Multikulturelle Teamarbeit – Über die Nuancen der Eile

Alexandra H. / pixelio.de

Wer als interner oder externer Dienstleister tätig ist, kennt die Abwägung, welcher Auftrag zuerst erledigt werden muss. Die deutsche Sprache hat dafür ja verschiedene Begriffe, die für den  deutschen Muttersprachler relativ einfach in eine Rangordnung zu bringen sind:
Sofort, eilig, schnell, zügig, bald, wenn Du Zeit hast etc.

Selbst wenn noch Mundart-Varianten (zum Beispiel das im Ruhrgebiet beliebte “gez abba ma zackich”) und das nicht auszurottende “asap” dazukommen, bleiben die sprachlichen Möglichkeiten zumindest überschaubar.

Ähnlich im Englischen  – da bin ich kein Experte, aber in meiner Firma ist Englisch die Basissprache, und die Begriffe, die ich in diesem Zusammenhang meistens höre, sind:
“asap” (da ist es wieder!), quickly, fast, rapidly, speedily, soon, in a while.

Ein langer Weg von “onmiddellijk” nach “ooit”
Als ich nach meinem Umzug in die Niederlande beruflich umsattelte und  zeitkritische Server-Reperaturaktivitäten zu organisieren hatte, wurde es dann richtig interessant – und für mich sehr verwirrend, da ich erst ein halbes Jahr zuvor begonnen hatte, die niederländische Sprache zu lernen. Die Niederländer haben eine sehr große Auswahl an Worten und Bedeutungsnuancen zu bieten:

onmiddellijk (bedeutet soviel wie “in dieser Sekunde”)
ogenblikkelijk
direct
terstond
met spoed
snel
zo meteen
zodadelijk
binnenkort
gauw
straks
zo spoedig mogelijk
te gelegener tijd / over ’n tijdje
ooit (irgendwann)

Wie bald ist “binnenkort” ?
Nach einigen hilflosen Momenten und Missverständnissen in der Anfangszeit habe ich schließlich sowohl meinen niederländischen Ehemann als auch zwei meiner Kollegen um ein “Ranking” gebeten. Alle drei haben die Begriffe in eine Reihenfolge von “sofort” bis “gelegentlich mal” gesetzt, und alle drei Rankings waren unterschiedlich. Auf mein Klagen hin, dass das jetzt auch nicht wirklich hilfreich sei, wurde mir erklärt, dass die sprichwörtliche Flexibilität des niederländischen Menschenschlages natürlich auch hier gälte. Ich wurde außerdem darüber aufgeklärt, dass es weniger auf das gewählte Wort ankäme als mehr, wie der Auftraggeber dabei guckt.  Da ich meine Aufträge üblicherweise am Telefon entgegennahm, konnte ich mich dieser einleuchtenden Methode leider nicht bedienen.

Bei internationalen Projektmeetings prallen in diesem Punkt nicht nur die üblichen persönlichen Mentalitätsunterschiede, sondern zusätzlich noch die kulturellen Unterschiede verschiedener Nationen aufeinander. Wie ist sicherzustellen, dass der etwas zurückhaltende britische Kollege, für den “soon” der Inbegriff der Dringlichkeit ist, nicht stets gegen die Kollegen mit temperamentvollerem Sprachgebrauch den kürzeren zieht?

Die Lösung
In einem meiner Projektteams haben wir uns auf einen gemeinsamen Code geeinigt, dem die amerikanischen, englischen, deutschen und indischen Kollegen folgen:

Wir vermeiden alle diese Begriffe, wer “asap”  sagt, muss was in die Kasse einzahlen, und wir setzen schlichtweg Endtermine und Prioritätenfolgen. Wir alle merken, wie sich bei  konsequentem Nicht-Gebrauch von interpretierbaren Begriffen  bei der zeitlichen Planung die Situation entspannt.  Wenn die Diskussion sich ausschließlich um “bis heute nachmittag um 16.00”, “in dieser Woche” und “bis zum 25.10.” dreht, bleiben sprachlich gesehen alle im selben Boot, Transparenz ist sichergestellt und Missverständnisse werden vermieden.

An diesem Effekt wird wieder einmal deutlich, dass nicht nur das Denken die Sprache, sondern auch die Sprache das Denken bestimmt!


Hetzen und Jagen machen den Geist toll.

Laotse

 

Bildquellen

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Autor: bbr

Hallo, ich bin Beate Brinkman, der bbr.harlekin. Ich bin Redakteurin und Autorin für den Harlekin.Blog e.V. im “Hauptberuf” international Supervisor in einem IT-Unternehmen. Dort beschäftige ich mich schwerpunktmässig mit der Führung und Organisation internationaler Teams und mit den “Risiken und Nebenwirkungen” multikultureller Teamarbeit. Ich lebe seit 15 Jahren in den Niederlanden und habe festgestellt, dass schon allein die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern ein ganzes Buch füllen können (und auch bereits füllen – ein sehr amüsantes Beispiel dafür ist das Buch “Auf Heineken könn wir uns eineken” von Kerstin Schweighöfer). Weil in dem Unternehmen, für das ich tätig bin, mit den Jahren auch noch Unternehmensstandorte in USA und Indien dazugekommen sind, gab es im Themenumfeld multikultureller Teamarbeit ständig mehr zu entdecken. Und es wurden dadurch natürlich auch mehr Fehler gemacht, aus denen wir lernen konnten.

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