Zuhören ist nichts für Weicheier

Letztens fragte mich ein Kunde: Wie genau geht gutes Zuhören?

Eigentlich ist das ja ganz einfach: Beim Zuhören geht es immer um den Anderen. Immer… Zuhören hat etwas mit Hinwendung zum Anderen zu tun, mit Offenheit gegenüber der Welt des Anderen. Und mit meiner Bereitschaft dazu.

Doch wie hören wir oft zu? Wir warten z. B. darauf, dass ein bestimmtes Wort fällt, ein Gedanke, ein Statement, ein Körperzucken und dann sprechen wir –  dann auch über uns. Wir hören zu, um selber das Wort zu ergreifen, nicht um ganz und gar beim Anderen zu sein.

„Aber wenn ich nicht schnell genug mein Argument ausspreche, dann habe ich es vielleicht vergessen.“, höre ich als Gegenargument. (Dabei könnte ein Zettel helfen, auf dem Argumente notiert werden.) Oder auch: „Der Andere entwickelt seine Gedanken in eine Richtung, die mir nicht gefällt (anders ausgedrückt:  die mir zu unbequem sind, um darauf einzugehen).“ Das lässt den Schluss zu, dass dem Anderen nicht mit voller Konzentration zugehört wird. Darauf zu warten, dass der eigene Moment nicht verpasst wird, nenne ich Pseudo-Zuhören.

Oder die Situation, wenn Sie mit einem gelangweilten „Jaja.“ antworten, das „Ist mir egal“ oder aber „Nein.“ bedeutet. Eine Verstärkung davon ist auch die Formulierung „Ja, aber…“. Hier hat der Empfänger zwar zugehört, wartet aber nur auf seine Chance zum Gegenargument. Auch dann ist man nicht voll und ganz beim Anderen.

In die gleiche Kategorie fällt es auch, ungefragt Ratschläge zu geben. Mit denen sind wir gerne flott zur Hand. Es gibt Menschen, die in einer Geschwindigkeit ihre Werkzeugkiste auspacken, so schnell kannst du gar nicht dein wirkliches Thema oder Problem schildern. Als ich eine komplex-konfliktreiche Phase mit meinem damaligen Partner hatte, gab es FreundInnen, die mir gute „Ratschläge“ gaben. „Fahr doch mal allein in Urlaub. Lass‘ es mal wieder richtig krachen.“ „Verlass‘ den Mann, der tut dir nicht gut.“ „Wir machen jetzt mal eine Flasche Sekt auf (wo ich wohne, gibt es davon reichlich) und dann sieht das alles schon viel besser aus.“ Nette Rettungs-Versuche, die mich damals nicht weitergebracht haben, dem Werkzeugkisten-Eigner aber das Gefühl vermitteln, das Thema ist jetzt erst mal vom Tisch. Echtes Zuhören braucht nämlich auch Mut. Denn die menschlichen Geschichten sind oft vielfältig und verschlungen. Manch ein „Zuhörer“ ist mit der auf ihn / sie einprasselnden emotionalen Last dann überfordert.

Es gab damals eine Freundin, die mir durch ihre wunderbare Art des Zuhörens und ihre persönliche Zurückhaltung sehr geholfen hat, die Situation aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Sie hat aktiv zugehört, also auch hinter meine Worte (so zu sagen). Sie hat das Zuhören praktiziert, das es z. B. braucht im Bohm’schen Dialog (dazu habe ich einen ausführlichen Artikel in Harlekin.Blog geschrieben). Denn komplexe Probleme brauchen Diversität in der Lösungsfindung – es gibt nie nur einen Weg.

Wie gesagt, gutes Zuhören ist eine Frage der Haltung. Ich bin mit meiner Aufmerksamkeit ganz bei dem Anderen. Wie geht das genau? Zum Beispiel, indem ich meine Gedanken und Gefühle zu dem Gehörten zwar beobachte und wahrnehme, sie aber nicht unüberlegt laut ausspreche. Ich weiß, dass ich mit meiner Intervention den Gedankenfluss des anderen unterbrechen, wenn nicht sogar aufhalten würde. Daher ist es wichtig, zu wissen, was ich tu, wenn ich unterbreche und selber rede. Und daher ist es auch so wichtig, mir selbst zuzuhören.

Wenn ich nach innen lausche, beschäftige ich mich damit, welche Gedanken sich entwickeln, während ich dem Anderen zuhöre. Worauf genau reagiere ich? Welche Gefühle zeigen sich? Was davon hat mit der anderen Person, was davon hat mit mir selber zu tun? Ich nehme durch Selbst-Hören die automatischen Wahrnehmungs- und Denkmuster meines Geistes wahr. Und wenn ich bewusst mir selbst zuhöre, mir meiner Gedanken und Gefühle bewusst werde, kann ich diesen Autopiloten einmal abstellen. Denn wenn ich ganz und gar zuhöre, stelle ich mich in den Dienst des Anderen. Mein Ego stelle ich beim bewussten Zuhören zurück zugunsten meines Gesprächspartners.

