Glück ist kein Geschenk der Götter…

… sondern die Frucht innerer Einstellung.1

Seit vielen Jahren arbeite ich als Führungs-Coach. In dieser Rolle gehe ich alle paar Wochen mit Managerinnen und Managern, die ihren Job verloren haben, ins Kloster. Im Seminar arbeiten wir zu den Themen innere Bilder, Zukunft, Scheitern, Angst, Hoffnung und so weiter.

Entweder sind sie aus persönlich-konfliktären Gründen entlassen worden, fielen einer Restrukturierung zum Opfer oder haben selber entschieden, das Unternehmen zu verlassen. Was den Teilnehmern gemeinsam ist: Menschen, die bisher Macht über andere hatten, haben diese verloren. Bisher waren sie gewohnt, Visionen, Strategien und Konzepte zu entwickeln und Entscheidungen für andere zu treffen. Nun haben nicht selten andere über sie entschieden.

Daher fehlt manchen Teilnehmern die Vorstellung darüber, wie sie mit ihrer aktuellen Situation zielführend umgehen sollen. Viele von ihnen sind zum ersten Mal mit Existenzängsten konfrontiert. Manche fühlen sich „ohnmächtig“. Vielen fehlt das Handwerkzeug, wie man z. B. eine „richtige“ Bewerbung schreibt. Und wieder andere wissen nicht, wie lange das Geld reicht, um den bisherigen Lebensstandard, auch für die Familie, aufrecht zu erhalten. Und dann gibt es auch die Gruppe, die noch so viel Wut über das Erlebte in sich trägt, dass sie noch gar nicht in die Zukunft schauen kann. Intellekt und bisherige Erfahrungen reichen nicht aus, um diese komplexe Situation erfolgreich zu meistern.

„Solange wir lediglich alte Denkgewohnheiten runterladen, sind wir gefangen in unserer alten mentalen Welt. Wir sehen nur die Schatten an der Wand, Schatten, die durch vorbeigehende Figuren in unserer eigenen Vorstellung gebildet werden.“ 2

Und ich sehe im Seminar eine Menge Schatten, auf die die Teilnehmer schauen. Die Angst ist vor allem zu Beginn des Seminars fühlbar. Im Verlauf der 3 Tage haben die Teilnehmer aber die Chance, ihr gesamtes Potenzial, also auch Gefühle, Emotionen, Fähigkeiten aus anderen Kontexten und so weiter in ihre Lösungsfindung mit einzubeziehen. „Der einzige Weg nach draußen (raus aus unseren Gewohnheiten, die Autorin) ist, unsere Sinne zu aktivieren“ 3 .

Für manche ist das erstmalige Betreten der Klosteranlage schon der Eintritt in eine unbekannte Welt. Barocke Klöster sind oft imposant. Aber die Zimmer sind dort klein, sind modern-funktional eingerichtet, einen Fernseher gibt es nicht, das W-LAN funktioniert leidlich (wie so oft in deutscher Natur), das Telefonnetz kann man auf dem Gelände suchen und die Laufwege sind lang. Von Bequemlichkeit erst mal keine Spur. Daher fragen sich viele zu Beginn des Seminars auch: Will ich hier sein? Was soll ich hier? Und hoffentlich wird es nicht zu psychologisch (was immer damit gemeint ist…). Die Teilnehmer sind gezwungen, ihre Komfortzone zu verlassen.

Im Laufe des Seminars, meist schon am ersten Tag, entsteht der Wunsch, sich zu öffnen und mit Menschen in derselben Situation in Austausch zu treten. Erst wird bedauert und der Ärger über andere (Chefs, Kollegen, Beirat u. s. w.) ausgedrückt. Dann, nach dem ersten „Mimimi“, entsteht oft die Frage: Was bringt mich weiter? Wie geht es mit mir weiter? Wo will ich eigentlich hin? Die meisten Teilnehmer wissen zu Beginn nicht, wo sie hin wollen, sondern formulieren erst einmal, was sie zukünftig nicht mehr wollen. Das sind sogenannte Vermeidungsmotivationen. Doch, wie wir alle wissen, ist eine Weg-von-Strategie kein erfolgreicher „Beweg-Grund“, um erfolgreich und voller Freude eine Zukunft zu gestalten. Wenn die Teilnehmer nicht auch eine Annäherungsmotivation entwickeln 4, wird das nix.

Wie kommt man nun von einer Weg-von zu einer Hin-zu-Strategie? Dazu erarbeiten die Teilnehmer zunächst, was sie in ihrem Leben wirklich erfolgreich und glücklich gemacht hat. Jeder Teilnehmer erstellt seine persönliche Erfolgs- und Glückskurve. In der ersten Phase der Übung zeichnet jede Person die eigene Erfolgs- und Glückskurve in zwei unterschiedlichen Farben auf ein großes Flipchart, am besten übereinander gelegt. In der nächsten Phase denken sie darüber nach, welche Ereignisse sie bei beiden Lebenskurven hervorheben wollen, sowohl bei den Peaks als auch bei den Talpunkten. In der dritten Phase stellen sie den anderen Teilnehmern die Kurven vor und bekommen von ihnen Feedback zu ihrer Wirkung (was sie sagen, was sie nicht sagen, was sie besonders hervorheben, wie sie sich ausdrücken, welche Körpersprache sie sprechen, welche Gedanken den anderen beim Zuhören durch den Kopf gehen u.s.w.).

