„Wie konnte das nur geschehen?“

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Diese Worte waren in den letzten Wochen immer wieder in den verschiedenen Zeitungen zu lesen. Nach dem Aus für den Weltmeister fuhr La Mannschaft heim. Und wir Zuschauer blieben geknickt zurück und wussten nicht, wie das passieren konnte!

Ach – wussten wir das wirklich nicht?

Da bin ich ganz anderer Meinung. Ich bin weit davon entfernt, eine Analyse des deutschen Fußballs zu versuchen. Aber meiner Meinung nach bahnte sich das Debakel schon seit Monaten an.

Ich picke mir mal ein paar Aspekte heraus, die ich beobachtet habe:

  • Alte und neue Spieler haben nicht zu einem Team zusammengefunden.
  • Vertrauen ist nach außen immer wieder verkündet (verordnet?) worden, aber nicht durch jeden einzelnen Spieler erkennbar und erlebbar gewesen.
  • Manche jungen Spieler waren nicht „auf Augenhöhe“ mit den erfahrenen „Weltmeistern“. Sie schauen noch immer zu ihnen auf!

Und dann die „Körpersprache“: Pässe kamen nicht dort an, wo sie landen sollten. Der Abschluss vor dem Tor war nicht zwingend genug. Die Vorsicht im Zweikampf ließ auf zu wenig Konsequenz schließen. Die Gesichtsausdrücke wirkten ernst und angestrengt. Die Spieler zeigten auf dem Platz nicht den unbedingten Willen zum Gewinnen. Und wenn ein Spieler über diesen „Gewinnerwillen“ der Mannschaft nach dem Spiel sprach und währenddessen die Mundwinkel nach unten verzog und die Schultern ein wenig nach unten bewegte, zeigte das, dass Worte und Taten gerade nicht zusammenpassen.

Der Fairness halber sei natürlich die Stern-Minute der deutschen Mannschaft erwähnt, als Toni Kroos den Freistoß verwandelte. Aber bekanntlich macht ein Genie noch kein Team.

Ja, klar, die Belastung jedes Einzelnen ist enorm hoch. Die verschiedenen Ligen fordern unermüdlichen Einsatz der einzelnen Spieler. Und wenn eine Mannschaft national auch noch erfolgreich ist, warten die internationalen Herausforderungen.

Jede Führungskraft kennt diese Situationen. Es ist wie in einem erfolgreichen Unternehmen. Wenn man gut ist, nimmt die Verantwortung zu. Und mehr Verantwortung bedeutet natürlich auch mehr Erfolgsdruck. Und auch mehr Risiko zu scheitern.

Die Losung für die WM war klar: als erste deutsche Mannschaft wieder Weltmeister werden.

Dabei vertrauten Verantwortliche und Mannschaft auf Vertrautes. Auch wie im richtigen Leben. „Erfolg verwöhnt und macht träge“, so sagt mein Kung Fu – Coach. Nach ihm sind der Fehler, die Störung der Routine, das Scheitern wesentliche Antriebe, um Kompetenzen zu entwickeln und besser zu werden.

12 Jahre Erfolgsgeschichte im deutschen Fußball haben Verantwortliche und Spieler möglicherweise müde und unachtsam werden lassen. Und da verliert man schon mal den klaren Blick fürs Wesentliche und reagiert nicht mehr auf Fakten, sondern auf die individuelle Wahrheit, wie man sie gerne hätte. Aber nur ein ungetrübter Blick nach außen auf eine aktuelle Situation und die daraus abgeleiteten und konsequent umgesetzten Strategien unterstützen den Erfolg.

Vertrautes hilft, so lange sich die Rahmenbedingungen eines Systems nicht wesentlich ändern. Doch die Rahmenbedingungen haben sich für die Fußballer gravierend geändert. Jede Führungskraft kennt das Problem, wenn jahrelang erprobte „Führungsspieler“ ein erfolgsverwöhntes Team verlassen. Die Lücke, die ihr Weggang reißt, muss nun von anderen Spielern gefüllt werden. Und aus der Teamentwicklung wissen wir, dass das Team in solchen Phasen angreifbar und verletzlich wird. Oft kann die Lücke gar nicht schnell genug gefüllt werden. Oft reichen die Kompetenz der einzelnen nicht aus. Oft reicht die Zeit nicht, schnell genug diese Kompetenz aufzubauen.

