„Öko“ unter die Erde

Ressourcen schonendes Bestatten – wie geht das?

Im Januar habe ich Ihnen vom „Öko-Knigge“ erzählt und von meinem Versuch, den eigenen ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Ich habe inzwischen einige Abläufe und Produkte in meinem Alltag verändert und bin noch dabei, herauszufinden, wie groß die Wirkung davon sein mag. Es ist eine Tour voller Abwägungen… Bei manchen Fragen wird es mir leicht gemacht: Es gibt ein ernstzunehmendes Buch, einen ratgebenden Experten oder eine seriöse Website, der/die weiterhelfen kann. In anderen Bereichen ist es komplizierter.

Ein Beispiel dafür ist die Frage, auf welche Weise man seinen irdischen Abschied organisieren möchte. Gibt es eine „Öko“-Bestattung? Zwar fängt man damit sozusagen am Ende an, aber jeder muss sich ja doch einmal darüber Gedanken machen, also warum nicht jetzt? Neben der einschlägigen Literatur hatte ich für dieses Thema noch eine sehr interessante Informationsquelle: Das örtliche Krematorium veranstaltete einen „Tag der offenen Tür“.

Die Niederländer lieben Tage der offenen Tür – nicht nur, aber auch wegen des Gratis-Kaffees, der bei diesen Gelegenheiten obligatorisch ist. Nicht allein das Krematorium lädt alle paar Jahre ein, auch die örtliche Filiale einer bekannten  Bestatter-„Kette“ empfing interessierte Gäste anlässlich des erfolgreich abgeschlossenen Filialen-Umbaus! Also nichts wie hin!

Beim Bestatter gab es neben Gratis-Kaffee auch noch Gratis-Schokoladeneis, das lokale Blasorchester spielte Leonard Cohen’s „Hallelujah“ (mit dem dezenten Hinweis, daß man es für Beerdigungen auch buchen kann…) und es gab Informationsstände, mit denen das Bestattungsunternehmen zeigen konnte, daß  es auch für allerlei Esoterisches offen ist. Ich habe gelernt, daß man – je nach spiritueller Neigung – die Asche (oder zumindest einen Teil davon) in einem goldenen Anhänger an einer Kette oder einem Armband tragen kann oder sie Farbe zufügen kann, mit der dann ein Portrait der/des Verstorbenen gemalt wird. Man kann sie auch mit einer kleinen Rakete in die Luft schießen. Zumindest hierzulande ist anscheinend eine ganze Menge möglich…

Alles in allem war es eine gelungene Veranstaltung – doch die Chefin des Hauses wurde etwas nervös, als einige Besucher zielstrebig auf die Stahltür zum Kühlraum zusteuerten. Der echte Fan der „offenen Tür“ ist konsequent und lässt keine Tür aus!

Im Krematorium ging es handfester zu – es gab eine Führung durch das ganze Haus, die technischen Finessen des Ofens wurden erklärt, und man konnte die Catering-Möglichkeiten für die Räumlichkeiten studieren, in denen nach der Trauerfeier der Abschieds-Umtrunk stattfinden kann. Außerdem konnten die Besucher durch den Park wandern und sich schon mal ein Plätzchen für die eigene Urne aussuchen.

Bei der Führung habe ich u. a. gelernt, daß ab gewissen Temperaturen keine Streichhölzer mehr nötig sind, um etwas in Asche zu verwandeln, und daß in den Niederlanden nach der Kremierung Edelmetall-Rückstände „recycled“ werden und der Erlös der J. C. Vaillant-Stiftung zugeführt wird, die davon Projekte im Gesundheitswesen unterstützt. Herr Vaillant war der erste Niederländer, der 1914 im eigenen Lande kremiert wurde. Weil die Gesetzgebung in Niederland noch nicht eindeutig war, wurden Einäscherungen von niederländischen Bürgern vor dieser Zeit in Deutschland durchgeführt.

