Denn sie wissen, was sie tun!

Manchmal überraschen mich Kunden, weil ich von ihnen lerne, „wie man’s richtig macht“. Ich meine damit, wie schnell manchmal Transformationen klappen, die vorher keiner für möglich gehalten hat. Seit einigen Jahren schon bespreche ich immer mal wieder mit dem Vorstand eines Vereins, der sich zum Ziel gesetzt hat, Jugendarbeit neu zu definieren und zu gestalten, wie sie sich kontinuierlich verändern und verbessern können. Was macht CREW, so heißt der Verein, besonders?

Wie vieles leicht und selbstverständlich geht….

Alle Projekte und Aktivitäten werden von den jungen Leuten selbstverantwortlich organisiert, sie sind agil. Wenn ein Projekt ins Leben gerufen wird, findet sich eine Gruppe von Interessierten und tüftelt an einem Plan, das Vorhaben zu verwirklichen und in die Tat umzusetzen, ohne dass eine verantwortliche Führungskraft die letzten Entscheidungen trifft. Die Jugendlichen holen sich fachmenschliche Unterstützung wo nötig und ansonsten „bauen“ sie selbständig. Auf diesem Wege wurden beeindruckende Vorhaben realisiert:

  • Ein Konzert- und Vorführungsraum, ausgestattet mit feinster Technik
  • Die Gestaltung eines wunderbaren Außengeländes mit fest installierter und damit sicherer Feuerstelle
  • Eine Beach-Lounge mit Holz-Sonnen-Klappliegen mit Vereinslogo
  • Ein von den Jugendlichen selbst gebauter Bauwagen, in dem sie ein Bistro betreiben, unter Berücksichtigung aller Hygienevorschriften und von einer „Über 18-jährigen“ beaufsichtigt. Die Selbstverantwortung geht so weit, dass der Bistro-Wagen geschlossen bleibt, wenn sich für einen Samstag oder Sonntag keine Mindestzahl an Bistro-Arbeiter:innen eingetragen hat. Dann fehlen halt die Einnahmen! Das passierte bisher aber nur selten.
  • Eine mit elektrischen Finessen (inkl. Lichtanlage) ausgestattete Bühne ist im Außenbereich entstanden. Im neuen Jahr sollen davor feste Sitzgelegenheiten gebaut werden, in der Art eines griechischen Theaters, damit ein wenig „Festival“-Stimmung aufkommen kann.

Bei den Jugendlichen wird nicht danach gefragt, ob etwas darf oder nicht darf, geht oder nicht geht – es wird gemacht, das Zielbild fest vor Augen. Das erlebe ich in Unternehmen manchmal anders. Da scheint es bisweilen schwer, Selbstverantwortung in allen Facetten zu leben. Letztens meinte noch ein Kunde zu mir: „Aber ich muss doch meine Mitarbeiter kontrollieren! Die machen ja sonst nichts oder nur was sie wollen.“ Ja, das alte Menschenbild! Kontrolle ist gut, aber besser wäre es, das Team zu befähigen, den Erfolg der Arbeit gegenseitig und selbständig kontrollieren zu können und so gemeinsam zu wachsen.

Eine Welt ohne Verbote? Ja, das geht.

Ferienfreizeiten und hoch kreative Ferien-Angebote vor Ort, die viele Jugend-Vereine veranstalten, haben ihre Besonderheit bei CREW durch ein reduziertes Regelwerk, aber starke Prinzipien: Es gibt so gut wie keine Verbote! Es gibt vielmehr Appelle und regelmäßige Dialoge, z. B. zum Thema „Wann und wo nutze ich auf einer Freizeit mein Smartphone und wo nicht?“ und andere Themen.

Ich hörte, dass bei Freizeiten, die andere Vereine veranstalten, gerne mal am Anfang der Reise die Smartphones eingesammelt werden, damit die „lieben Kleinen und Größeren“ nicht so viel spielen. Sie dürfen dann 1 Stunde am Tag ihr Handy wieder haben. Bei CREW läuft das ganz anders: Hier entscheidet das jeweilige Kind / der oder die Jugendliche selbst, wie sie / er mit der Technik umgeht. Bei den kreativen Angeboten am Tag und am Abend überlegt sich jedes Mitglied schnell, ob es „daddeln“ oder doch lieber bei den anderen dabei sein möchte. Und Selbstverantwortung führt so zu mehr Selbst-Wirksamkeit!

