Von der Kunst, miteinander zu denken (Teil 1)

Für uns symbolisiert der Baum die Essenz von Dialog: Wir kommen zusammen, verbinden uns mit uns, den anderen und öffnen einen gemeinsamen Denkraum, in dem Neues entstehen kann.  

Gehören Sie auch zu den Menschen, die Meetings für Zeitverschwendung halten? Man könnte so gut arbeiten, wenn diese ständigen Diskussionen nicht wären. Und dann das Verhalten der „Mit-Meeter“: Man beginnt etwas zu erzählen und wird ungeduldig unterbrochen. „Kommen Sie doch mal auf den Punkt. Wir haben ja nicht den ganzen Tag Zeit.“ Oder man pickt sich einen Aspekt Ihres Beitrags heraus und reagiert ausschließlich auf diesen, vielleicht sogar mit Misstrauen. Oder ein Teilnehmer erklärt Ihnen zum x-ten Mal, was Sie längst schon kennen und wissen. Oder man sagt Ihnen: „Das funktioniert doch nicht.“, gepaart mit körpersprachlichen Reaktionen der Entwertung, und bügelt Ihre Ideen runter. Oder, oder, oder…

Bei solchen Meetings hat es meine innere Harlekina  schwer, gelassen zu bleiben. Mich ärgern solche Verhaltensweisen. Habe ich sie früher mit meiner katholischen Erziehung brav ertragen, helfe ich heute Teams dabei, sich gegen derart unprofessionelles Benehmen zu wehren und es besser zu machen. Ein schlechtes Gespräch oder auch ein schlechtes Meeting engt ein, macht unkreativ, verliert Ziele und Lösungsideen aus den Augen und bringt auf Dauer Frust und Ärger. Müssen Sie sich solchem Dilettantismus auszusetzen? Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, ob Sie ein Meeting verlassen wollen? Haben Sie es schon mal getan?   

Was ist ein gutes Gespräch?

Dazu gibt es unterschiedliche Ansätze. Heute möchte ich Prinzipien vorstellen, die meiner Meinung nach essentiell für die kreative (generative) und transformative Arbeit in Teams sind. Man kennt diese Prinzipien auch unter dem Namen Bohm’scher Dialog. David Bohm war ein amerikanischer Quantenphysiker und Philosoph, der sich im letzten Drittel seines Schaffens intensiv mit dem Dialog beschäftigt hat. Bohm definiert den Dialog als „die Kunst, miteinander zu denken“, Lösungen zu finden, kreative Ideen zu haben, Dingen und Situationen auf den Grund zu gehen, Transformation nachhaltig in die Welt zu bringen.

Das Wort „Diskussion“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „zerlegen, erschüttern“. In einer Diskussion werden Haltungen gegen andere durchgesetzt, Argumente kraftvoll untermauert, Positionen verteidigt. Fixe Standpunkte sind bedeutend, während das Analysieren und Zerlegen der Argumente der Anderen im Vordergrund stehen. Ich höre in der Diskussion dem Anderen zu, damit ich die passende Antwort finde. Eine Diskussion hat ein, wenn möglich, schnelles Ergebnis.

Dialog kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie dia „durch“ logos „Wort“. Durch das Wort entstehen Beziehungen, wir begegnen dem Anderen im Austausch. Meinungen und die Annahmen hinter diesen Meinungen werden offen geäußert, und die Änderung der Meinung ist jederzeit ohne Gesichtsverlust möglich. Im Dialog ist meine Realität nur eine von vielen. Das Erkunden meiner Gedanken, Gefühle und Meinungen steht im Fokus, in dem ich sowohl nach innen, also meine eigenen Gedanken und Gefühle, wie nach außen höre. So entsteht im Raum zunehmend ein gegenseitiges Verstehen und ein Verständnis für Diversität in der Gruppe. Teile werden zusammengeführt, Neues kann entstehen, in angemessenem Tempo, gemeinsam entwickelt und gemeinsam getragen.

