Respekt (Teil 2)

M.C. Escher, ein vor 120 Jahren geborener niederländischer Grafiker/Künstler – in den sozialen Medien geht er immer wieder viral und hat fast den Status eines Popstars. Wer kennt seine Grafiken nicht? Perspektivische Unmöglichkeiten, Metamorphosen und optische Täuschungen sind in seinen Bildern Programm und sich schier endlos wiederholendes Thema. Ein genialer Visionär!

Das Interessante ist nun aber: Es gibt nicht nur Grafiken zu Unmöglichkeiten und Metamorphosen, es gibt auch Begriffe und Redewendungen, die sich bei genauerer Betrachtung als Täuschung entpuppen oder (bei intensiver Hinterfragung) wie in einer Metamorphose manchmal sogar mehrfach ihre Bedeutung verändern. Ein kleines Beispiel als Geschmacksprobe gefällig? Ok …

Beginnen wir mit einem Kaufhaus oder einer Behörde und der im Keller befindlichen „Beschwerdestelle“. Um das Beispiel zu verstehen, muss man nicht dort gewesen sein, es reicht aus, dass man weiß, es gibt solche Beschwerdestellen und der Weg dorthin ist meist mit einem Hinweis darauf beschildert (auch heißen sie heutzutage meist nicht mehr Beschwerdestelle, sondern „Customer Concern Center“ oder dergleichen). In der Realität gehen dort Leute hin, die mit Waren, Dienstleistungen oder dem Personal der Organisation ein Problem hatten und dafür eine Lösung suchen. Spaß macht die Arbeit in der Beschwerdestelle meistens nicht, denn die Besucher sind erregt, laut und manchmal sogar richtig gemein. Sie beschimpfen die Sachbearbeiterin, obwohl diese nichts falsch gemacht hat und den Leuten eigentlich nur helfen will. Sie erklärt ihnen die Situation, sie zeigt neue, weitere Lösungswege.

 Aber die Besucher sind oft nicht zufrieden, sie wollen keine weiteren Erklärungen oder einen Hinweis auf das Kleingedruckte, sie wollen NUR eine Lösung. Und schon erkennen wir das Paradoxon: Die Leute gehen nicht in eine Beschwerdestelle, um sich zu „beschweren“, NEIN – ganz im Gegenteil, sie gehen in die Beschwerdestelle, um sich zu erleichtern! Sie wollen dieses, für sie lästige und überflüssige Problem einfach nur loswerden – und sich damit also erleichtern. Was für ein schönes Wort-Paradoxon – eine Beschwerdestelle zum erleichtern!? Was übrigens im erweiterten Sinne des Wortes bestimmt auch schon praktisch in einer Beschwerdestelle passiert ist, sein könnte oder werden wird.

Nach dieser intuitiven, mehr emotionalen Einführung in einen zentralen Aspekt des heutigen Themas (man spürt immer noch die Paradoxie der Beschwerdestelle), kommen wir zum eigentlichen Thema dieses Beitrags. Was bedeutet eigentlich der Begriff RESPEKT?

Ein Begriff wie aus dem Spiegelkabinett, 339 Synonyme in 19 Gruppen dafür bei Woxikon. Eine winzige Veränderung des Standpunktes und das gerade noch klare Bild gleitet ins Absurde. Das glauben sie nicht? Dann folgen sie den Harlekinen auf ihrer Suche nach der kaleidoskopartigen Bedeutung des Wortes Respekt.

Beginnen wir mit einem Blick ins Lexikon: Respekt bedeutet danach `Wieder-Schau‘ als wörtliche Übersetzung des lateinischen respectio und bezieht sich damit auf die wiederholte Betrachtung und gründliche Beurteilung eines neuen Eindrucks, um die Begrenztheit und Oberflächlichkeit des ersten Blickes zu korrigieren. Erst nach kritischer Würdigung und Reflexion des ersten Eindrucks gelangt man somit zu einer anerkennenden Einschätzung und damit zu Respekt.

