Im Land der aufgehenden Wonne …

Vor kurzem wurde ich um eine Urlaubsempfehlung gebeten, auf die ich ohne Zögern reagierte: Asien!

„Ooh, nein, dort ist es heiß, schwül und schmutzig“ war die Reaktion.

Unsere jüngsten Erfahrungen in Japan zeigen aber genau das Gegenteil. Das erste, was uns auffiel, als wir mit dem Hochgeschwindigkeitszug nach Tokio fuhren: Wie sauber alles ist! Gedrängt und überlaufen? Ja, aber was ist anderes zu erwarten, wenn 38 Millionen Japaner in einer Stadt leben wollen/müssen?

Alle Häuser sind makellos und gepflegt, es gibt keine Graffitis und die Straßen sind frei von Abfällen, Kaugummis und Hundesouvenirs. Man hat uns erklärt, dass nach dem Sarin-Angriff auf die U-Bahn in Tokio alle Abfallbehälter entfernt werden mussten, aber das allein kann den japanischen Drang nach „Reinlichkeit“ nicht erklären.

Die meisten Leute haben schon davon gehört, dass Japaner beim Betreten des Hauses ihre Schuhe ausziehen. Die Realität ist allerdings deutlich komplizierter. Bei einem Besuch in Tokio „durften“ wir am Eingang zur Wohnung die Straßenschuhe gegen bequeme Hausschuhe tauschen, allerdings nur bis zum Wohnzimmer mit (sehr) niedrigem Tisch und einfachen Kissen zum Knien. Denn mit „dreckigen“ Pantoffeln darf die edle Bambusmatte in der Mitte nicht besudelt werden – nur Socken oder blanke Füße sind hier noch erlaubt.

Das ist aber noch nicht alles, für den unerfahrenen Westler gibt es weitere Hausschuh-Fettnäpfchen. Denn wenn beim Japaner nach den leckeren Sushis die Natur ruft, zieht er sich auf Hausschuhen diskret ins Badezimmer zurück, wo er vor dem Betreten diese Hausschuhe gegen eigene Toilettenschuhe wechselt.

Damit entsteht eine unerwartete Herausforderung. Ob nach ein paar Bieren oder einem leckeren Sake, irgendwann kann man sich den Weg zur Toilette nicht mehr verkneifen. Auch wenn man sich nur die Nase pudern/putzen möchte – die Höflichkeit gegenüber seinem Gastgeber erfordert, dass man sich dafür außer Sichtweite begibt. Auch hier ist die Toilette die beste Empfehlung.

Mit der Entscheidung für den Besuch des „Örtchens“ beginnt die Ouvertüre eines eindrucksvollen Erlebnisses. Denn zuerst kämpfen Sie sich vom Boden hoch (oder diesem niedrigen Stuhl), taumeln mit inzwischen eingeschlafenen Gliedmaßen bis zum Rand der Matte – und ziehen dort die ausgeliehenen Hausschuhe an. Sie schaffen bequem die 10 Meter zur Toilette.

Dort müssen Sie nun allerdings, da es ja keine Stühle gibt, im Grenzbereich des eigenen Gleichgewichts die Schuhe wechseln – bevor Sie eintreten. Was jetzt kommt, sieht ja keiner, aber die Japaner sind dermaßen sauber, dass sie sich schon waschen, bevor sie ins Bad gehen …

Also Händewaschen ist o.k., aber das Schlüsselelement dieses Erlebnisses ist das japanische Hightech-Klo. Schon beim Öffnen der Badezimmertür öffnet sich der Deckel automatisch und lädt zum gegenseitigen Kennenlernen ein. Beim Erstkontakt wird jeden die warmherzige Begrüßung überraschen: Denn der Sitz ist beheizt!

Anschließend empfiehlt es sich, die Konsole mit den unzähligen Tasten und Beschriftungen zu studieren. Die meisten sind nur für Asiaten verständlich, aber glücklicherweise gibt es ein paar Symbole, die auch den Analphabeten japanischer Schriftzeichen verständlich sein „können“. Man sollte sich hier vorab orientieren, denn fast alle japanischen Toiletten haben eine Bidet- und/oder „hintere“ Waschfunktion. Man könnte also noch Richtung und Druck des Wasserstrahls einstellen, der bereits auf das „Vergnügungszentrum“ gerichtet ist.

Einige Hightech-Klos bieten zusätzlich Temperaturregelung, pulsierendes Wasser, Gebläsetrocknung, Desodorierungsmittel und – ACHTUNG – laute Hintergrundmusik (um die „peinlichen“ Geräusche zu überdecken). Hat man die Waschanlage überstanden und ist aufgestanden, spült die Toilette automatisch, der Deckel schließt sich. Ich empfehle, nicht mit der Toilette zu experimentieren: Wenn die Näherungsschalter nicht funktionieren, bekommt man auch eine kostenlose Dusche.

Was für ein Kulturschock muss eine europäische Toilette für japanische Touristen sein, die halten uns immer noch für die Barbaren aus dem Westen – halt Gaijins.

Englischer Originaltext: BCO
Deutsche Übersetzung: UTO

Bildquellen

  • Japanese toilet: BCO
bco

Autor: bco

Hallo, ich bin Bernie Cornwell, der bco.harlekin. Wie schon meine Signatur-Kappe unten suggeriert, bin ich Wirtschaftsflüchtling aus England und seit der Brexitabstimmung Wahlexilant. Über Umwege via Sprachunterricht und Sozialarbeit bin ich bei der IT gelandet. Ich war in die Technik total verknallt und nach meinem ersten Realisierungsprojekt bei einer Berufsgenossenschaft habe ich mich als Business Analyst und Projektleiter sukzessiv immer weiter von der Technik entfernt… Inzwischen verdiene ich mein Brot als Berater, Trainer und Coach im Projektgeschäft in jeder beliebigen Branche. Mein Hintergrund und meine Reiselust führen mich überwiegend zu Einsätzen in der ganzen Welt oder/auch bei multikulturellen Unternehmen im deutschen Sprachraum. Mit den Jahren hat sich meine berufliche Einstellung wesentlich geändert. Früher Missionar in der Sache des methodischen Vorgehens, sehe ich mich nun eher als Lebenshelfer im Projektumfeld. Das Arbeiten in einem Projektteam kann lehrreich, stimulierend und begeisternd sein; es soll weder Mission Impossible noch Himmelskommando sein. Projekte können der beste Ansatz sein, Innovation, Wirtschaftlichkeit und reizvolles Arbeiten zu fördern. Warum lieben Projektleiter den „surrealistischen“ Dilbert? Weil er tägliche Projektsituationen darstellt, die wir wiedererkennen. Und weil sie leider recht realistisch sind.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.