Platon hatte es, Einstein hatte es, ich hab’s noch…

Wovon mag hier wohl die Rede sein? Vielleicht haben Sie es sich schon gedacht. Ja, es ist das Gehirn. Diese graue runzelige Masse von knapp 1,5 kg. Nur mal so gedacht: Wenn meins neben denen von Platon und Einstein liegen würde, könnte sie bestimmt keiner den Personen richtig zuordnen. In der biologischen Grundausstattung unterscheiden wir uns doch gar nicht. Anders betrachtet schon, und zwar ganz erheblich. Weder kann ich die Gedankenwelt des Herrn Platon erdenken noch die Genialität des Herr Einstein reproduzieren. Obwohl ich ja auch eins habe, hatte ich ehrlich gesagt nie das Bedürfnis, das tun zu können. Mit diesem Körperteil, in dem die Vernunft und der Verstand und noch anderes sitzen soll, kann aber wirklich Unglaubliches angestellt werden. Dass wir alle so etwas haben, ist eine Sache. Eine andere, wie wir damit umgehen. Na mal gucken…

Aber warum geht mir das gerade jetzt durch den Kopf? Die Gegenwart zwingt mich dazu, mich meines eigenen Verstandes zu versichern. Oder meiner Vernunft? Ich gestehe, dass ich nachschauen musste, um mir den Unterschied bewusst zu machen. Wie vermutet landete ich bei Kant und seinem “Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!” Natürlich des eigenen. Ihn hat ja ein jeder. Doch der Umgang damit ist wirklich nicht trivial. Vielen scheint es gerade heutzutage auch besonders schwer zu fallen, mit ihm umzugehen.  Da ist die Verführung groß, sich zu entlasten und sich des Verstandes anderer zu bedienen. So gesehen wäre man dann also nicht mehr bei Verstand, also bei dem eigenen.

Der Verstand soll die äußere Existenz von uns sichern. Also mit dem Verstand sorgt man für was zu essen, für das Dach über dem Kopf und was noch alles dem täglichen Leben dient. Aber nicht nur dafür, sondern auch wie wir in der Gesellschaft mit Informationen umgehen und miteinander kommunizieren. Diese äußere Existenzsicherung funktioniert aber nur in Verbindung mit einer inneren Existenzsicherung. Nach Kant soll das die Vernunft leisten. Sie stellt das “Sinnstiftungszentrum” (W.Deppert) dar als Quelle der möglichen sinnvollen Handlungsvorstellungen. Die Vernunft sagt uns also, was sinnvoll zu tun ist.

 Ohne Sinn macht das Leben keinen Sinn. Das leuchtet mir ein. Gerne würde ich Kant jetzt fragen, ob man sich auch der Vernunft eines anderen bedienen könnte. Ich glaube, er würde antworten: Nee, nee, für das, was Sinn macht, bist immer nur du selbst verantwortlich. Im Kern geht es also darum, dass ich für das, was ich mit meiner Vernunft anstelle, nur selbst verantwortlich sein kann. Folglich entscheide ich selbst, was für mich Sinn macht und was nicht. Am Ende bedarf also der Verstand der Vernunft. Das macht Sinn! Dann ist es auch verständlich, dass es unvernünftig ist, sich nicht seines eigenen Verstandes zu bedienen.

Wenn ich mich nun mit solchen Gedanken umschaue und beobachte, was im Zusammenhang mit der Pandemie passiert, sehe ich eine Unmenge von Daten, Statistiken, Nachrichten, Meinungen, Vermutungen, Verschwörungstheorien, Risiken, Hochrechnungen, die täglich aus verschiedenen Quellen über alle Medien in die Welt gesetzt werden und um meine Aufmerksamkeit buhlen. Da kann ich sehen, dass für jeden etwas dabei ist. Für die Skeptiker, die Befürworter, die Gegner, die Besserwisser. Und alles tönt in unterschiedlichen Phonstärken und teilweise bedenklichen Sprachstilen. Es ist ein Leichtes, für jede Position geeignete Argumente zu finden. Was ist davon noch verständlich? Worüber kann man sich untereinander überhaupt noch vernünftig unterhalten? Was also von all dem ist vertrauenswürdig, plausibel, glaubhaft? Woran kann ich mich da überhaupt noch orientieren?

Unter diesem Medienbeschuss finde ich es sehr schwer, den Verstand nicht zu verlieren und vernünftig zu bleiben. Mein Sinnstiftungszentrum signalisiert mir nun: Keep cool. Ich bin bei dir. Lass dich nicht verwirren und für dumm verkaufen, sorge für deine Gesundheit und trage was du kannst zur Gesundheit der Gesellschaft bei. Als Quellen reichen dir RKI, NZZ und die Gesetze. Betrachte alles andere als Grundrauschen.  – Ja, danke dafür. Das macht richtig Sinn.

Sorry, aber ich musste mich hier einfach mal meiner selbst vergewissern. Haben Sie auch so ein Bedürfnis? Gerade jetzt? Eigentlich ist der Slogan über die Aufklärung von Kant doch gar nicht neu, oder?

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