Rowling irrt!

Im September 2020 hatte ich mich bereits schon einmal mit dem Thema «Entscheidungen» auseinandergesetzt. Zwei Gründe bewegen mich, dieses Thema nochmals aufzugreifen: Zum einen das neue Buch von Daniel Kahnemann et al., welches sich genau mit diesem Thema beschäftigt und zum anderen ein Zitat von Joanne K. Rowling, die eine gute Autorin sein mag, aber anscheinend nichts von Kahnemann gelesen hat und – was viel schlimmer ist – auch nicht unseren Blog.

«Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, die zeigen, wer wir wirklich sind», lässt sie Dumbledore sagen.

Dieser Aussage liegt eine Annahme zu Grunde, die falscher nicht sein kann: Unsere Entscheidungen spiegeln unseren wirklichen Charakter wider.

Die Entscheidung, ihre Steuerunterlagen in einem blauen oder in einem gelben Ordner abzulegen, hat Frau Rowling mit ziemlicher Sicherheit nicht gemeint. Es ist legitim, davon auszugehen, dass sie eher Bezug auf sogenannte «Ermessensentscheide» genommen hat. Ermessensentscheide kommen dann zum Tragen, wenn eine gewisse Unsicherheit besteht und wir die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Menschen zu unterschiedlichen Entscheidungen gelangen können. Und es schwingt bei ihrem Zitat auch mit, dass Entscheidungen dazu geeignet sind, die Wirklichkeit zu zeigen und somit geeignet sind, Täuschung und Augenwischerei zu entlarven.

Menschen mit «gutem» Charakter müssten demnach ähnlich «gute» Entscheidungen treffen und Menschen mit «schlechtem» Charakter «schlechte» Entscheidungen.

Daniel Kahnemann kommt in seinem neuesten Buch «Noise – was unsere Entscheidungen verzerrt und wir wie sie verbessern können» zu einem anderem Ergebnis.

Er thematisiert den Zusammenhang zwischen dem Charakter eines Menschen und seinen Entscheidungen nicht. Er würde ganz sicher zustimmen, dass auf dieser Welt eine Menge mieser Arschlöcher herumlaufen, die eine Menge übler Entscheidungen treffen, aber er zieht niemals den Umkehrschluss. Entscheidungen können Ausdruck eines miesen Charakters sein, müssen sie aber nicht. Und gerade, weil er weiss und aufzeigt, wie sehr unsere Entscheidungen von Faktoren beeinflusst sind, deren Existenz wir nicht mal erahnen, verzichtet er auf moralisierende Beurteilung.

Menschen kommen bei gleichen Sachverhalten zu unterschiedlichen Entscheidungen! Kahnemann berichtet von Dutzenden von Untersuchungen, in denen die Urteile von Richtern (Strafmass) in ähnlichen Fällen miteinander verglichen wurden. Die Ergebnisse sind erschreckend. Die Urteile bewegten sich zwischen lebenslanger Haft und Geldstrafe für das gleiche Delikt, bei ähnlichen Begleitumständen (Vorstrafen, Hautfarbe, familiäres Umfeld usw.). Nun liegt die Vermutung nahe, dass unter den Richtern Misanthropen und Altruisten vertreten waren, die gemäss ihrer Tendenz urteilten. Durchaus richtig, aber auch wieder nicht, denn selbst nur bezogen auf einen bestimmten Richter fielen die Urteile keineswegs immer oder überwiegend streng bzw. indulgent aus. Das genau ist, was Kahnemann als «Noise» bezeichnet: eine mehr oder weniger willkürliche Streuung (in Abgrenzung zu «Bias», einer systematischen Abweichung – streng vs. milde).  

Woher kommt aber eine solche Streuung? Die Ergebnisse bestätigen die im September erwähnten Überlegungen von Eagleman zur Anpassung des bestehenden Rechtssystems. Hier ein paar Beispiele. Bei schönem Wetter wird weniger hart geurteilt. Hat die Heimmannschaft am Wochenende verloren, fallen die Urteile härter aus. Hat ein Richter am selben Tag bereits zweimal hart geurteilt, fällt das dritte Urteil weniger hart aus und umgekehrt.

Aber auch Ärzte kommen beim gleichen Patienten nicht zur gleichen Entscheidung. Diagnose bzw. empfohlene Therapie können, wir wie alle schon selbst erfahren haben, weit auseinanderliegen. Trotz völlig identischer Informationslage.

Lässt sich aus den Entscheidungen von Ärzten und Richtern auf deren «wahres Ich» rückschliessen? Wohl kaum.

Bildquellen

Autor: rge

Hallo, ich bin Rüdiger Geist, der rge.harlekin vom Zürichsee. Als Politikwissenschaftler verlor ich sehr schnell den Glauben an Rationalität und den homo oeconomicus. Also suchte ich mir was Handfesteres und Logischeres: die Informatik. Feste Regeln, unmittelbares Feedback vom Compiler und nicht viel mit Menschen zu tun haben. Ihr erahnt es schon, es kam ganz anders. Schnell wurde ich zum Projektleiter ernannt, hörte sich auch toll an, wusste aber nicht so genau was das eigentlich ist. So nach etwa drei Jahrzehnten im Umfeld von Projekten meine ich nun zu wissen worum es da geht und so trage ich nun meine Erkenntnisse seit 2005 mittels eigenem Unternehmen in die Welt hinaus, ja sogar in die EU. Es gibt so viele schöne Zitate, die die unterschiedlichsten Facetten des Projektmanagements beschreiben und ich nutze sie gerne. Aber das beste stammt natürlich von mir selbst: Der Zweck des Projektmanagement ist «no surprises».

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