Multikulturelle Teamarbeit: Mutproben – Das Essen

Wenn man Glück (und ein Budget) hat, gibt es hin und wieder einen Anlass, in den Niederlassungen anderer Länder einen Geschäftsbesuch zu machen und die Kolleginnen und Kollegen dort kennenzulernen. Das ist auch dann sehr interessant, wenn neben Reise, Jetlag, Meetings etc. nicht viel Zeit für Sightseeing bleibt.

Dass ich mich heute dem profanen Thema “Essen” widme, hat seine Gründe: Ein gemeinsames Essen ist besonders geeignet, um den Gast freundlich aufzunehmen, aber auch zum Austesten und Fallen stellen. Auch wenn die “Fallen” nicht wirklich  böse gemeint sind, ist es von Vorteil, vorbereitet zu sein.

Bei meinem ersten Besuch im amerikanischen Mutterhaus in Massachusetts wurde ich von meinem Chef zusammen mit meinen amerikanischen Teamkollegen in ein Fischrestaurant eingeladen, um die regionale Spezialität “Hummer” zu essen. Ich hatte noch nie vorher Hummer gegessen und freute mich ahnungslos auf eine neue kulinarische Erfahrung. Als das wirklich einschüchternd grosse Tier serviert wurde, wurde ich mit einer Art überdimensionalem Lätzchen ausgestattet und mir wurden eine  Zange und weitere Gerätschaften ausgehändigt. Die Kollegen hatten entweder schon seit ihrer Kindheit Übung im Hummer zerlegen (denn er ist dort auch nicht so schrecklich teuer!) oder haben etwas anderes bestellt. Jedenfalls war ich mir bei meinen ungeschickten Versuchen, den Kampf gegen den Hummer zu gewinnen, ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit sicher. Und der Jubel war gross, als Teile des Hummerpanzers wie fehlgeleitete Projektile durch das Restaurant flogen. Später wurde mir anvertraut, dass es sich beim Hummer essen um eine Art rituelle Mutprobe für nicht-amerikanische Gäste handelt, auf die sich das ganze Team schon wochenlang freut.

(Ich habe mich zwei Jahre später beim Gegenbesuch meines Chefs dahingehend revanchiert, dass ich ihn mit der typisch niederländischen Art, einen Hering zu essen, vertraut gemacht habe. – Glauben Sie mir, Einzelheiten zu dieser Technik möchten Sie nicht wirklich wissen…)

Bei Geschäftsbesuchen in Indien sind die Risiken anderer Art. Der zweitgefährlichste Satz, den ein Europäer in Indien sagen kann, ist “Ich esse gerne scharf.” Bei der Gelegenheit lernt man, dass – wie fast alles im Leben – auch der Begriff “scharf”relativ ist. Und es soll schon vorgekommen sein, dass mit scharfem Essen am Vorabend gezielt die Diskussionsfreudigkeit einzelner Gäste beim Meeting am folgenden Tag sabotiert wurde – denn mit verbrannter Zunge spricht es sich nicht mehr so gut….

Ich kann allen, die nicht in den höchsten Chefetagen zuhause sind und ohnehin das ganze Jahr lang durch die Welt jetten, nur raten, solche nicht böse gemeinten “Mutproben” mit Humor zu nehmen und nicht weltmännischer aufzutreten, als man ist. Für den Nicht-Jet-Set unter den Geschäftsreisenden ist eine Dienstreise auf einen anderen Kontinent ja noch ein ganz besonderes Erlebnis, das man sich durch kleine Pannen bei der Nahrungsaufnahme nicht verderben lassen sollte!

P.S.: Sicher möchten Sie jetzt noch wissen, was in Indien der allergefährlichste Satz ist, den man als Europäer sagen kann. Der lautet “… aber ich kann doch selber fahren!”

 

 

 

Bildquellen

  • 585d3b85cb11b227491c3356: stickpng.com
  • 580b57fbd9996e24bc43bccb: stickpng.com
bbr

Autor: bbr

Hallo, ich bin Beate Brinkman, der bbr.harlekin. Ich bin Redakteurin und Autorin für den Harlekin.Blog e.V. im “Hauptberuf” international Supervisor in einem IT-Unternehmen. Dort beschäftige ich mich schwerpunktmässig mit der Führung und Organisation internationaler Teams und mit den “Risiken und Nebenwirkungen” multikultureller Teamarbeit. Ich lebe seit 15 Jahren in den Niederlanden und habe festgestellt, dass schon allein die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern ein ganzes Buch füllen können (und auch bereits füllen – ein sehr amüsantes Beispiel dafür ist das Buch “Auf Heineken könn wir uns eineken” von Kerstin Schweighöfer). Weil in dem Unternehmen, für das ich tätig bin, mit den Jahren auch noch Unternehmensstandorte in USA und Indien dazugekommen sind, gab es im Themenumfeld multikultureller Teamarbeit ständig mehr zu entdecken. Und es wurden dadurch natürlich auch mehr Fehler gemacht, aus denen wir lernen konnten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.