Läufer, Tanker, Schwebebalken und vieles, vieles mehr

Über Metaphern in der Politik

Auf metaphorischer Ebene wurde den Fernsehzuschauern  in den Niederlanden in dem letzten Monaten einiges geboten, insbesondere während der regelmäßig stattfindenden Pressekonferenzen zum Thema Corona. Ministerpräsident Mark Rutte und „Corona-Minister“ Hugo de Jonge geben sich sehr viel Mühe, um die Bürgerinnen und Bürger ihres Landes von der Dringlichkeit der Lage zu überzeugen. Dabei ist der Zweck zwar löblich, aber die Mittel sind etwas verwirrend.

Das wunderbare Kabarett-Duo Niels van der Laan und Jeroen Woe haben in ihrer Fernsehsendung  „Even tot hier“ sehr treffend zusammengefasst, was wir bisher gehört und gesehen haben, und von diesem kreativen Metaphern-Mix kann einem wirklich schwindlig werden:

Hugo: Diese Krise ist ein kompliziertes Puzzle, das wir zusammen legen müssen.

Hugo: Dies ist ein Marathon, den wir laufen müssen.

Hugo: Dies ist ein Marathon mit vielen aufeinander folgenden Sprints.

Hugo: Wir stehen an einer T-Kreuzung.

Nun kommt Mark Rutte ins Spiel:

Es ist eine Kreuzung, an der wir jetzt stehen.

Und: Es ist ein Schwebebalken, auf dem wir nun stehen.

Nun wieder Hugo: Es ist wie im Auto, aber wir steuern mit Blick in den Rückspiegel.

Gerade haben wir uns mit dem Auto angefreundet, in dem wir alle zusammen sitzen und in den Rückspiegel gucken, kommt ein radikaler Perspektivenwechsel:

Hugo: Das Virus ist wie ein Tanker, und wir fahren im Nebel.

Ok, vergessen wir das Auto – ein Schiff und keine Sicht also.

Nun wieder Mark: Wir fahren auf Sicht.

Bevor wir über das Auf-Sicht-Fahren im Nebel noch weiter nachdenken können – und wie das nun mit dem Rückspiegel zusammenhängt, kriegen wir wieder Hugo:

Heute sind wir zusammen der Deich….

Mark: … dass wir zusammen in einer Achterbahn sitzen.

Mark: … bauen wir zusammen eine beschützende  Mauer um uns hin.

Hugo: So bauen wir in den kommenden Wochen zusammen an der Werkzeugkiste.

Während ich noch nachdenke, ob denn jetzt erst die Mauer oder erst die Werkzeugkiste gebaut werden muss (und mit was) geht es weiter zur Statusfeststellung.

Mark: In zwei Wochen stecken wir das Thermometer hinein und messen, wo wir stehen.

Wo hinein? In den Hintern der Situation? Alle, die dabei sogleich ein rektales Bild im Kopf haben, müssen jetzt sehr tapfer sein, denn:

Hugo: In zwei Wochen stecken wir den Meßstab hinein…

Mark: Die Hockeyschläger-Bewegung, die wir wollen….

Der größte Teil der niederländischen Bevölkerung würdigt außerordentlich den Einsatz der beiden, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen – und das völlig zurecht, wie ich finde. Aber bei der Kommunikation mit der Bevölkerung beginnt der ein oder andere doch, mit gewissem Neid ins Nachbarland zu schielen, wo Frau Merkel sinngemäß sagt „Wenn Ihr Euch jetzt nicht zusammenreißt, ist vielleicht nächstes Jahr die Oma tot.“

Das ist zwar weniger bildhaft, aber auch weniger anstrengend als der Marathonläufer, der ins Auto steigt, anschließend auf’s Boot, dann in die Achterbahn, auf den Deich, auf den Schwebebalken – und das alles ausgerüstet mit Thermometer, Meßstab und Hockeyschläger. Da wird man ja von der Vorstellung allein schon müde!

bbr

Autor: bbr

Hallo, ich bin Beate Brinkman, der bbr.harlekin. Ich bin Redakteurin und Autorin für den Harlekin.Blog e.V. im “Hauptberuf” international Supervisor in einem IT-Unternehmen. Dort beschäftige ich mich schwerpunktmässig mit der Führung und Organisation internationaler Teams und mit den “Risiken und Nebenwirkungen” multikultureller Teamarbeit. Ich lebe seit 15 Jahren in den Niederlanden und habe festgestellt, dass schon allein die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern ein ganzes Buch füllen können (und auch bereits füllen – ein sehr amüsantes Beispiel dafür ist das Buch “Auf Heineken könn wir uns eineken” von Kerstin Schweighöfer). Weil in dem Unternehmen, für das ich tätig bin, mit den Jahren auch noch Unternehmensstandorte in USA und Indien dazugekommen sind, gab es im Themenumfeld multikultureller Teamarbeit ständig mehr zu entdecken. Und es wurden dadurch natürlich auch mehr Fehler gemacht, aus denen wir lernen konnten.

Ein Gedanke zu „Läufer, Tanker, Schwebebalken und vieles, vieles mehr“

  1. Liebe Beate, gerne möchte ich in diesem Zusammenhang auf die Wunderwelt der Abgeordneten des Deutschen Bundestages verweisen, die, ähnlich wie andere soziale Randgruppen, beginnen sprachliche Besonderheiten zu entwickeln. Handelt es sich in Teilen der Bronx um Begriffe we ‚Bro‘ und ‚Dead Ass‘, ist es, natürlich abgesehen von ‚unfassbar‘ und ‚verstörend‘, insbesondere das, wie ich finde ziemlich triviale Wort ‚machen‘, das zunehmend Eingang in den dortigen Sprachgebrauch findet. Von links bis rechts sprachlicher Niedergang.

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