Internationale Beziehungen – rein privat

(Folge 2, Teil 2)

Man könnte sagen, meine Frau (die ich bei meiner Arbeit in Deutschland kennengelernt und ins niederländische Friesland entführt habe) und ich waren so lange von kulturellen Unterschieden umgeben, dass sie zur zweiten Natur geworden sind. In unserer Beziehung denken wir inzwischen selten an die Tatsache, dass sie in einem Land aufgewachsen ist und ich in einem anderen. Wir denken, dass wir nicht in die Stereotypen passen – andere sehen das vielleicht anders.

Unsere Persönlichkeit, was uns gefällt oder nicht gefällt, unsere politischen Präferenzen, unsere Beziehungen zu anderen spielen die zentrale Rolle in unserer Beziehung, nicht unsere Herkunft. Wir hoffen, dass wir uns integriert haben, uns an lokale Normen und Verhaltensweisen angepasst haben, aber geblieben sind, wer wir sind.

Wir halten jedoch an alten Favoriten fest, seien es nun Fernseh- und Radiosendungen oder Lebensmittel, die wir vor 40 Jahren mochten. In den Niederlanden fühlte ich mich gezwungen, meinen Kindern so viel wie möglich von meiner Kultur zu vermitteln –  in Form von Kinderbüchern, Fernsehsendungen und vor allem „britischen“ Werten wie Rücksicht auf andere, Bescheidenheit und gute Manieren.

Ich bestand darauf, so oft mit ihnen britische Ferien zu machen, dass meine Frau sich beklagte, dass sie Großbritannien besser kennt als ihr eigenes Land! Bei diesen Besuchen schüttelt sie den Kopf über die örtlichen Sanitäranlagen mit getrennten Warm- und Kaltwasserhähnen und Warmwassertank auf dem Dachboden, ganz zu schweigen von den Teppichen in den Badezimmern und Toiletten. Nach über 40 Jahren regelmäßiger Übung kann sie es immer noch nicht ertragen, in Bettlaken und Decken fest eingewickelt zu werden. (Mein langer Onkel Reg hingegen erzählte gern von seiner Erfahrung, als er im Winter in seinem ersten bayerischen Bett furchtbar fror: Niemand hatte ihm gesagt, dass die Bettdecke doppelt gefaltet war). Und Plastik-Weihnachtsbäume mit blinkenden bunten Lichtern schicken ihr Schauer über den Rücken.

Die ersten 20 Jahre unseres Lebens formen den Kern unserer Persönlichkeit und unserer Überzeugungen, wie sehr wir uns später auch an unsere Umgebung anpassen. Selbst nach so vielen Jahren hier nehme ich es immer noch übel, dass sonntags – dem Tag, an dem die meisten Briten ihren Rasen mähen – die Gartenarbeit verboten ist. Ich kämpfe mit der Pünktlichkeit und weiß immer noch nicht, wann genau „Sie“ oder „Du“ zu verwenden ist, zumal das auch in anderen Ländern anders ist. Ich schlucke immer noch schwer an der Direktheit vieler Deutscher, obwohl die Niederländer sie in dieser Hinsicht übertreffen, und ich bin sicher, dass die Deutschen in einigen meiner Kommentare oft den subtilen Unterton vermissen. Immer noch reagiere ich emotional auf “Land of Hope and Glory” und “Jerusalem”.

Ich hasse meine automatische Abwehrreaktion, wenn meine „Heimat“ kritisiert wird, obwohl ich kein großer Fan der königlichen Familie bin, Margaret Thatcher verabscheut habe und gegen den Irak-Krieg, den Krieg um die Falklandinseln usw. gewütet habe. Aber dann waren da noch Boris und Brexit, und ich war überzeugt, dass meine „Heimat“ völlig verrückt geworden war. Ich war so wütend, dass ich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragte.

Jetzt habe ich also beide. Großbritannien könnte beschließen, doppelte Staatsangehörigkeiten nicht mehr anzuerkennen. Was soll ich dann tun?

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Autor: bco

Hallo, ich bin Bernie Cornwell, der bco.harlekin. Wie schon meine Signatur-Kappe unten suggeriert, bin ich Wirtschaftsflüchtling aus England und seit der Brexitabstimmung Wahlexilant. Über Umwege via Sprachunterricht und Sozialarbeit bin ich bei der IT gelandet. Ich war in die Technik total verknallt und nach meinem ersten Realisierungsprojekt bei einer Berufsgenossenschaft habe ich mich als Business Analyst und Projektleiter sukzessiv immer weiter von der Technik entfernt… Inzwischen verdiene ich mein Brot als Berater, Trainer und Coach im Projektgeschäft in jeder beliebigen Branche. Mein Hintergrund und meine Reiselust führen mich überwiegend zu Einsätzen in der ganzen Welt oder/auch bei multikulturellen Unternehmen im deutschen Sprachraum. Mit den Jahren hat sich meine berufliche Einstellung wesentlich geändert. Früher Missionar in der Sache des methodischen Vorgehens, sehe ich mich nun eher als Lebenshelfer im Projektumfeld. Das Arbeiten in einem Projektteam kann lehrreich, stimulierend und begeisternd sein; es soll weder Mission Impossible noch Himmelskommando sein. Projekte können der beste Ansatz sein, Innovation, Wirtschaftlichkeit und reizvolles Arbeiten zu fördern. Warum lieben Projektleiter den „surrealistischen“ Dilbert? Weil er tägliche Projektsituationen darstellt, die wir wiedererkennen. Und weil sie leider recht realistisch sind.

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