Natürlich Lernen!

An unserem Bildungssystem ist an unterschiedlichen Orten und von verschiedenen bekannten und unbekannten Personen ausgiebig Kritik geübt worden. So viel und so fundiert, dass man trotz aller Vorsicht, Fake News aufzusitzen, getrost diese gesellschaftliche Selbstdiagnose ernst nehmen kann. Doch es scheint immer noch eine Minderheit zu sein, die genau dies tut. Dabei geht es um nichts Geringeres, als um unsere Zukunft. Eigentlich auch nichts Neues. Lernen ist doch so etwas Selbstverständliches.  Natürlich gehört Lernen zum Leben. Natürlich lernen wir unser Leben lang. Natürlich soll das Bildungssystem unsere Kinder fit für das Leben machen. Lernen liegt doch in unserer Natur.

Genau dieses Denken von Selbstverständlichkeiten blockiert den Blick auf den Ernst der Lage: Klimawandel, Energiekrise, Migration, soziale Ungerechtigkeit und die Dynamik technologischer Entwicklung, die droht, uns Menschen abzuhängen. Wie bereits Einstein meinte, können wir die Probleme nicht auf der Ebene lösen, auf der sie entstanden sind. Wir brauchen daher eine Abkehr von den im Industriezeitalter geprägten Denkweisen zu einem Denken, welches auf Leben und Nachhaltigkeit gerichtet ist.  

Aber ist die Lage wirklich so ernst? Da mich der Prozess des Lernens fasziniert (und alles das, was heute über Lernen an Wissen verfügbar ist), bin ich erstaunt über die Vielfalt von Lernformen, Konzepten, Modellschulen, Initiativen, eingetragenen Vereinen, wissenschaftlichen Veröffentlichungen und anderem mehr. Ein vielstimmiges Getön wie das Stimmen der Instrumente eines Symphonieorchesters, bevor der Dirigent auf der Bühne erscheint. Und hier endet bereits der Vergleich. Es erscheint kein Dirigent. Und alle wissen nicht so recht, wie und was man nun gemeinsam anstimmen soll. Also geht es erst mal so weiter mit dem Einstimmen. Und das Publikum wartet geduldig.

Allein der Begriff „Lernen“ ist zum Sammelbegriff geworden: formales, non-formales, informelles, freies, selbstgesteuertes, selbstorganisiertes, soziales, immersives, agiles, arbeitsplatzorientiertes, generatives, interdisziplinäres, digitales, vernetztes, lebenslanges und eingedeutschtes complex adaptive learning, micro learning. blended learning, e-learning. Aber wir Menschen lernen inzwischen nicht allein. Wir haben auch Maschinen dazu gebracht. Stichworte:  machine learning, deep learning. Die Symbiose von Technologie und kognitiven Prozessen ermöglicht neuartige Lernerfahrungen mit der Gefahr, uns von der Wirklichkeit zu entfremden. Das alles zeugt von Dynamik und macht Hoffnung, aber nicht nur.

Hoffnung auf Lernen, Bildung und Veränderung machen vielfältige Initiativen. Voran die UNESCO mit den Sustainable Development Goals, welche mit Nr. 4 Lernen einschließen und dem Programm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Des Weiteren die OECD mit ihrem Lernkompass 2030, verschiedene EU- Programme zur Vollendung des Europäischen Bildungsraumes 2025. Aber auch außerhalb politischer Institutionen findet sich ein buntes Bild von Vereinigungen, Programmen, globalen und lokalen Projekten. Einige beeindruckende Beispiele sind die Plattform „Open Education Global“ und die globale Kampagne „Heimatland Erde“ des Österreichischen Studienzentrums für Frieden und Konfliktlösung (ASPR), welches sich auf die Gedanken zur Bildung des französischen Philosophen Edgar Morin in seinem Buch “Homeland Earth” bezieht. Und in Deutschland sind es zum Beispiel die „Lernkulturzeit“ und der „Bundesverband Natürlich Lernen e.V.“, die sich für zukunftsorientierte Bildung engagieren. Letztere sogar mit der Ermunterung, die Kinder außerhalb der Schule zu bilden.

Also da ist doch wirklich allerhand in Bewegung. Was gibt es denn da überhaupt zu kritisieren? Dieses Engagement ist beeindruckend, macht Hoffnung und ist wahrlich unterstützenswert. Das Wissen ist also vorhanden, um das Bildungssystem vom Kopf auf die Füße zu stellen. Das entfällt als Ausrede. Doch wo ist bloß der Dirigent mit der Partitur? Ich werde ungeduldig. Konferenzen, Gremien, Sitzungen zweimal im Jahr…. Haben wir noch so viel Zeit? Gibt es nicht doch vielleicht einen vielversprechenderen Weg vorbei an den Kultusministerien, Staatlichen Schulämtern etc. – der ganzen Kaskade der Bildungsbürokratie?

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