Wenn Unternehmen unter Druck geraten, erlebe ich oft, dass Gebote und Verbote und einengende Restriktionen ausgesprochen werden. Das schmälert die Eigenverantwortung der Mitarbeiter enorm, erhöht aber die vermeintliche Kontrollfähigkeit der obersten Führungsebene. Es würde Vertrauen, Dialog, Transparenz und Zeit brauchen, um die Mitarbeiter zu entwickeln und sie zu befähigen, in Krisensituationen selber zu entscheiden, was sinnvoll zu tun wäre im Sinne des gesamten Unternehmens. Da kontrolliert es sich doch viel schneller!

Strategie-Entwicklung mit 55!

Natürlich ist CREW auch wirtschaftlich erfolgreich. Und jeder weiß, dass Erfolg auch einen erhöhten Administrations- und Projektmanagementaufwand nach sich zieht. Das verantwortliche „Top-Management“ ist für CREW aber nur ehrenamtlich tätig, wie so oft in Vereinen. Also müssen neue Strukturen und Prozesse entschieden und eingezogen werden.

Und dazu veranstaltet dieser Verein ein großes Strategiemeeting! Die CREW-Manager wollen auch weiterhin Erfolg haben und gestalten ihren Verein strategisch um, gemeinsam mit allen Verantwortlichen!

Dazu fand im Oktober im Rahmen einer „project week“, zu der alle Führungskräfte und Teamer eingeladen wurden, ein Workshop statt, der zu gemeinsam getragenen strategischen Ergebnissen führen sollte. Ich hatte also die große Freude, mit 55 (!) jungen Menschen an einem Tag dieser Woche einen Strategieworkshop zu veranstalten.

Als ich den Covid-Test mit Bravour bestanden hatte (erst dann wurde ich vorgelassen), lernte ich 55 aufgeweckte und neugierige Menschen kennen. Ich stellte mich und meine Arbeit kurz vor, noch immer im Glauben, ich müsste wer weiß was für didaktische Raffinessen anwenden, um sie „in Schach“ zu halten. Den konnte ich schnell ablegen: Vor mir saßen aufmerksame und interessierte Zuhörer:innen, die mir schon bei der Vorstellung am Abend vor dem Workshop Fragen stellten. Wie oft sitze ich in Erwachsenen-Workshops und erlebe genau dort Stille, wo sie Fragen an mich loswerden könnten. Fragen bedeutet Neugier zu zeigen. Verliert man dies als Erwachsener eigentlich?

Alle Angebote in der „project week“ wurden wie eine Open-Space-Veranstaltung  von den jungen Leuten selbstverantwortlich organisiert, in kleinen Einheiten vor der jeweiligen Essenspause beworben und konnten direkt über Teams und Outlook angelegt werden. Mehrere große Bildschirme an verschiedenen Standorten am Veranstaltungsort schafften Transparenz über Workshops und verfügbare Zeitfenster. Und damit das auch alles klappt, wurde natürlich das eigenen Netz mitgebracht!

Bei einem Gespräch am Vorabend des Strategie-Workshops warnte mich ein Vorstand, dass ich auf meine Sprache achten solle, da ja nicht jede Teilnehmer:in meinen Berater-Jargon verstehen würde. Ein wichtiger Hinweis. Am nächsten Tag startete ich also mit dem Wunsch, dass sie mir sofort zurück melden sollen, falls ich ein Kauderwelsch reden würde, das keiner verstehe.

Dann ging es also los: So viel Kreativität und Zukunftsgewandtheit auf Anhieb erlebe ich selten. Alle waren sofort bereit, sich mit einem Bild auseinanderzusetzen, wie der Verein in Zukunft aussehen könne und welchen Beitrag Einzelne dazu leisten wollen, ohne Widerstand, ohne Unwohl. Die Fähigkeit vom Jetzt-Zustand in die Zukunft zu denken, sich vorzustellen, wie eine Organisation der Zukunft aussehen kann, scheint bei jungen Leuten viel lockerer vonstatten zu gehen. Man kann viel lernen von „den Jungen“! Ich stelle mir gerade vor, wie ein gemeinsamer Workshop bei einem meiner „etablierten“ Kunden und CREW aussehen würde…

Es gab auch überhaupt kein Problem mit der Gruppenfindung – noch so ein Vorurteil, mit dem ich angereist war. Kluckende Freundesrunden trennten sich ganz selbstverständlich, um sich als Gesamtgruppe besser kennen zu lernen. Alte Hasen mischten sich mit Neueinsteigern. Den gesamten Tag über arbeiten die Teilnehmer:innen in immer neuen und manchmal vom eigenen Vorstand moderierten Gruppen an tragfähigen Ergebnissen.

