Lob der Pause (Teil 3)

Vögel beobachten macht glücklich

„Alles ist immer da in ihr. Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihre Ewigkeit.“ (Georg Christoph Tobler über die Natur)

Besitzen Sie einen Garten? Ich verstehe darunter einen Ort der Vielfalt und gerne auch der evolutionären Anarchie. Oder kommen Sie ohne viel Aufwand in die „Natur“, in Wald, Wiese, Weinberge? Wenn nicht: Auch in der Stadt sind sie zu hören. Wenn Sie nämlich genau hin hören, bemerken Sie, dass die Luft sich wieder mit einer mannigfaltigen Kakophonie füllt! Die Vögel legen sich ins Zeug und verursachen einen Lärm wie sonst nur Laubbläser, nur schöner. Bernd Brunner schreibt in seinem 2015 veröffentlichten Buch von einer „Ornithomania“, der auch ich, ich gestehe, schon seit sehr vielen Jahren verfallen bin.  Doch, mir geht es gut. Danke der Nachfrage.

Ich habe eine Futterstelle im Garten, die ganzjährig befüllt wird. Ich halte es da mit Professor Berthold: „Jeder Gemeinde ihr Biotop!“1 Daher habe ich auch in 2020 an einer Aktion unserer Stadt teilgenommen: Unsere Stadt soll bienenfreundlicher werden. Und ich habe sogar einen Preis gewonnen! Ich verfüge über einen winzigen Garten, der allerdings gespickt ist mit Stauden, Sträuchern, wilden Rosen und kleinen Bäumen. Mein Rasen (besser: meine grüne Fläche, weil mittlerweile viel mehr Überraschendes als nur Grashalme darauf wachsen)  wird nicht jede Woche gemäht. Eine kleine Wiese mit heimischen Pflanzen ist angelegt.

Bei mir ist viel los. Spinnen, Heuschrecken , Schmetterlinge, Ameisen und anderes Getier sehe ich gerne in meinem kleinen Biotop (auch als Spinnen-Phobikerin). Denn die vielen Insekten ziehen Vögel an. In meinem Garten tummeln sich Kohlmeise, Haubenmeise, Blaumeise, Sperling, Grünfink, Amsel, Star, Dohle, Elster, Girlitz, Ringeltaube, Mönchsgrasmücke, Rotkehlchen, Buntspecht und ein Grünspecht-Pärchen, auch der lachende Hans genannt. Als sich aber 6 Enten um den Futterplatz gesellten, ihn in Windeseile radikal leer futterten und die Amseln und Meisen sich darüber beschwerten, habe ich – ich gebe es zu – Vertreibungsstrategien eingesetzt.

Übrigens kann man in dem wunderbaren Buch „Kritik der Vögel“ mehr erfahren über die besonderen Eigenschaften verschiedener Vogelarten, vor allem wenn man menschliche Moralbegriffe zugrunde legt. Da ist z. B. von „Satan Meise“ die Rede und von der kaltblütigen Kampfeslust der Rotkehlchen. Doch, den Beobachtungen der Gebrüder Roth kann ich etwas abgewinnen. Es gibt Meisen, die ununterbrochen zetern und lamentieren und die immer darüber streiten, wer zuerst ans Futter darf. Und wenn das Rotkehlchen zur Futterstelle kommt, wartet sogar die Amsel, bis sie an der Reihe ist. Aus Angst! Ist das zu fassen?2

In einer europaweit durchgeführten Studie verglichen Wissenschaftler des Senckenberg-Forschungszentrums in Frankfurt die Zufriedenheit von 26.000 Menschen aus 26 Ländern mit der jeweiligen Vogelvielfalt in ihrer Umgebung.3 „Das Ergebnis: Je mehr Vogelarten in einer Region vorkommen, desto zufriedener und glücklicher sind die Menschen dort mit ihrem Leben“3. Und für alle Hardliner: eine hohe Vogelvielfalt scheine sich auch auf das Gehalt auszuwirken. Die Daten sind mit Vorsicht zu genießen3, es ist nicht bewiesen, dass eine Kausalität zwischen vielen Vögeln und hohem pekuniären Segen besteht.

Aber es reicht ja schon, sich wohlzufühlen und zu entspannen, um wieder Energie zu tanken für neue berufliche und andere Abenteuer. Diese Haltung scheint mittlerweile breite Zustimmung zu finden. In Bayern z. B. unterstützen mehrere Pflegekassen ein Projekt zur aktiven Gesundheitsprävention: Durch das Aufhängen von Vogelfutterhäuschen direkt in den Gärten von Altenheimen gewannen die Wissenschaftler die Erkenntnis, dass die Anwesenheit von Vögeln das Wohlbefinden steigert.

