sie eine gute Beschreibung, wie Sie die richtige Slacktime für sich entdecken und wie Sie Slacktime einsetzen können.

3 Im OpenSpace gilt das Gesetz der 2 Füße: Ich arbeite an dem Thema, das mich interessiert. Entweder bin ich „Schmetterling“ und wandere von einem Thema zu einem anderen oder ich bin „Hummel“ und bleibe bei einem Thema, weil ich es befruchten kann.

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hfi

Autor: hfi

Hallo, ich bin Heike Fillhardt, der hfi.harlekin aus dem Rheingau. Ich leite und begleite seit Anfang der 90er Jahre Veränderungsprozesse in internationalen Unternehmen im Rahmen von Reorganisationen, Fusionen und Leitbildumsetzungen. Dabei vertraue ich auf die Kraft der Gruppe und arbeite nach dem Grundsatz: es gibt immer eine Lösung, egal wie lange es dauert. Viele Führungskräfte empfinden sich als „lonesome hero“ – ein Bild, das sich – wem auch immer sei Dank – endlich auch in Deutschland zu verändern scheint. Und ich freue mich über jedes Projekt im Rahmen von Agilität. Neben Erfahrungen aus dem klassischen Projekt- und Changemanagement bringe ich auch breites systemisches Methodenwissen ein. Ich bin Scrum-Master und Leadership Agility Coach. Erkenntnisse aus meinen verschiedenen physio- und psychologischen Ausbildungen fließen ebenso in mein Wirken ein wie meine Erfahrung als Dozentin und Mutter. Ich wirkte 14 Jahre als Managementberaterin, Coach und Trainerin in verschiedenen Unternehmen. Seit 2007 bin ich selbständige Beraterin mit eigener Coachingpraxis. Seit 2012 bin ich Kung-Fu-Schülerin. Und im Laufe der Jahre flossen immer mehr Körperübungen in meine Workshops und Trainings ein. Denn nur wer sich bewegt, ist auch langfristig erfolgreich. Meine Kunden schätzen vor allem das Umsetzen der theoretischen Themen in Spiel und Körperübungen, meine systemische Sicht auf das ganze Feld, das schnelle Einstellen auf situative Bedürfnisse, meine klare und wertschätzende Sprache und die konsequente Zielverfolgung.

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