Lost in translation

Autorin des folgende Beitrags ist Caterina Berger. Sie arbeitet als freie Mitarbeiterin für das Übersetzungsbüro Linguation im Bereich Content Creation und Online-Marketing.“Hauptberuflich“ ist sie  Japanologin und Doktorandin der Allgemeinen Sprachwissenschaften. Am liebsten beschäftigt sie sich mit den Bereichen Soziolinguistik und interkulturelle Kommunikation. Wir freuen uns, daß wir sie als Gastautorin gewinnen konnten.

Zugegebenermaßen, dieser Satz ist ziemlich abgedroschen, aber das hat durchaus seine Gründe. Treffender könnte man das Leben als Übersetzer/in nämlich kaum beschreiben. Zwischen Auftraggebern, die jede Silbe ihres zehn Jahre alten Praktikumszeugnisses in Frage stellen und solchen, die ihre 500 Seiten lange Dissertation doch bitte bis Ende der Woche ins Chinesische übersetzt haben möchten, schlagen wir uns dann auch noch gerne mit offenen Rechnungen, unklaren Anweisungen und korrupten Dateiformaten herum.

So viel Spaß die reine Übersetzungsarbeit an sich auch macht – das Spiel mit der Sprache, das gute Gefühl, wenn man einen anspruchsvollen Text (zumindest nach eigener Ansicht) gekonnt und treffend in eine andere Sprache übertragen hat, und die Tatsache, dass man bei vielen Aufträgen im Rahmen der Recherchearbeit auch noch sein Allgemeinwissen unheimlich aufpoliert – am Ende schwingt meist ein bestimmtes Gefühl mit: Sich beweisen zu müssen. Sich rechtfertigen zu müssen dafür, warum das Endergebnis das gezahlte Honorar auch wert ist.

Denn Übersetzungsarbeit wird oft kaum geschätzt – wenn sie überhaupt wahrgenommen wird. Und wenn sie wahrgenommen wird, dann meist aufgrund weniger gelungener oder amüsanter Beispiele (s. Titelbild). Diese entspringen aber seltener der Feder professioneller Übersetzer/innen und sind eher Übersetzungsprogrammen oder Laien, die sich ein Wörterbuch geschnappt haben, zu verdanken. Dabei kommen wir alle jeden Tag mit Übersetzungen in Berührung. Filme, Romane, Handbücher, Computerspiele, Zeitungsartikel, Beipackzettel, Apps, Werbeslogans – hinter allem steckt Übersetzungsarbeit, die für die meisten unsichtbar bleibt. Naja, warum auch, so schwer kann das Ganze ja nun auch nicht sein, wenn man halt zwei Sprachen spricht. An dieser Stelle ein klares Jein. Wenn man die 237ste Geburtsurkunde überträgt, ist das natürlich keine Herausforderung mehr. Abseits von solchen standardisierten Dokumenten ist das tatsächliche Übersetzen aber jedes Mal eine spannende Herausforderung.

Dabei kann zum Beispiel in der Wahl eines treffenden Werbeslogans mehr Arbeit stecken als in der Übersetzung eines ganzen Zeitschriftenartikels. Warum? Das Ganze hat einen Namen: Lokalisierung. Lokalisierung beschreibt die Anpassung eines Textes an die Gegebenheiten der Zielsprache. Dabei ist vor allem das Einbeziehen kultureller und gesellschaftlicher Unterschiede wichtig. Eine gute Lokalisierung schafft es, die Zielgruppe des Textes auch in einer anderen Sprache gleichermaßen anzusprechen, also gleiche Konnotationen zu erwecken, den gleichen Ton zu treffen und natürlich auch und vor allem, Sinn zu ergeben.