In vielen Fällen unterscheiden die Teilnehmer berufliche Erfolge und private Glücksmomente. Nur bei sehr wenigen korrespondieren beruflicher Erfolg und persönliches Glück. Bisher, und ich leite die Seminare seit fast 9 Jahren, sind sie die Ausnahme. Für viele Menschen hat das persönliche Glück wenig mit dem beruflichen Erfolg zu tun.

Ist das nicht unglaublich? Das Feld, in dem wir uns zeitlich und emotional am intensivsten bewegen, macht viele wenig glücklich.

Zurück zum Seminar: In der oben genannten Übung erzählen die Teilnehmer über ihre Ziele im Leben, ihre Motive, diese zu erreichen und ihre Fähigkeiten, die sie mehr oder weniger ausgebildet haben, um bestimmte Situationen zu meistern. Durch das Feedback der anderen lernen sie mehr über diese Hintergründe ihres Handelns kennen. Ohne Klarheit darüber, was mir bisher wirklich wichtig war in der Vergangenheit, was mir gelungen ist und was nicht, was mich wirklich glücklich gemacht hat, was ich wirklich unter Erfolg verstehe und so weiter kann ich die eigene Zukunft nicht gestalten. Motivation, etwas erreichen zu wollen, entsteht aus den Bildern, die wir in uns tragen, dem Sinn, den wir diesen Bildern geben und unserem Selbstvertrauen, über notwenige Fähigkeiten zu verfügen oder sie zu erlangen, diese Bilder in die Welt zu bringen. Wenn ich weiß, wo ich hin will und warum ich genau da hin will und was ich brauche, damit ich dort ankommen kann, muss ich nur noch gehen.

Im weiteren Verlauf entwickeln die einzelnen Teilnehmer dann Zielbilder, klären ihre Motive, die Ziele erreichen zu wollen und beschreiben ihre Vorstellung von ihrem Weg dorthin. Am Ende des Seminars schaue ich in Gesichter, die entspannte Zuversicht ausstrahlen. Natürlich haben die Teilnehmer noch Ängste vor der Zukunft, aber sie wissen, welchen Weg sie gehen wollen. Und sie sind vorbereitet auf die Wegelagerer, die ihnen auf ihrem Weg mit Sicherheit störend auflauern. Sie haben begonnen, trotz der schwierigen Situation, ihr eigenes Glück und ihren eigenen Erfolg wieder zu planen und an ihn zu glauben.
Darum führe ich dieses Seminar schon so lange durch. Weil es auch mich glücklich macht.

Und wenn Sie mehr über Glück erfahren wollen, empfehle ich Ihnen den TED-Talk von Robert Waldinger5 über die längste Glücks-Studie der Welt.

Ich lade Sie nun ein zu einer stillen Selbstbetrachtung, gerne beim Laufen oder anderer Bewegung, Sie müssen dafür nicht still sitzen. Nehmen Sie sich 10 Minuten (oder auch mehr) Zeit und erlauben Sie sich, Antworten zu finden auf folgende Fragen:

Welche Motive leiten Ihr Leben?
Welche Ziele verfolgen Sie, zum Beispiel im kommenden Jahr?
Was macht Sie beruflich und privat wirklich glücklich? Was bedeutet Ihnen das?
Wie würden Sie Ihr Leben bisher beschreiben?
Und nun die wichtigste Frage: Sind Sie glücklich, gerade jetzt? Warum?
Warum eigentlich nicht?

Glück hängt nicht ab von äußeren Umständen, Glück ist die Entscheidung, das Gute wahrzunehmen und ein gutes Gefühl zuzulassen, egal, wie die Umstände gerade sind.

1 Erich Fromm
2 Scharmer, Theorie U, Seite 170
3 Scharmer, S.171
4 Zeitschrift OrganisationsEntwicklung Nr. 3, 2008)
5https://www.ted.com/talks/robert_waldinger_what_makes_a_good_life_lessons_from_the_longest_study_on_happiness/transcript

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Autor: hfi

Hallo, ich bin Heike Fillhardt, der hfi.harlekin aus dem Rheingau. Ich leite und begleite seit Anfang der 90er Jahre Veränderungsprozesse in internationalen Unternehmen im Rahmen von Reorganisationen, Fusionen und Leitbildumsetzungen. Dabei vertraue ich auf die Kraft der Gruppe und arbeite nach dem Grundsatz: es gibt immer eine Lösung, egal wie lange es dauert. Viele Führungskräfte empfinden sich als „lonesome hero“ – ein Bild, das sich – wem auch immer sei Dank – endlich auch in Deutschland zu verändern scheint. Und ich freue mich über jedes Projekt im Rahmen von Agilität. Neben Erfahrungen aus dem klassischen Projekt- und Changemanagement bringe ich auch breites systemisches Methodenwissen ein. Ich bin Scrum-Master und Leadership Agility Coach. Erkenntnisse aus meinen verschiedenen physio- und psychologischen Ausbildungen fließen ebenso in mein Wirken ein wie meine Erfahrung als Dozentin und Mutter. Ich wirkte 14 Jahre als Managementberaterin, Coach und Trainerin in verschiedenen Unternehmen. Seit 2007 bin ich selbständige Beraterin mit eigener Coachingpraxis. Seit 2012 bin ich Kung-Fu-Schülerin. Und im Laufe der Jahre flossen immer mehr Körperübungen in meine Workshops und Trainings ein. Denn nur wer sich bewegt, ist auch langfristig erfolgreich. Meine Kunden schätzen vor allem das Umsetzen der theoretischen Themen in Spiel und Körperübungen, meine systemische Sicht auf das ganze Feld, das schnelle Einstellen auf situative Bedürfnisse, meine klare und wertschätzende Sprache und die konsequente Zielverfolgung.

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