Nicht, dass ich nicht auch eine gute Diskussion zu schätzen wüsste, auch ich debattiere gerne. Aber wer einmal einen generativen Dialog (z. B. im Rahmen eines Design Thinking Workshops) erlebt hat, wird das Gefühl der Verbundenheit und Energie nicht so leicht vergessen.

Vor einigen Jahren praktizierte ich den Bohm’schen Dialog mit einer Gruppe von 12 Konzern-Führungskräften. Nachdem wir über 4-6 Wochen regelmäßig einmal in der Woche für etwa 1,5 Stunden Dialog durchgeführt hatten – das geht übrigens in Zeiten von Corona auch online – standen die jährlich wiederkehrenden Gehaltsvereinbarungen an. Das bedeutete, über einen Zeitraum von 2 Tagen wurde in einem Workshop über jeden Mitarbeiter mit allen Führungskräften gemeinsam gesprochen. Den meisten Teilnehmern grauste vor diesem Termin, weil sie in den vergangenen Jahren nie mit der Zeit hingekommen waren und sich übel gestritten hatten. Doch in dem „Bohm’schen Jahr“ war alles anders: Am Nachmittag des ersten Tages war das Werk vollbracht: alle Mitarbeiter waren final besprochen, ohne Konflikt, im ruhigen Einvernehmen, das aber unterschiedliche Meinungen nicht aussparte. Und nun hatten alle einen Tag geschenkt bekommen. Obwohl der Dialogprozess selber viel langsamer erscheint als eine Diskussion, kann er grundlegend zur Effizienz einer Gruppe beitragen.

Dialog wird in Unternehmen, die sich auf einen Transformationsweg machen regelmäßig praktiziert. Als wirkungsmächtiges Kommunikationsinstrument hilft er, verkrustete Strukturen aufzulösen, Gräben zu überwinden, Krisen zu meistern und kreative Ideen und Lösungen zu entwickeln.

Mehr zum Thema „Dialog“ folgt im 2. Teil am kommenden Freitag.

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Autor: hfi

Hallo, ich bin Heike Fillhardt, der hfi.harlekin aus dem Rheingau. Ich leite und begleite seit Anfang der 90er Jahre Veränderungsprozesse in internationalen Unternehmen im Rahmen von Reorganisationen, Fusionen und Leitbildumsetzungen. Dabei vertraue ich auf die Kraft der Gruppe und arbeite nach dem Grundsatz: es gibt immer eine Lösung, egal wie lange es dauert. Viele Führungskräfte empfinden sich als „lonesome hero“ – ein Bild, das sich – wem auch immer sei Dank – endlich auch in Deutschland zu verändern scheint. Und ich freue mich über jedes Projekt im Rahmen von Agilität. Neben Erfahrungen aus dem klassischen Projekt- und Changemanagement bringe ich auch breites systemisches Methodenwissen ein. Ich bin Scrum-Master und Leadership Agility Coach. Erkenntnisse aus meinen verschiedenen physio- und psychologischen Ausbildungen fließen ebenso in mein Wirken ein wie meine Erfahrung als Dozentin und Mutter. Ich wirkte 14 Jahre als Managementberaterin, Coach und Trainerin in verschiedenen Unternehmen. Seit 2007 bin ich selbständige Beraterin mit eigener Coachingpraxis. Seit 2012 bin ich Kung-Fu-Schülerin. Und im Laufe der Jahre flossen immer mehr Körperübungen in meine Workshops und Trainings ein. Denn nur wer sich bewegt, ist auch langfristig erfolgreich. Meine Kunden schätzen vor allem das Umsetzen der theoretischen Themen in Spiel und Körperübungen, meine systemische Sicht auf das ganze Feld, das schnelle Einstellen auf situative Bedürfnisse, meine klare und wertschätzende Sprache und die konsequente Zielverfolgung.

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