Sind Requirements aus dem Fachbereich wie moderne Alchemie?

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Die Alchemie wurde im Mittelalter von hohen Geistlichen und Fürsten gefördert und genoss hohes Ansehen. Dank eine wachsenden Gruppe von Betrügern unter den Alchemisten, die den Fürsten vorgaukelten, sie könnten aus Eisen Gold herstellen, geriet die Zunft jedoch beim Volk in Verruf, und Alchemisten galten bald als Scharlatane oder Fanatiker.

Ich hoffe, dass der Vergleich mit Business-Analysten nicht treffend ist.  Leider gehörte ich in der Vergangenheit als Methodiker gewissermaßen zur 2. Gruppe, indem ich arme Wissensträger stundenlang mit methodischer Stringenz auf der Suche nach der „Wahrheit“ gequält habe.

Neulich habe ich ein Training für Business-Analysten einer Großbank gehalten. Angeblich werden dort alle Projekte jetzt „agil“ durchgeführt. Als wir einzelne Erhebungstechniken durchgegangen sind, wurde mir klar, dass die meisten Teilnehmer wenig Erfahrung mit Use Cases, Szenarien oder gar mit Daten- oder Prozessmodellierung hatten. Stattdessen wiesen sie solide Fähigkeiten nach, Code auseinanderzunehmen oder User Stories aufzulisten.

Wo ist die Methodik bloß geblieben?
Wir sind an einem Punkt gelangt, wo wir Big Data auseinandernehmen und das Verhalten einzelner Personen analysieren können, aber haben den Überblick verloren, was insgesamt im Unternehmen passiert. Schlimmer noch, mit jeder neuen Generation verstehen wir immer weniger von dem, was fachlich im System passiert, wenn wir eine Transaktion starten. Ist das die Bedeutung von künstlicher Intelligenz?

Eigentlich bin ich von den Möglichkeiten von UML und daraus weiterentwickelten Methoden wie Case Modelling begeistert. In der Vergangenheit haben wir mit dem Mauerwurf vom Fachbereich zur IT gehadert. Jetzt bietet UML und die BABOK-Methodik einen erheblich besseren Ansatz, um die Anforderungen des Fachbereichs zu verstehen, darzustellen und zu kommunizieren. Wir können daraus  sogar eine Lösung entwickeln, die für den Fachbereich erkennbar ist. Endlich sorgt das agile Verfahren dafür, dass Anforderungen regelmäßig priorisiert werden. Und die Magie der Business-Analyse kann Früchte tragen, um spürbaren Nutzen zu stiften.

In der Begeisterung über agile Verfahren scheinen manche Teams Dokumentation über Bord zu werfen. Es ist auch lobenswert, Funktionalität schnell bereitzustellen. Aber wie soll der Nachfolger die Lösung warten? Sollen zukünftige Business-Analysten das Rad immer wieder neu erfinden? Jetzt müsste die Sternstunde der Business-Analysten sein, weil sie strukturiert Anforderungen in Formen modellieren und dokumentieren können, welche die Durchgängigkeit bis zur Realisierung stark unterstützen: man denke nur an Daten-/Klassenmodelle oder die Schritte vom Geschäftsprozess zu Use Case und Aktivitätendiagramm.

Die Alchemie war eine geheimnisvolle Pseudowissenschaft – Business-Analyse ist dagegen eine analytische Form der Kommunikation. Reden ist Silber, (verständliche und dokumentierte) Requirements sind Gold.

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Autor: bco

Hallo, ich bin Bernie Cornwell, der bco.harlekin. Wie schon meine Signatur-Kappe unten suggeriert, bin ich Wirtschaftsflüchtling aus England und seit der Brexitabstimmung Wahlexilant. Über Umwege via Sprachunterricht und Sozialarbeit bin ich bei der IT gelandet. Ich war in die Technik total verknallt und nach meinem ersten Realisierungsprojekt bei einer Berufsgenossenschaft habe ich mich als Business Analyst und Projektleiter sukzessiv immer weiter von der Technik entfernt… Inzwischen verdiene ich mein Brot als Berater, Trainer und Coach im Projektgeschäft in jeder beliebigen Branche. Mein Hintergrund und meine Reiselust führen mich überwiegend zu Einsätzen in der ganzen Welt oder/auch bei multikulturellen Unternehmen im deutschen Sprachraum. Mit den Jahren hat sich meine berufliche Einstellung wesentlich geändert. Früher Missionar in der Sache des methodischen Vorgehens, sehe ich mich nun eher als Lebenshelfer im Projektumfeld. Das Arbeiten in einem Projektteam kann lehrreich, stimulierend und begeisternd sein; es soll weder Mission Impossible noch Himmelskommando sein. Projekte können der beste Ansatz sein, Innovation, Wirtschaftlichkeit und reizvolles Arbeiten zu fördern. Warum lieben Projektleiter den „surrealistischen“ Dilbert? Weil er tägliche Projektsituationen darstellt, die wir wiedererkennen. Und weil sie leider recht realistisch sind.

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