Würdest Du nach Mexiko auswandern, Beate?

… wurde ich vor einiger Zeit per Email mit diesem Titel gefragt. Die Mail kam von XING, einer der„Business Communities“, bei denen ich registriert bin.  „Ich denke, nicht!“ war mein erster Gedanke und mein zweiter „Wieso wollt Ihr das überhaupt wissen?“ Im Mail-Text wurde ich mit den Ergebnissen einer grossen Umfrage der XING Schwester-Plattform InterNations bekannt gemacht. InterNations hat 12000 „Expats“ in 52 Ländern befragt, in welchem Land sie sich am wohlsten fühlen.

Hier siegte meine Neugierde und ich vertiefte mich sogleich in die Ergebnisse. [1] Welches Land würde ein Expat von echtem Schrot und Korn wohl als Favorit auswählen? Aber wie so oft bei Umfrageergebnissen war das alles komplizierter als ich  angenommen hatte. Es gab unterschiedlichen Teil-„Indexe“: den „Quality of Life“ Index, „Ease of Settling“ Index, den „Working Abroad“ Index, den „Personal Finance“ Index und den „Expat Essentials“ Index.

Die Erläuterungen zu den Umfrageergebnissen klärten mich darüber auf, was genau hinter diesen „Indexen“ steckt:
Beim „Quality of Life“ Index geht es um die Faktoren Reisen, Klima und Umgebung, Freizeitmöglichkeiten, Gesundheit/ Wellness und Sicherheit, bei „Ease of Settling“ um die Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit der einheimischen Bevölkerung, das Schliessen von Freundschaften und die Kultur des Gastlandes. „Working Abroad“ beinhaltet die Faktoren Karriereperspektiven, Einkünfte und Job-Sicherheit, Work Life Balance sowie Arbeitskultur und –zufriedenheit. „Personal Finance“ bedarf keiner Erklärung – zu den „Expats Essentials“ zählen digitale Infrastruktur, Verwaltung, Wohnen und Sprache.

Ich will Sie hier nicht lange auf die Folter spannen, deshalb hier die „Overal Top 5“ Länder der Umfrage von 2022 auf der Expat-Beliebtheitsskala:

1. Mexiko
2. Indonesien
3. Taiwan
4. Portugal
5. Spanien

Die Erläuterungen zu den Ergebnissen machen deutlich, dass Mexiko seine Spitzenreiterposition in erster Linie den guten  Beurteilungen in den Bereichen „Ease of Settling“ und „Personal Finance“ zu danken hat. Auch die Gastronomie und Natur wird sehr geschätzt.

Indonesien ist beliebt, weil das Leben und besonders das Wohnen dort bezahlbar sind. Bei Taiwan auf Platz 3 habe ich gedacht „Echt, jetzt?“ und habe mich gefragt, ob die politische Gemengelage denn hier überhaupt keine Rolle spielt. Wie auch immer: Die überwiegende Mehrheit der Expats fühlt sich dort sicher. Entsprechend den Erläuterungen fallen bei diesem Voting unter anderem die medizinische Versorgung und die einfache Eingewöhnung ins Gewicht. Spanien und Portugal punkten mit leckerem Essen, gutem Wetter und ebenfalls mit einfacher Eingewöhnung.

Deutschland belegt in der Gesamtwertung Platz 42 von 52 Plätzen – in der Kategorie „Expats Essentials“ ist es sogar auf dem letzten Platz zu finden. Beklagt werden besonders die Wohnungssituation, das langsame Internet und zu wenig Möglichkeiten, bargeldlos zu bezahlen. Ausserdem wird das Leben in Deutschland als schwierig erfahren, wenn man der deutschen Sprache nicht mächtig ist.

In der Gesamtwertung liegt übrigens Kuwait auf Platz 52 – als einziger Golfstaat nicht bei den Top 10. Das liegt (Wen wird es wundern?) in erster Linie an den hohen Lebenshaltungskosten – ein Faktor, der auch die Ratings von Neuseeland und Hongkong negativ beeinflusst.

Beim Lesen der Ergebnisse war ich froh, dass ich kein Expat bin und die Bewertung nicht durchführen muss. So viele Kriterien und, zumindest für mich, wiegen sie nicht alle gleich schwer. Wie werden sie im Einzelfall eingeschätzt? Lieber leckeres Essen und kein Arzt in der Nähe – oder umgekehrt? Umgeben von netten Leuten – aber langsames Internet? Schlechte Honorarsätze – aber dafür schönes Wetter? Bei diesem detaillierten Kriterienkatalog hätte ich Mühe mit der Bewertung.

Deutschland hat mir auch ein bisschen leidgetan. Ok, das Wetter ist nicht immer gut, und für Menschen aus anderen Ländern können deutsche Behörden eine Herausforderung sein. Aber mit Platz 42 tut man meinem Vaterland doch bitter unrecht, finde ich.

Vielleicht verirrt sich ja unser Harlekin auf verschlungenen Wegen nach Mexiko, Indonesien oder Taiwan und wird von einem Expat gelesen. Darf ich dann freundlich um einen Gastbeitrag aus Expertensicht bitten?

Und um den Kreis zu schliessen, hier nochmal in aller Deutlichkeit – und ohne den Mexikanerinnen und Mexikanern irgendwie zu nahe treten zu wollen: „Nein, XING – ich werde definitiv nicht nach Mexiko auswandern!“


[1] Expat Insider 2022: The Best & Worst Places for Expats in 2022 | InterNations

Bildquellen

Autor: bbr

Hallo, ich bin Beate Brinkman, der bbr.harlekin. Ich bin Redakteurin und Autorin für den Harlekin.Blog e.V. und im “Hauptberuf” in einem international agierenden IT-Unternehmen als Support Coordinator tätig. Bisher habe ich in deutschen, niederländischen, amerikanischen und indischen Unternehmen gearbeitet und viele Erfahrungen mit multikultureller Zusammenarbeit machen dürfen. Seit vielen Jahren lebe ich als Deutsche in den Niederlanden und habe festgestellt, dass schon allein die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern ganze Bücher füllen können. Aus beruflichen und privaten Gründen gilt dem multikulturellen (Miss-)Verständis mein besonderes Interesse. Ob es um Essen, Sprache, dienstliche Conference Calls oder die Gestaltung von Begräbnissen geht – wenn die Kulturen mehrer Länder aufeinander stoßen, wird es spannend. Und das führt zu manchmal unerfreulichen, oft sehr komischen, aber immer lehrreichen Situationen.

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