Au Backe, damit wäre Respekt ja direkt mit Zeitaufwand und Arbeit verbunden, man müsste das Gleiche anscheinend mehrfach tun? Und das in einer Zeit, in der fast alle versuchen, Zeit zu sparen und hip zu sein – u.a. mit zwar ungesunder, aber zeitsparender Ernährung mit Fertigsaucen und Tiefkühlpizza, und das ist: „… fehlender Respekt für den eigenen Körper.“

Darüber hinaus gibt es auch zu wenig (also eigentlich keinen) Respekt für den Ursprung unserer Nahrung, also für die Zutaten, bevor diese Döner oder Topping einer Pizza werden.

Die Meisten haben kein Problem beim Essen eines Chicken-Döners für €1,99 – obwohl sie wissen, die Hühner waren nie auf einem Bauernhof. Sie wissen aber sie verdrängen es, und sie haben damit wieder keinen Respekt: diesmal fehlt der Respekt für Hähnchen im Schredder und dem, bei diesem Preis leider notwendigen, Hühner-KZ. War doch nur ein kleiner Bissen für zwischendurch.

Wo ist der Respekt geblieben? Haben wir die Bedeutung nur vergessen oder ist dieser Begriff inzwischen eine Paradoxie, wie die irrealen Treppen bei Escher?

Es gibt ein gesellschafliches Verständnis zu Respekt, was seltsam an eine Einbahnstraße erinnert. Respekt den Älteren gegenüber ist in unserer Gesellschaft durchaus üblich, in Asien sogar gesellschaftliche Pflichtübung. Andererseits, wo ist der gleiche Respekt der Gesellschaft den Kindern gegenüber, speziell für die ganz Kleinen. Ob Kirche, Schule oder Familie, da gibt es noch ziemlich viel Potential.

Den gleichen Effekt beobachte ich auch bei der Körpergröße Erwachsener. Ein körperlicher Riese von mehr als 2 Meter „nötigt Respekt ab“ – die nur 1,32 Meter kleine Frau Haller/Alberich im Münster-Tatort muss sich diesen mit Schlagfertigkeit erarbeiten. In der Presse wird diese Rolle als Beitrag zur Rehabilitation von Kleinwüchsigen gewürdigt – nach „Respekt“ klingt das erstmal nicht. Warum gibt es Respekt für „besonders groß sein“ und nicht für „besonders klein sein“?.

Richtig spaßig wird es allerdings erst, wenn man anfängt, Synonyme für Respekt bei Familienmitgliedern und Freunden zu sammeln, gerne auch bei Menschen mit Migrationshintergrund. Die haben nämlich noch eine weitere Drehung im Kaleidoskop für diesen Begriff. Aber nehmen wir doch erst einmal den Aspekt der Dankbarkeit. Jemanden für etwas Respekt zollen, ist eine Umschreibung für dankbar sein. Und das wäre so wichtig, denn Dankbarkeit und Respekt halten eine Gemeinschaft zusammen. Einer der Gründungsväter der Soziologie, George Simmel, meinte, dass Dankbarkeit ein Band der Wechselwirkung zwischen Nehmen und Geben knüpft – da wo andere Mittel versagen.

In den modernen Unternehmen werden Leitsätze für Mitarbeiter formuliert, Business Standards für´s Management definiert und der Kundennutzen erklärt. Wie wäre es, wenn alle nur etwas mehr Respekt und Dankbarkeit für den/die anderen hätten? Dann könnte wir einiges an Papier und Arbeit sparen, und alle würden profitieren. Ich plädiere für mehr Respekt statt mehr Mission & Vision und noch mehr Werbung und Marketing.

Genauso wie ein „Sorry“ nach einem Fehler ein Zeichen des Respekts für den anderen ist, so ist auch ein „Danke“ ein Signal persönlichen Respekts. Ein Dank verfehlt nie seine Wirkung. Der englische Philosoph Francis Bacon brachte es auf den Punkt, als er sagte, dass nicht die Glücklichen dankbar sind, sondern die Dankbaren glücklich.

Letztendlich sind wir doch alle Elemente eines Kreislaufs: Wer Respekt erfährt, gibt ihn auch an andere Mitmenschen weiter. Und wer positiv denkt, steckt auch seine Mitmenschen an. Was das in uns auslöst, ist vielen Menschen zwar nicht immer bewusst – aber es funktioniert. Ja, er ist irgendwie abhandengekommen, der Respekt. Aber das muss ja nicht so bleiben!

Ich danke Euch für die Zeit zum Lesen dieses Artikels.

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