Man spricht ja auch im Volksmund von der Heilkraft der Natur. Seit vielen Jahrzehnten ist z. B. das Waldbaden „Shinri-Yoku“ eine anerkannte Heilmethode. In meinem Seminar mit Managern, die den Arbeitsplatz verloren haben4, lade ich die TeilnehmerInnen ein, 45 Minuten durch die wunderschöne Gegend des Klosters zu spazieren. Nur 45 Minuten (!) langsam, mit offenen Sinnen, ohne Ziel, alleine und möglichst ohne Störungen von außen gehen. Keine Aufgabe, keine Ziele, nur schauen, hören und fühlen. Für manche ganz schön schwer! Hinterher sprechen wir über ihre „sinnlichen“ Erfahrungen. Viele berichten, dass sie wieder Vogelstimmen oder andere Geräusche im Wald gehört haben. Oder dass sie ihre Augen haben schweifen lassen und neue Beobachtungen machen konnten, die sie schon lange nicht mehr gemacht hatten.

Die meisten TeilnehmerInnen kommen lächelnd von ihrem Spaziergang zurück – man weiß ja mittlerweile um die Stress-mindernde Wirkung kurzer Spaziergänge. Viele erinnerten sich an Erlebnisse aus ihrer Kindheit und dass ihnen diese Fähigkeit des „Im-Augenblick-sein“ völlig abhanden gekommen sei. Sie betonen auch, dass sie sich durch die Hektik und Anforderungen in ihrem Beruf und ihre familiären Verpflichtungen gar keine Zeit mehr genommen hätten für einen regelmäßigen, kurzen Spaziergang in der Natur. Wie schade. Alexander von Humboldt hat uns schon mahnend erinnert: „Die Natur muss gefühlt werden.“

Und wenn Sie nicht raus kommen, wollen aber trotzdem mit Vogel- und anderen Naturgeräuschen etwas für Ihr emotionales Wohlbefinden tun, dann schauen Sie mal bei Youtube vorbei und geben das Wort „Naturgeräusche“ ein. Sie finden eine Vielzahl von Aufnahmen mit vielen Stunden Vogelstimmen, Wasserrauschen und Windhauchen, auf die vor mir schon Hunderttausende andere geklickt haben. Hier ein schönes Beispiel aus unseren Wäldern5.

Gönnen Sie sich eine gute Pause, hören Sie mal wieder rein in die Natur, egal wie. Gerade der Frühling macht es möglich. Und Sie macht es glücklich.

1 Ein sehenswertes und informatives Interview mit Professor Berthold können Sie hier verfolgen: https://www.youtube.com/watch?v=hVLumaT4HZo
2 Jürgen und Thomas Roth, Kritik der Vögel, atb-Verlag
3 NZZ vom 03.01.21 https://www.nzz.ch/panorama/voegel-steigern-laut-einer-studie-das-wohlbefinden-ld.1594344?mktcid=smsh&mktcval=E-mail
4 Harlekin.blog vom 25. Dezember 2020
5 Youtube Naturgeräusche, ein Beispiel: https://www.youtube.com/watch?v=W9tR-7UJSpM

Bildquellen

Autor: hfi

Hallo, ich bin Heike Fillhardt, der hfi.harlekin aus dem Rheingau. Ich leite und begleite seit Anfang der 90er Jahre Veränderungsprozesse in internationalen Unternehmen im Rahmen von Reorganisationen, Fusionen und Leitbildumsetzungen. Dabei vertraue ich auf die Kraft der Gruppe und arbeite nach dem Grundsatz: es gibt immer eine Lösung, egal wie lange es dauert. Viele Führungskräfte empfinden sich als „lonesome hero“ – ein Bild, das sich – wem auch immer sei Dank – endlich auch in Deutschland zu verändern scheint. Und ich freue mich über jedes Projekt im Rahmen von Agilität. Neben Erfahrungen aus dem klassischen Projekt- und Changemanagement bringe ich auch breites systemisches Methodenwissen ein. Ich bin Scrum-Master und Leadership Agility Coach. Erkenntnisse aus meinen verschiedenen physio- und psychologischen Ausbildungen fließen ebenso in mein Wirken ein wie meine Erfahrung als Dozentin und Mutter. Ich wirkte 14 Jahre als Managementberaterin, Coach und Trainerin in verschiedenen Unternehmen. Seit 2007 bin ich selbständige Beraterin mit eigener Coachingpraxis. Seit 2012 bin ich Kung-Fu-Schülerin. Und im Laufe der Jahre flossen immer mehr Körperübungen in meine Workshops und Trainings ein. Denn nur wer sich bewegt, ist auch langfristig erfolgreich. Meine Kunden schätzen vor allem das Umsetzen der theoretischen Themen in Spiel und Körperübungen, meine systemische Sicht auf das ganze Feld, das schnelle Einstellen auf situative Bedürfnisse, meine klare und wertschätzende Sprache und die konsequente Zielverfolgung.

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