Nostalgie und Nachhaltigkeit – Der Öko-Knigge

Beim Sortieren des Nachlasses meiner Mutter fiel mir der „Öko-Knigge“ in die Hände. Das Buch von Rainer Grießhammer ist 1984 erschienen, und ich habe es ihr irgendwann in den 80ern zum Geburtstag geschenkt. – Was beweist, dass mit dem mahnenden Zeigefinger nicht nur von der Mutter Richtung Tochter, sondern auch umgekehrt gewiesen wurde.

Meine Mutter war, wie ein großer Teil der Frauen ihrer Generation, viele Jahre hauptberuflich Hausfrau und hatte einen hohen Anspruch an Sauberkeit und Ordnung, der von mir in meinem ersten eigenen Haushalt nicht wirklich konsequent nachgelebt wurde. Da kam mir der Öko-Knigge gerade recht, galt er doch für mich als perfektes Argument, daß viel putzen für niemand gesund ist – nicht für die Umwelt und erst recht nicht für den, der putzt!

Im Nachhinein ist es schon ein wenig bizarr, dass ich mich – munter Kette rauchend und „Ente“ fahrend, aber von großem Umweltschutz-Streben beseelt – berufen fühlte, meiner Mutter ihren favorisierten Toilettenreiniger (mit Chlor!) madig zu machen. Mit dieser Inkonsequenz käme ich heutzutage nicht mehr weit, sondern würde der Strategie des „Whataboutism“ zum Opfer fallen – die sich inzwischen anscheinend zur Allzweckwaffe in den nationalen und internationalen Klima-Debatten entwickelt hat (https://de.wikipedia.org/wiki/Whataboutism).

Blättern wir mal durch…

Der Autor, Prof. Dr. Rainer Grießhammer, arbeitet seit vielen Jahren am Öko-Institut e.V. und gilt als Experte für nachhaltigen Konsum. Es gibt von ihm viele aktuellere Veröffentlichungen, aber am Beispiel des Öko-Knigge wird deutlich, welche Umweltschutz-Themen uns schon in den 80ern beschäftigt haben. Sind es etwa noch die gleichen wie heute?

Teilweise… Es geht u.a. um Strom und Wasser sparen, Mülltrennung und Recycling, nachhaltige Produkte, Chemie im Haushalt, Gärtnern ohne Gift, Autonutzung und ökologisches Wohnen. Beim Lesen wird deutlich, dass wir in den vergangenen 35 Jahren an Optionen hinzugewonnen haben –  und das ist schon mal eine gute Nachricht. 1984 gehörten Sonnen- und Windenergie noch nicht so selbstverständlich zum Landschaftsbild wie heute, und vom Elektro-Auto und von Tiny Houses war auch noch nicht die Rede. Ebenso wenig von Begriffen wie „Upcycling“… (Kam in irgend einem Satz der Ausdruck „im Netz“ vor, dann haben wir damals an Fischerei gedacht!)

Aber es gibt auch einige Dauerbrenner-Themen, bei denen nicht nur neue Lösungen, sondern auch neue Bedrohungen dazu gekommen sind, zum Beispiel beim Thema Wasserverschmutzung. Bei der Frage „Wie krank ist das Wasser?“ wurden genannt:

Phosphate im Bodensee, Chlornitrobenzol im Rhein, Nitrat im Trinkwasser, Ölverschmutzung in der Nordsee. Das Thema „Mikroplastik“ kam noch nicht vor. Gab es das noch nicht oder wussten wir es nur noch nicht? Ich erinnere mich nicht mehr genau, aber ich vermute, dass in den 80ern weder Fließjacken noch Peelings Trend waren…

Ich werde jetzt erstmal weiterblättern und – zum Vergleich – noch einige aktuellere Bücher zum Thema Umwelt- und Klimaschutz studieren. Sicher wird mir Herr Grießhammer dabei wieder begegnen…

Die Problematik war damals schon komplex und ist es heute noch viel mehr. Bei meinem eigenen Einsatz für Umwelt, Klima und Nachhaltigkeit möchte ich mich nicht darauf beschränken, zu warten, daß Greta Thunberg doch mal was falsch  macht, um mich dann im eigenen unperfekten Leben gemütlich einzurichten (Whataboutism!). Andererseits will und kann ich ab morgen auch kein konsequentes Aussteiger-Leben führen. Also bin ich auf der Suche und auf dem Weg. Was kann ich tun, um meinen Alltag nachhaltiger zu gestalten?  Wie kann ich Ressourcen-schonender wohnen, arbeiten und reisen? Gibt es auch in diesem Themenkomplex eine 80/20-Regel? Was kosten mich wirklich grundlegende Veränderungen und (wann) kann ich mir die leisten?

Was mir als „Nachhaltigkeits-Laie mit viel gutem Willen und ersten Erfolgen“ an Erfahrungen, Lernprozessen und Literatur besonders interessant erscheint, werde ich Ihnen dann auf harlekin.blog vorstellen.

P.S.: Damit kein falscher Eindruck entsteht: Außer beim Öko-Knigge habe ich meiner Mutter keine Geschenke gemacht, die als versteckte Kritik an ihrem Lebensstil verstanden werden konnten (- und sie mir glücklicherweise auch nicht!). Auf dem Buchsektor waren es meistens Kriminalromane!

Bildquellen

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Autor: bbr

Hallo, ich bin Beate Brinkman, der bbr.harlekin. Ich bin Redakteurin und Autorin für den Harlekin.Blog e.V. im “Hauptberuf” international Supervisor in einem IT-Unternehmen. Dort beschäftige ich mich schwerpunktmässig mit der Führung und Organisation internationaler Teams und mit den “Risiken und Nebenwirkungen” multikultureller Teamarbeit. Ich lebe seit 15 Jahren in den Niederlanden und habe festgestellt, dass schon allein die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern ein ganzes Buch füllen können (und auch bereits füllen – ein sehr amüsantes Beispiel dafür ist das Buch “Auf Heineken könn wir uns eineken” von Kerstin Schweighöfer). Weil in dem Unternehmen, für das ich tätig bin, mit den Jahren auch noch Unternehmensstandorte in USA und Indien dazugekommen sind, gab es im Themenumfeld multikultureller Teamarbeit ständig mehr zu entdecken. Und es wurden dadurch natürlich auch mehr Fehler gemacht, aus denen wir lernen konnten.

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