Und wieder schwimmt Steven Pinker gegen den Strom…


Diesmal in Gewalt – Eine neue Geschichte der Menschheit (ISBN: 978-3596192298). Das Buch ist ein imposanter Streifzug durch die Geschichte der Menschheit und die Gewalt in allen Zeiten und Kulturen. Auch wenn man es nicht gerne liest: Was Menschen anderen Menschen im Laufe der Geschichte angetan haben, ist kein Ruhmesblatt. Auch die Religionen, die ja das menschliche Miteinander regeln (wollen),  hinterlassen im Laufe der Jahrhunderte eine erschreckende Spur brutaler Gewalt. Aber Pinker macht ein wenig Hoffnung! Die Gegenwart ist zwar voller Gewalt, aber früher waren wir noch viel, viel schlimmer.

Wissenschaftliche Werke gibt es in zwei Varianten: Diejenigen, die sich strikt an etablierte Normen halten: Vorsichtig, abwägend, nüchtern – aber auch ziemlich langweilig. Und dann gibt es immer mal wieder Autoren, die es wagen, so zu schreiben, dass wir verstehen wie sie denken und was sie wirklich meinen. Damit verlassen sie die Deckung der wissenschaftlichen Literatur und machen sich angreifbar. Aber sie sind das Salz in meiner Buchstabensuppe, denn hier finden sich aufregende, neue, interessante, kontroverse An- und Einsichten.

Auch dieses Buch von Steven Pinker gehört eindeutig in die zweite Kategorie. Das kann man wunderbar an den polarisierenden Kritiken dazu ablesen. Wer sich gerne anregen lässt, der findet hier interessante Fakten und Gedanken in Hülle und Fülle. Wer lieber an seinen bisherigen Überzeugungen und einem gepflegten Zukunftspessimismus festhalten will, der darf sich als Realitätsersatz eine Staffel „The Walking Dead“ reinziehen.

Auf Papier gedruckt hat das Buch einen beeindruckenden Umfang, in der Taschenbuchversion ca. 1000 Seiten. Daher empfehle ich die eBook-Version, da kann man zusätzlich Passagen markieren und eigene Erkenntnisse festhalten.

Jepp, dieses Buch hat mir richtig gutgetan!

Steven Pinker, Jahrgang 1954, studierte Psychologie in Montreal und an der Harvard University. 20 Jahre lang lehrte er am MIT in Boston und ist seit 2003 Professor für Psychologie an der Harvard University. In der Forschung beschäftigt er sich überwiegend mit Sprache und Denken. Er war »Humanist of the Year 2006, das »Time Magazine« zählt ihn zu den »100 einflussreichsten Menschen in der heutigen Welt«.

Trotzdem bringt es seine Kritiker regelmäßig auf die Palme, wenn Steven Pinker als bekennender jüdischer Atheist in Amerika, dem Land der gläubigen Kreationisten, den Einfluss von Religion und Kirche(n) auf die menschliche Entwicklung und Psyche kritisch sieht. Ja, dann erklärt man ihn zum „Popstar“. Mit dieser Bezeichnung rücken seine Kritiker ihn in die Nähe von Sex, Drugs and Rock´n Roll. Denn „Popstar“ – ist doch klar, dieser Mann kann gar nicht seriös sein, der ist eher wie Mick Jagger oder Curt Cobain. Und die machen viel Krach und bestenfalls eine gute Show, aber solche Leute kann man doch nicht ernst nehmen.

Und dann ist dieser Mann in seinen Büchern auch noch so unbelehrbar positiv. Seine Gläser sind immer halbvoll, die Zukunft ist stets rosig und früher war alles schlechter. Das kann doch nicht stimmen!? Alle Medien zeigen doch den zunehmenden Terror, die Islamisierung des Abendlandes und die Gewalt in den Innenstädten. Unsere Politiker verblöden und im Fernsehen kommt auch nichts Gescheites.

Ich hingegen sehe in Steven Pinker einen Wissenschafts-Harlekin. Auch wenn man alle seine Positionen nicht teilen kann (oder will), er schafft Einsichten und regt zum Nachdenken an. Allemal eine Alternative zur Couch und der nächsten Serien-Staffel.

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