Profit-Center – die „Puppe in der Puppe“? (Teil 1)

Viele Leser werden bereits in einem Profit-Center gearbeitet haben oder sind immer noch darin beschäftigt. Möglicherweise haben manche gar keine andere Organisationsform kennengelernt und könnten daher einen Unterschied für „ihre Arbeit“ überhaupt nicht feststellen. Für diesen Beitrag wollte ich ursprünglich nur ein paar persönliche Erfahrung als Anekdoten mit einem zwinkernden Auge kommentieren. Da aber nur die wenigsten das Phänomen Profit-Center (kurz PC) aus der Perspektive Management oder Finanzbereich kennen, habe ich mich entschieden, doch etwas mehr über Hintergründe und die Geschichte des PC‘s zu berichten.

Die ursprüngliche Idee zum Profit-Center war revolutionär für das streng hierarchische Management des letzten Jahrhunderts – aber edel und gut. Denn sie sagt im Kern: „Freiheit“! Man mache den geknechteten Abteilungsleiter zu einem Unternehmer im Unternehmen und der Erfolg stellt sich quasi von alleine ein – denn Profit-Center bedeutet ja ins Deutsche übersetzt „Gewinn-Center“ – von zusätzlichen Kosten und neuen Problemen erst einmal keine Spur.

Dem Profit-Center Leiter wird selbständiges Planen und Handeln in über­schaubaren Strukturen ermöglicht und – ACHTUNG wichtig -: „… die Leistung des neuen Leistungsbereichs bezüglich Kundenorientierung, Flexibilität und Qualität erhöht!“

Doch bevor wir uns mit den Ungereimtheiten und den Missverständnissen zum Profit-Center beschäftigen, möchte ich auf diese Organisationsform mein Glas erheben und mich für diese Probleme bedanken. Es war nicht immer einfach, aber im Saldo haben mir die damit verbundenen unternehmerischen Freiheiten deutlich mehr Freude als Kummer gebracht.

Das Modell der Profit-Center Organisation kann auf eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte zurückblicken und hatte sich bereits im letzten Jahrhundert in vielen Großunternehmen etabliert. Mit dem Begriff Profit-Center gemeint ist hier und im Allgemeinen meist ein sich weitgehend selbst steuerndes System innerhalb eines Unternehmens/Konzerns. Auch wenn die Freiheiten (und Verantwortlichkeiten) nicht immer gleich geschnitten sind – stellen Sie sich bitte ein PC als Unternehmen im Unternehmen vor.

In Deutschland wurde diese Organisationsform von Siemens schon in den 1940er Jahren erfolgreich getestet, bis 1965 waren dann aber doch nur ein paar innovative Unternehmer bereit, sich auf solche „Spielereien“ einzulassen. Doch der Erfolg der neuen Organisationsform gab den Mutigen recht und schon 10 Jahre später, in den 70ern, hatten fast 60% aller Unternehmen ein oder mehrere Profit Center. Spätestens aber mit ABB wurden Profit-Center zu einem de facto-Standard, mit dem auch marktfernen Unternehmensbereichen noch eine gewisse Dynamik und Kundenorientierung verabreicht werden konnte. ABB schaffte es in kürzester Zeit, fast 5000 PC´s aufzubauen und die ehemalige Konzernzentrale auf ein notwendiges Minimum zu reduzieren – schon wurde aus dem behäbigen Tanker eine moderne Flotte von Schnellbooten. Zumindest anfangs …

Auch wenn diese Idee zum selbständigen Handeln von den Betroffenen meist gern angenommen wird – eine neue Organisationsform ist nicht zwingend eine Bewältigung alter Probleme, sondern eher der Beginn einer neuen Lernkurve, so auch hier. Denn das System Profit-Center entwickelt innerhalb kürzester Zeit nicht nur eine bemerkenswerte Dynamik, sondern auch völlig neue Probleme.