Ausgestattet mit diesen und vielen anderen Informationen sowie mit Prospektmaterial und interessanten Internet-Adressen habe ich weitergeforscht. Die gute deutsche Eiche ist doch eigentlich viel zu schade für Särge – gibt es da noch andere Möglichkeiten? Inzwischen ja. Es gibt Särge aus Pappe, Weidengeflecht, Bambus und Bananenblättern. Ich schau mir das Angebot mit den Bananenblättern mal genauer an – mit Fair-Trade-Siegel! Das ist ja schon mal gut, aber sitzen die Blätter sowieso an den Bananen, die nach Europa kommen, oder werden die kompletten Särge durch die halbe Welt transportiert? Ein Anbieter schreibt, dass die Särge in Indonesien gefertigt werden. Das scheint mir – Fair Trade hin oder her – doch nicht sehr nachhaltig zu sein.

Lt. der Nachhaltigkeitsplattform Utopia.de haben Forscher einer tschechischen Universität verschiedene Bestattungsarten bezgl. ihrer Umweltbelastung analysiert und sind zu dem Schluß gekommen, daß Erdbestattungen „tendenziell umweltfreundlicher“ sind als Feuerbestattungen. Vielleicht könnte sich das Ergebnis zugunsten der Feuerbestattungen verändern, wenn bei diesen mit „grünem Strom“ gearbeitet wird?

Seebestattungen haben unter ökologischen Aspekten auch gut abgeschnitten, ein Urne aus Pappmaché oder Salz stellt für das Meer anscheinend keine Belastung dar – zumindest solange die 20 nächsten Angehörigen keine Kreuzfahrt buchen, um die Urne der See zu übergeben. Aber eine Seebestattung kommt auch nicht für jeden in Frage. In Deutschland muss man, ebenfalls laut Utopia,  eine „tiefe Verbundenheit des Verstorbenen zur See“ nachweisen, um das genehmigt zu bekommen. Auch hier habe ich mich noch nicht bis ins Detail eingearbeitet, aber ich denke nicht, dass der Segelschein Klasse A dafür ausreicht…

Fazit: Zwar trete ich mit jeder beantworteten Detailfrage fünf neue los, für die ich wieder nach Antworten suche, aber ich habe dennoch das Gefühl, daß ich inzwischen schon schlauer bin als zu Anfang meines „Projekts“. Und – noch viel wichtiger – es ist gut, sich mit diesem speziellen Thema bereits zu beschäftigen, solange man auch noch über einige Phänomene lachen kann.  Wie sagt man im Ruhrgebiet: Wenn’s erst ernst wird, ist Schluß mit lustig.

P.S.: Nach Fertigstellung meines Textes schickte mir mein Harlekin-Kollege BCO diesen Link https://www.bbc.com/news/science-environment-51389084 zum Beitrag „Human compost funerals better for environment“ auf der BBC NEWS site, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

Bildquellen

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Autor: bbr

Hallo, ich bin Beate Brinkman, der bbr.harlekin. Ich bin Redakteurin und Autorin für den Harlekin.Blog e.V. im “Hauptberuf” international Supervisor in einem IT-Unternehmen. Dort beschäftige ich mich schwerpunktmässig mit der Führung und Organisation internationaler Teams und mit den “Risiken und Nebenwirkungen” multikultureller Teamarbeit. Ich lebe seit 15 Jahren in den Niederlanden und habe festgestellt, dass schon allein die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern ein ganzes Buch füllen können (und auch bereits füllen – ein sehr amüsantes Beispiel dafür ist das Buch “Auf Heineken könn wir uns eineken” von Kerstin Schweighöfer). Weil in dem Unternehmen, für das ich tätig bin, mit den Jahren auch noch Unternehmensstandorte in USA und Indien dazugekommen sind, gab es im Themenumfeld multikultureller Teamarbeit ständig mehr zu entdecken. Und es wurden dadurch natürlich auch mehr Fehler gemacht, aus denen wir lernen konnten.

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