Mit welchen Herausforderungen Übersetzer/innen bei der Lokalisierung konfrontiert sind, können oft nur andere Übersetzer/innen nachvollziehen. Dass man Datums- und Zeitangaben, Maßeinheiten, Kleidergrößen, Währungen oder auch Schulnoten anpassen muss, ist einleuchtend. Dass man amerikanischen Leser/innen eines deutschen Romans erklärt, was Kaiserschmarrn ist, ist auch noch naheliegend. Wenn der Protagonist des deutschen Romans allerdings in der chinesischen Version plötzlich das Fenster kippt, werden sich die dortigen Leser/innen wohl eher Gedanken um die Bausubstanz machen. Als Deutsche/r fragt man sich dagegen, warum die japanische Protagonistin drei Seiten lang damit beschäftigt ist, sich zu fragen, ob sie beim Bewerbungsgespräch lieber die eine oder die andere oder doch die dritte, vierte oder fünfte Formulierung für „Vielen Dank für die Einladung“ benutzen soll.

Der Teufel liegt, wie so oft, im Detail und ohne tiefgreifende Kenntnisse der Kultur und vor allem deren Unterschiede werden Übersetzungen oft holprig – und selbst, wenn dieses Verständnis da ist, ist die Umsetzung bisweilen schlicht unmöglich, wie sich an letzterem Beispiel zeigt: Im Gegensatz zum Deutschen, in dem es grob „Du“ oder „Sie“ gibt, hat das Japanische im Grunde eine eigene Höflichkeitssprache, die so komplex ist, dass trotz intensiver Kurse auch die meisten Muttersprachler/innen über sie klagen. Ohne eine Fußnote, die wahrscheinlich länger wäre als der eigentliche Absatz, ließe sich so ein Sachverhalt den Leser/innen gar nicht vermitteln und so wirken diese Stellen meist seltsam für Leser/innen mit anderen kulturellen Hintergründen.   

Noch mehr Kopfzerbrechen bereiten einem da allerdings oft Webeslogans, denn während man im Fließtext noch ein wenig Raum für Ausführungen hat, müssen Slogans kurz, prägnant und wirksam sein. Ein bekanntes Beispiel für eine gelungene Transkreation, wie man im Fachjargon nennt, das ist hier der Haribo-Slogan: „Haribo macht Kinder froh und Erwachsene ebenso!“ wurde im Englischen zu “Kids and grown-ups love it so, the happy world of Haribo!“

Dabei handelt es sich definitiv um keine wörtliche Übersetzung – dennoch konnte die eingängige Melodie beibehalten werden, während sogar die ursprüngliche Bedeutung noch zu finden ist. Was es dafür gebraucht hat? Ein ganzes Team aus Marketing-Expert/innen und Übersetzer/innen – und viele Stunden Arbeit.

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Autor: bbr

Hallo, ich bin Beate Brinkman, der bbr.harlekin. Ich bin Redakteurin und Autorin für den Harlekin.Blog e.V. im “Hauptberuf” international Supervisor in einem IT-Unternehmen. Dort beschäftige ich mich schwerpunktmässig mit der Führung und Organisation internationaler Teams und mit den “Risiken und Nebenwirkungen” multikultureller Teamarbeit. Ich lebe seit 15 Jahren in den Niederlanden und habe festgestellt, dass schon allein die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern ein ganzes Buch füllen können (und auch bereits füllen – ein sehr amüsantes Beispiel dafür ist das Buch “Auf Heineken könn wir uns eineken” von Kerstin Schweighöfer). Weil in dem Unternehmen, für das ich tätig bin, mit den Jahren auch noch Unternehmensstandorte in USA und Indien dazugekommen sind, gab es im Themenumfeld multikultureller Teamarbeit ständig mehr zu entdecken. Und es wurden dadurch natürlich auch mehr Fehler gemacht, aus denen wir lernen konnten.

3 Gedanken zu „Lost in translation“

  1. Prima Beitrag.
    Mir war nicht klar, was „Übersetzung“ eigentlich bedeutet. Für mich waren sie einfach nur da und halfen mir, auch Autoren mit fremder Sprache kennen zu lernen. Danke für die Klarstellung.

  2. Bill Murray mit Whisky im gleichnamigen Film: „For relaxing times, make it Suntory time.“ – auf Deutsch?? Ist jetzt klar …

    Wenn Dir soviel Gutes widerfährt, ist es einen Asbach Uralt wert!

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