Warum ist so ein Verhalten erstrebenswert?

Zum einen helfen wir dem Anderen dabei, seine Gedanken und Gefühle zu ordnen. Gedanken beeinflussen unsere Gefühle und wenn wir unsere Gedanken aussprechen gegenüber einem aufnehmenden Gegenüber, kann sich unser Gedankenkonstrukt auch verändern. Wir müssen nicht mehr um dieselben Gedanken und Bilder kreisen, wir können neue Gedanken entdecken. Und, wenn wir dem Anderen den Raum geben, den er braucht, sehen wir ihn oder sie ganz, in allen seinen Facetten. Durch Zuhören helfen wir ihm, sein Potenzial zu entdecken und auszuschöpfen. Denn ich glaube, dass die Lösung vieler Probleme in uns selber steckt. Alleine Denken kann mich einschränken, „engstirnig“ machen. Um offen für die Welt in und um uns zu bleiben, brauchen wir den Anderen, der aufnehmend zuhört. Und ganz ehrlich: Dann würden wir uns genauso verhalten, wie wir selbst behandelt werden möchten, mit Respekt.

Jetzt höre ich die Zweifler: „Aber es gibt doch auch die Vielredner! Die muss ich doch stoppen.“ Oder:„Es gibt die, die immer dasselbe erzählen. Da kann ich doch nicht nur zuhören, da muss ich doch auch was sagen!“ Ich könnte noch mehr Beispiele nennen, nicht wahr? Ich höre die WiderständlerInnen und rufe Ihnen beherzt zu: „Hört mir doch zu! Das meine ich doch gar nicht! Es geht um eure Haltung und Einstellung: wenn ihr euch entscheidet, einem Menschen zuzuhören, dann ganz und gar. Und nicht in der Haltung eines Opfers! Und auch nicht in der Haltung eines unreflektierten Täters!“

Natürlich bedeutet Zuhören nicht „Mund halten und durch“. Wenn ich das Gefühl habe, ich kann dem Andern mit meiner Intervention helfen, sollte ich das tun. Zum Beispiel kann ich offene Fragen stellen (das sind die mit den W-Frageworten am Anfang), um dem anderen zu helfen, seine Gedanken im Fluss zu behalten. Zuhören ist ein aktives, bewusstes Tun. Ich kann zusammenfassen, was ich meine verstanden zu haben. Das gibt dem Anderen die Chance zu überprüfen, wie das von ihm/ihr Gesagte ankommt und ob ankommt, was er oder sie sagen wollte. Seit Jahrzehnten werden diese Techniken gelehrt und angewendet. 

Simon Sinek hat so wunderbar formuliert: Hearing is listening to what is said. Listening is hearing what isn’t said.

Wir sollen viel mehr zuhören. Es reicht nicht aus, über sich zu behaupten, „Ich kann gut zuhören.“ Wir müssen es tun. Zuhören ist aktives Handeln, das Selbstbewusstheit und innere Stärke braucht. Also nichts für Weicheier!

Bildquellen

Autor: hfi

Hallo, ich bin Heike Fillhardt, der hfi.harlekin aus dem Rheingau. Ich leite und begleite seit Anfang der 90er Jahre Veränderungsprozesse in internationalen Unternehmen im Rahmen von Reorganisationen, Fusionen und Leitbildumsetzungen. Dabei vertraue ich auf die Kraft der Gruppe und arbeite nach dem Grundsatz: es gibt immer eine Lösung, egal wie lange es dauert. Viele Führungskräfte empfinden sich als „lonesome hero“ – ein Bild, das sich – wem auch immer sei Dank – endlich auch in Deutschland zu verändern scheint. Und ich freue mich über jedes Projekt im Rahmen von Agilität. Neben Erfahrungen aus dem klassischen Projekt- und Changemanagement bringe ich auch breites systemisches Methodenwissen ein. Ich bin Scrum-Master und Leadership Agility Coach. Erkenntnisse aus meinen verschiedenen physio- und psychologischen Ausbildungen fließen ebenso in mein Wirken ein wie meine Erfahrung als Dozentin und Mutter. Ich wirkte 14 Jahre als Managementberaterin, Coach und Trainerin in verschiedenen Unternehmen. Seit 2007 bin ich selbständige Beraterin mit eigener Coachingpraxis. Seit 2012 bin ich Kung-Fu-Schülerin. Und im Laufe der Jahre flossen immer mehr Körperübungen in meine Workshops und Trainings ein. Denn nur wer sich bewegt, ist auch langfristig erfolgreich. Meine Kunden schätzen vor allem das Umsetzen der theoretischen Themen in Spiel und Körperübungen, meine systemische Sicht auf das ganze Feld, das schnelle Einstellen auf situative Bedürfnisse, meine klare und wertschätzende Sprache und die konsequente Zielverfolgung.

Ein Gedanke zu „Zuhören ist nichts für Weicheier“

  1. Sie haben das ganz wunderbar formuliert und obwohl ich tatsächlich das Gefühl habe ein guter Zuhörer zu sein, konnte ich noch so viel dazulernen 🙂

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