Vom Lernen zum Wissen und zurück

Schön wäre es ja, wenn ich Ihnen gleich zu Anfang meine Kernbotschaft mitteilen könnte und es Ihnen somit möglich wäre, schon hier zu entscheiden, ob es sich überhaupt lohnt, weiter zu lesen.

Aber es ist anders. Ich bin erstmal froh, diese Hemmung vor einem leeren Blatt überwunden zu haben. So wie Heinrich von Kleist sich äußert über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden, so schreibe ich hier über eine allmähliche Verfertigung meiner Gedanken beim Schreiben.

Der Titel verspricht ja so etwas wie eine Reise, eine Gedankenreise. Ich lade Sie ein, mich zu begleiten. Ich liebe Reisen und überdies ist es eine wunderschöne Metapher.

Der Titel deutet eine Rückbezüglichkeit an, verweist auf etwas Zirkuläres und Dynamisches. Das macht das Thema interessant für mich. Doch gehen wir erst mal von den Begriffen aus. Lernen!? Das haben wir doch eigentlich hinter uns, oder? Eine solche Haltung höre ich nicht gerade selten von Menschen, die Lernen auf Schule und Studium beschränken und dankbar sind, dass sie diese Zeit überstanden haben. Bei diesem Bildungssystem auch gut nachvollziehbar. Und das Gelernte daraus und das, was einem das Leben lehrt, sedimentiert zwischen den Ohren zum Wissen. Und das ist die Ressource für die Art und Weise wie wir denken, handeln und entscheiden.

Sie werden hier einwerfen, dass dies allein uns nicht ausmacht, sondern Gefühle, Intuition einen wesentlichen Einfluss ausüben. Ganz recht. Also das bewusste Wissen und das, was noch im Menschen steckt. Damit treffen wir schließlich auf die – wie es so schön heißt – selbst konstruierte Wirklichkeit. Diese zeigt sich in einer Hinsicht von einer sehr eigenwilligen Seite: Sie nimmt keine Rücksicht auf unser Wissen, ja ignoriert es gar. So kommt es nicht selten zu Situationen, in denen wir z.B. eine Tür öffnen wollen, die sonst immer unabgeschlossen war, doch nun sich nicht öffnen lässt. Wie oft haben Sie in einer solchen Situation die Klinke gedrückt? Nein, Sie brauchen mir nicht zu antworten. Im Prinzip sind wir auf eine Differenz gestoßen. Eine solche bezeichnen wir in der Regel als Problem. Dabei erinnere ich mich an das Zitat von Karl Popper “Alles Leben ist Problemlösen.” Höchstwahrscheinlich hatte er diese Erkenntnis aber nicht vor einer verschlossenen Tür bekommen. Aber recht hat er damit, finde ich.

In einer solchen Situation wird man geradezu zum Lernen gezwungen. Schön, wenn es einem dann auch noch bewusst wird. Von da ist es nicht weit zu einer weiteren Schlussfolgerung: Alles Wissen ist vorläufig. Für mich ist das inzwischen zu einem ganz zentralen Glaubenssatz geworden. Er macht mich kritisch gegenüber jeglichen Gewissheiten. Doch ganz ohne Gewissheiten komme ich im Alltag auch nicht klar. Kennen Sie das? Stoßen Sie auch auf die grundsätzliche Frage, wo das endet, was man glaubt sicher zu wissen und wo beginnt, woran man zweifelt oder was man gar nicht weiß? Da haben Sie Recht, das hat Potential für ein separates Thema. Wenn Sie mir bis hierher gefolgt sind, teilen wir sicherlich die Einsicht, dass wenn alles Wissen vorläufig ist, wir ums Lernen nicht herumkommen. Damit haben wir einen Wendepunkt erreicht und können uns auf den Rückweg zum Lernen machen.

Schön, dass Sie noch dabei sind. Ich meine, wir müssen die Energie, die an der verhärteten Beziehung zwischen Lernen und Schule gebunden ist, befreien und verwenden für neue nützliche Lernprozesse. Mit dem Wissen aus Schule und Studium kommen wir heute sowieso nicht weit. Leben und Lernen kann man überhaupt nicht trennen. Arbeiten und Lernen genau so wenig. Von Schulstress befreites Lernen kann in einem solchen Sinne wirklich Spaß machen, meinen Sie nicht auch? Sie wenden ein, dass das Gelernte, sofern es wirken soll, uns eine Veränderung abverlangt. In der Tat, das ist der springende Punkt. Wer ändert sich schon gerne? Ist das ein Grund, dass das Lernen uns so schwerfällt? Und unter Druck löst das eher Widerstand aus. Ja, der Mensch ist ein Gewohnheitstier. W. Edward Deming formulierte es einmal so: Es ist nicht notwendig etwas zu verändern, denn Überleben ist keine Vorschrift. Das ist gewiss nicht unsere Überzeugung. Da stimmen Sie mir sicher zu.

Nun sind wir fast wieder am Ausgangspunkt angelangt. Vielleicht schon etwas verändert? Wir könnten zu diesem Thema bestimmt noch eine Runde drehen. Es musste in der Kürze ja noch so viel offen bleiben. Doch bevor wir uns verabschieden: Wie könnte denn nach diesen Gedanken die Kernbotschaft lauten? Vom Lernzwang zur Lernlust? Sie meinen: Kein Change ohne Lernen! Ja, das trifft es auch.

Nun danke ich für Ihre Begleitung. Falls Ihnen noch etwas dazu einfällt, schreiben Sie es einfach unten in das Kommentarfeld. Also dann bis später…

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2 Gedanken zu „Vom Lernen zum Wissen und zurück“

  1. Lieber PUE, das klingt aber nach sehr schlechten Erfahrungen während der Schulzeit! Und es zeigt mal wieder, wie wichtig die Schulen sind! Wer das Lernen schon als Kind als angstfrei und inspirierend erlebt hat, wird als (junger) Erwachsener auch nicht die Tage zählen, bis es endlich vorbei ist. Dann kann die Reise vom Lernen zum Wissen auch ruhig ein ganzes Leben dauern.

    1. Liebe Beate,
      danke für deinen Kommentar! Die Bedeutung von Schule kann ich gar nicht überschätzen. Bloß schön wäre es, wenn sie nicht mehr ein Ort der Wissensvermittlung und Wissensabfrage in fragmentierten Inhalten und in festen Zeitstrukturen mit Benotung, also ein Selektionsprozess, wäre, sondern ein Ort an dem die kindliche Neugier und Lernfreude erhalten und weiter gefördert würde und jeder kleine Mensch nach seinen Talenten sich entwickeln könnte. Die Notwendigkeit dafür ist ja vielerorts erkannt und es gibt spannende Initiativen, die in diese Richtung arbeiten, bloß das offizielle Bildungssystem auf Kundenorientierung umzustellen (ich meine: Das Kind steht im Mittelpunkt und ist nicht Mittel ), ist eine Generationenaufgabe. Das passt einfach nicht mehr in die VUCA-Welt.

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