Viele der heutigen Führungskräfte in Großkonzernen haben mittlerweile eigene praktische Erfahrungen mit dem Profit-Center Konzept gesammelt. Diese Praxis mit dem Profit-Center System und den jeweils speziell kommunizierten Zielen der Vorstände animiert meist nicht nur die gewünschten Energien der Führungskräfte, es führt auch zu den angedeuteten Nebenwirkungen, die eben nicht notwendigerweise im Einklang mit einer Maximierung des Gesamtwohls des Unternehmens stehen.

Wahr ist eben auch, dass viele Profit-Center Organisationen nicht direkt zu den angestrebten Gewinnen, sondern erst einmal zu neuen, manchmal äußerst kreativen Kosten führen. Zwar zielführend aus der Sicht des neuen Profit-Center-Leiters, aber halt nicht immer im Sinne der übergeordneten Einheit. Denn jedes PC ist ja ein Unternehmen im Unternehmen und ihr Chef, der neue Unternehmer, verschafft sich nun Zugriff auf „seine“ relevanten Erfolgsfaktoren. Schließlich geht es um seine Kunden, seine Mitarbeiter und seinen Erfolg. Das ist verständlich und im Rahmen der Organisationsform Profit-Center ja auch irgendwie gewollt. Der Lernprozess nimmt seinen Lauf…

Falls er nicht das Profit-Center von einem Vorgänger übernommen hat, erkennt der motivierte PC-Manager bereits nach wenigen Wochen, dass der Erfolg seines neuen PC‘s eigentlich nur aus Zahlen besteht – Zahlen, die irgendwie im zentralen Rechnungswesen und der zentralen Buchhaltung entstehen, meist – nein, eigentlich immer – mit diversen Umlagen ermittelt. Ohne eigenes Controlling sieht er sich hilflos der Deutungshoheit dieser Zahlen durch andere ausgesetzt. Was wissen „die da in der Zentrale“ schon über seinen Einsatz, seine Mitarbeiter und seine Kunden – seinen Erfolg?

Schnell werden die Kollegen von gestern, die aus der Zentrale, zur Herausforderung. Manchmal zum bevorzugten „Feindbild“, da auch die zentrale EDV, der zentrale Einkauf und weiterer zentraler „Overhead“ die Kostenumlagen seines PC‘s „aufblähen“. Es dauert nicht lange und es muss zumindest ein eigenes Controlling her, damit unser Jung-Unternehmer endlich seine Zahlen in den Griff bekommt. Aber damit beginnt der strukturelle Wandel zum Unternehmen im Unternehmen erst.

Denn auch die zentrale IT versteht seine Probleme und Anforderungen nicht, also her mit ein paar Computern – und anschließend braucht man natürlich auch noch ein paar Programmierer. Die Personalabteilung spielt bei der Einstellung nicht richtig mit? Dann muss man das eben auch selber machen.

Auch Kundenkontakt und das Staffing von Projekten bekommen eine neue Dynamik. Jedes PC hat jetzt SEINE Kunden, die eifersüchtig bewacht und hofiert werden. Will ein anderes PC mit diesen Kunden Geschäfte machen, dann nur mit Wegezoll durch interne Verrechnung. Auch Großprojekte leiden unter dem Flottenkonzept der neuen Profit-Center. Man ist zwar jetzt beweglicher und schneller, nur ist keine Unternehmenseinheit mehr in der Lage, die notwendigen Ressourcen für Großprojekte sinnvoll zu beplanen. Aus einem PC ein Großprojekt zu akquirieren, das mehr Mitarbeiter erfordert, als der PC-Leiter im direkten Zugriff hat, kann im internen Wettbewerb und bei den neuen Spielregeln schnell zur Abseitsfalle werden.

Ehemalige Profitcenter-Leiter werden diese Entwicklung bestätigen. Mit dem Profit-Center wird nicht nur der ehemalige Abteilungsleiter zum Unternehmer (gemacht) – die ganze ehemalige Abteilung agiert mit der Zeit als Unternehmen im Unternehmen.

(Teil 2 dieses Beitrags erscheint am Freitag, dem 10. Januar.)

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