Auf alles eine Antwort?

 Die Frage ist nur, welche!

Hier in den Niederlanden werden mir oft sehr interessante Fragen gestellt. Ältere Verwandte meines Mannes, die nicht vertraut sind mit Navigationsgeräten (oder gar Google Maps), rufen an und fragen mich nach der besten Route, um von Würzburg nach Tauberbischofsheim zu fahren. Nun bin ich in dieser – zweifellos sehr schönen – Region Deutschlands nicht oft gewesen und kann nicht viel zur Aufklärung beitragen. Deswegen habe ich schon beinahe ein schlechtes Gewissen.

Andere Verwandte stehen mit ihrem Wohnmobil auf einem Campingplatz am Bodensee und fragen per Familien-App, was sie sagen müssen, um beim Bodenseebäcker ein Brot zu bekommen, das ihnen schmeckt.  Ich erkläre ihnen dann, dass ein Vollkornbrot in Deutschland etwas anderes  ist als in den Niederlanden, und empfehle, es einmal mit “Mischbrot” zu versuchen.

Abends im Vorgarten kommt der Nachbarsjunge und fragte mich, ob ich ihm “mal eben” die Grundzüge des deutschen Rentensystems erklären kann, denn in der Schule behandeln sie gerade die europäischen Sozialversicherungssysteme im Vergleich. Nun ist seine Einschätzung natürlich schmeichelhaft, dass es bei mir schneller geht als mit Wikipedia, also male ich ihm mit Kreide eine Skizze auf den Deckel der Komposttonne und erkläre ihm das Modell in seinen Grundzügen.   

Auch nach den tagesaktuellen Preisen für Benzin an deutschen Tankstellen werde ich gefragt, und was in deutscher Cervelatwurst drin ist. Meine Umgebung nimmt anscheinend an, dass mein deutscher Pass mich zur Expertin in wirklich allen deutschen Themenfeldern macht.  Schön wär’s! Mir wird dabei immer wieder bewusst, wie gross und vielseitig Deutschland ist! Frei nach Sokrates merke ich, wie viele mein Mutterland betreffende Details ich nicht weiss. Und auch, was mich von Siri und Alexa unterscheidet.

Angeregt durch das Kabarettistinnen-Duo “Missfits”, das bei ihrer Abschiedstournee ankündigte, sie würden in Zukunft Navigationsgeräte für’s Auto einsprechen (wobei das Publikum sogleich ein Bild von Autofahrern vor Augen hatte, die weinend hinter’m Steuer zusammenbrechen) stelle ich mir manchmal vor, ein paar geniale Hacker würden die virtuellen Leben von Siri und Alexa von Grund auf verändern. Sie und ihren diversen Kollegen und Kolleginnen würden neu programmiert und antworten von da an so, wie Menschen aus Fleisch und Blut antworten würden und wie wir es von Freunden und Bekannten kennen.

“Alexa – bestell die CD XYZ!” – “Du spinnst ja wohl – bestell sie doch selber!” – Oder – mit pädagogischem Touch – “Wie heisst das Zauberwort? – “Bitte!” – “Na also! Geht doch!”

“Hey, Siri – such mir einen Schnell-Imbiss im Umkreis von 10 km!” “Was, schon wieder Pommes? Iss doch mal was Vernünftiges! Du wolltest doch 2 Kilo abnehmen. Soll ich mal im Vegan-Restaurant “fair.liebt” einen Tisch für Dich reservieren?”

“Hey, Siri – ruf Anna an!” – “Um diese Zeit? Vergiss es. Du weisst doch, dass Deine Mutter zwischen 13 und 15 Uhr immer einen Mittagschlaf macht!”

Das wären Antworten “auf Augenhöhe”, die den Menschen fordern! Aber wahrscheinlich wäre das selbst von den cleversten Hackern programmiertechnisch zu viel verlangt. Schade eigentlich!

Vor einigen Wochen hatte ich Kontakt mit dem automatischen“Chat-Assistenten” von Amazon, um zu fragen, ob ein Geschenkgutschein, der bei Amazon in Amerika für mich gutgeschrieben war, auf Amazon.de oder .nl übertragen werden kann. Am Ende des Dialogs hatte ich den Eindruck, der Chat-Assistent war näher dran als ich, vor Verzweiflung aus dem Fenster zu springen! Für diese Situation war offensichtlich kein Lösungsansatz programmiert, und die Aufforderungen des Assistenten, meine Frage doch noch einmal neu zu formulieren, klangen immer panischer. Ich musste mich selbst erinnern “Das ist kein Mensch, der Angst hat, dass er gleich gefeuert wird. Das ist ein Maschine!”, um aufkommendes Mitleid im Keim zu ersticken.

P.S.: Hin und wieder habe ich auch mal mit Personen zu tun, bei denen ich vermute, dass sie zu oft mit Siri sprechen und zu selten mit echten Menschen. Klare Kommandos, kein “Bitte”, kein “Danke” – und schon gar kein sozialverträglicher Small Talk. Vielleicht hatten die deutschen Bischöfe 2019 ja recht mit ihren Bedenken! (Bischöfe warnen vor Alexa und Siri | heise online) Aber in meinem Leben sind durch Siri und Alexa manierengestörte Menschen glücklicherweise die Ausnahme.

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Autor: bbr

Hallo, ich bin Beate Brinkman, der bbr.harlekin. Ich bin Redakteurin und Autorin für den Harlekin.Blog e.V. und im “Hauptberuf” in einem international agierenden IT-Unternehmen als Support Coordinator tätig. Bisher habe ich in deutschen, niederländischen, amerikanischen und indischen Unternehmen gearbeitet und viele Erfahrungen mit multikultureller Zusammenarbeit machen dürfen. Seit vielen Jahren lebe ich als Deutsche in den Niederlanden und habe festgestellt, dass schon allein die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern ganze Bücher füllen können. Aus beruflichen und privaten Gründen gilt dem multikulturellen (Miss-)Verständis mein besonderes Interesse. Ob es um Essen, Sprache, dienstliche Conference Calls oder die Gestaltung von Begräbnissen geht – wenn die Kulturen mehrer Länder aufeinander stoßen, wird es spannend. Und das führt zu manchmal unerfreulichen, oft sehr komischen, aber immer lehrreichen Situationen.

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