Stärkenorientiertes Führen – wie cool ist das denn?

Als ich am Vormittag eine kleine Pause hatte, fand ich auf dem Tisch mit meinen Unterlagen eine kleine Karte, auf der stand: „Liebe Heike, du sprichst ganz wunderbar. Ich kann alles genau verstehen.“ Ich war von dieser Kudo-Karte berührt und sie hat mich froh gemacht. Genau das soll sie auch: Kudo Cards sind ein Instrument aus der Management 3.0 Welt, das als Feedback-Instrument auf Wertschätzung setzt, statt Kritisches hervorzuheben. Der Begriff „Kudo“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Ehre, Ruhm und Anerkennung. Es geht darum, den Kolleginnen und Kollegen zu besonderen Leistungen zu gratulieren oder einfach Danke zu sagen. Auf dem Tisch im CREW-Plenum stand eine Box mit verschiedenen selbst produzierten und mit dem CREW-Logo versehenen Kudo-Cards, auf denen z. B. „Danke!“, „Gut gemacht“ „Toll!“ oder „Gratulation“ steht. Darunter sind einige Linien gezeichnet, auf die der Gruß handschriftlich vermerkt wird. Dauernd wurden von den Teilnehmern irgendwelche Karten geschrieben und verteilt. Wie leicht sich junge Menschen im Umgang mit Gutem tun, das zu einer stärkenorientierten Kultur führt.

Vor kurzem habe ich im Bereich eines etablierten Unternehmens versucht, Kudo-Cards einzuführen, weil die Mehrheit der 1. Führungsebene das gerne ausprobieren wollte. Eine dieser Maßnahme skeptisch gegenüber stehende Führungskraft meinte: “Wie sieht das denn aus? Ich kann doch jetzt nicht einfach zu meinen Mitarbeitern nett sein…. Da verliere ich doch mein Gesicht!“ Ach, wie schade, dachte ich, du Führungskraft schämst dich, weil du nett sein sollst, einfach mal nett sein und nicht immer rumkritteln? Scham hat viel mit dem Wunsch zu tun, die Würde in besonderen Augenblicken zu behalten. Dazu in einem anderen Artikel mehr. Sich aber zu schämen, weil man stärkenorientiert führen könnte, lässt mich immer wieder staunen.

Wir können viel von den jungen Menschen lernen. Gerne viel mehr.

Wir bedanken uns beim Verein CREW für die Mitarbeit und die zur Verfügung gestellten Fotos.

Bildquellen

  • Bauwagen-Bistro-05-21-7: CREW
  • Technik-Camp: CREW
  • Werwolf-Abend: CREW
  • MalZeit-05-21-10: CREW

Autor: hfi

Hallo, ich bin Heike Fillhardt, der hfi.harlekin aus dem Rheingau. Ich leite und begleite seit Anfang der 90er Jahre Veränderungsprozesse in internationalen Unternehmen im Rahmen von Reorganisationen, Fusionen und Leitbildumsetzungen. Dabei vertraue ich auf die Kraft der Gruppe und arbeite nach dem Grundsatz: es gibt immer eine Lösung, egal wie lange es dauert. Viele Führungskräfte empfinden sich als „lonesome hero“ – ein Bild, das sich – wem auch immer sei Dank – endlich auch in Deutschland zu verändern scheint. Und ich freue mich über jedes Projekt im Rahmen von Agilität. Neben Erfahrungen aus dem klassischen Projekt- und Changemanagement bringe ich auch breites systemisches Methodenwissen ein. Ich bin Scrum-Master und Leadership Agility Coach. Erkenntnisse aus meinen verschiedenen physio- und psychologischen Ausbildungen fließen ebenso in mein Wirken ein wie meine Erfahrung als Dozentin und Mutter. Ich wirkte 14 Jahre als Managementberaterin, Coach und Trainerin in verschiedenen Unternehmen. Seit 2007 bin ich selbständige Beraterin mit eigener Coachingpraxis. Seit 2012 bin ich Kung-Fu-Schülerin. Und im Laufe der Jahre flossen immer mehr Körperübungen in meine Workshops und Trainings ein. Denn nur wer sich bewegt, ist auch langfristig erfolgreich. Meine Kunden schätzen vor allem das Umsetzen der theoretischen Themen in Spiel und Körperübungen, meine systemische Sicht auf das ganze Feld, das schnelle Einstellen auf situative Bedürfnisse, meine klare und wertschätzende Sprache und die konsequente Zielverfolgung.

Ein Gedanke zu „Denn sie wissen, was sie tun!“

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