So traurig ich als Fußball-Fan über das Ausscheiden der Fußballer war, so froh bin ich als Führungs-Coach über dieses Scheitern. Meiner Meinung nach sind Fehler und Scheitern enorme Antriebe für echte Veränderung. Leider haben wir nicht immer das beste Verhältnis zum Fehler. In einem Artikel zitiert der Kollege Winfried Neun die amerikanische Psychologin Kathryn Schulz: „Von allen Fehlern, die wir machen, ist unsere Vorstellung von Fehlern wohl unser größter Fehler überhaupt, unser Metafehler.“ Sie meint damit, dass wir denken, Fehler seien ein Zeichen von Schwäche, Unwissenheit und Inkompetenz. Wir haben eine ungesunde Haltung zum Fehler. Neun formuliert, „nur wer irrt, kann seine kognitiven Erkenntnisfähigkeiten, also seine Erfahrungen ausbauen.“ (https://leben-ohne-limit.com/6383/aus-fehlern-lernen/)

Ich irre, also lerne ich. Wenn wir lernen, mit der Scham über gemachte Fehler und der Angst vor dem nächsten umzugehen, kann ein Fehler der Humus für gelingende Veränderung sein. Leider erlebe ich immer wieder, dass Führungskräfte sich scheuen, über Risiken, mögliche Fehler und negative Erfahrungen zu sprechen. Negativwissen ist nicht erwünscht. Nochmal Kollege Neun: “Das Wissen über Dinge, die nicht zielführend sind oder nicht den Erfolg bringen, den man sich eigentlich wünsche, ist genauso wichtig, wie das Wissen über Vorgehensweisen, die funktionieren. …. Komplexe Zusammenhänge werden erst durch die Kombination von positivem und negativem Wissen entflochten und damit lösbar. Somit ist Erfahrungswissen, das durch Fehler gewonnen wurde, ein wesentlicher Erfolgstreiber in unserer Entscheidungsfindung.“

WM

In diesem Sinne wünsche ich allen Verantwortlichen (egal ob beim Fußball oder in anderen Unternehmen) von Herzen, dass sie Fehler und Scheitern als etwas Natürliches, etwas Menschliches betrachten. Vielleicht küren Sie zukünftig den Fehler des Monats. Erheben Sie den Fehler zu einem Erfolg versprechenden Gestaltungsprinzip.

Ich bin gespannt, wie sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nach ihrem Scheitern weiterentwickelt und aus ihren Fehlern lernt. Und ganz ehrlich: egal, ob ausgeschieden oder nicht, ich bleibe weiter ein treuer Fan. Gerade jetzt.

 

Bildquellen

  • 14163097 – soccer goal german flag with a soccer ball in a net illustration: 123rf
  • 10/18: uto
hfi

Autor: hfi

Hallo, ich bin Heike Fillhardt, der hfi.harlekin aus dem Rheingau. Ich leite und begleite seit Anfang der 90er Jahre Veränderungsprozesse in internationalen Unternehmen im Rahmen von Reorganisationen, Fusionen und Leitbildumsetzungen. Dabei vertraue ich auf die Kraft der Gruppe und arbeite nach dem Grundsatz: es gibt immer eine Lösung, egal wie lange es dauert. Viele Führungskräfte empfinden sich als „lonesome hero“ – ein Bild, das sich – wem auch immer sei Dank – endlich auch in Deutschland zu verändern scheint. Und ich freue mich über jedes Projekt im Rahmen von Agilität. Neben Erfahrungen aus dem klassischen Projekt- und Changemanagement bringe ich auch breites systemisches Methodenwissen ein. Ich bin Scrum-Master und Leadership Agility Coach. Erkenntnisse aus meinen verschiedenen physio- und psychologischen Ausbildungen fließen ebenso in mein Wirken ein wie meine Erfahrung als Dozentin und Mutter. Ich wirkte 14 Jahre als Managementberaterin, Coach und Trainerin in verschiedenen Unternehmen. Seit 2007 bin ich selbständige Beraterin mit eigener Coachingpraxis. Seit 2012 bin ich Kung-Fu-Schülerin. Und im Laufe der Jahre flossen immer mehr Körperübungen in meine Workshops und Trainings ein. Denn nur wer sich bewegt, ist auch langfristig erfolgreich. Meine Kunden schätzen vor allem das Umsetzen der theoretischen Themen in Spiel und Körperübungen, meine systemische Sicht auf das ganze Feld, das schnelle Einstellen auf situative Bedürfnisse, meine klare und wertschätzende Sprache und die konsequente Zielverfolgung.

2 Gedanken zu „„Wie konnte das nur geschehen?““

  1. Hi Heike,
    ein schönes Thema, das auch so beständig weiteren Gesprächsstoff liefert. Gestern hat „die Mannschaft“ in der Nations League dann auch noch gegen Holland verloren (0:3), ausgerechnet Holland 🙂
    Und wie sind die Reaktionen der Verantwortlichen und der Presse? Spannend, vielleicht machen wir hier noch eine Fortsetzung? Oder eine Dauerausstellung 🙂

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