Internationale Beziehungen – rein privat

In vergangenen Beiträgen habe ich über internationale Zusammenarbeit auf Firmenebene geschrieben. Doch auch auf rein privatem Niveau gibt es einiges dazu zu sagen. In meiner Familie und im Bekanntenkreis bin ich nicht die einzige, die in ein anderes Land gezogen ist, um mit dem Partner zusammenzuleben. Und bei einem Erfahrungsaustausch mit anderen „Betroffenen“ (um es mal so zu nennen!)  habe ich interessante Parallelen entdeckt.

Beim Umzug in ein anderes Land muss man einen großen Teil des persönlichen Erfahrungsschatzes erstmal „auf Null“ setzen. Man weiß nicht, welches der beste Stromanbieter, Baumarkt oder Produzent von Eiscreme ist und verlässt sich bei der Einschätzung erstmal auf die einheimische Partnerin oder den Partner. Auch wenn es um die lokalen Gewohnheiten und Verhaltensregeln geht, ist der Partner der erste Ratgeber – was einem bösen Überraschungen ersparen kann, aber auch allerlei Manipulationen Tür und Tor öffnet!

Die Versuchung ist natürlich groß, um unter dem Label „So gehen die Dinge hier üblicherweise in …“ persönliche Vorlieben und Gewohnheiten zum Landesstandard zu erklären. Mir waren in den ersten Jahren die erwachsenen Kinder meines Mannes eine große Hilfe, die mich hin und wieder beiseite nahmen und sagten „Glaub ihm das bloß nicht! Außer Pa macht das hier keiner so!“ Dabei ging es zum Beispiel um bestimmte Kleidungsstandards oder um die frühere Gewohnheit meines Mannes, auch größere Geschäfte lediglich mit einem Handschlag zu besiegeln.

Ich selber konnte bei gelegentlichen Urlaubsreisen nach Deutschland unbarmherzig zurückschlagen – und zu meinem Glück war dann auch niemand in der Nähe, der hätte sagen können „Außer Beate macht das hier keiner so!“

Irgendwann wird man dann in vieler Hinsicht selbstständiger: Schließlich hatte ich alle Eiscreme-Sorten selber durchprobiert und den Sprachunterricht mit ausreichendem Erfolg absolviert, um mich beim niederländischen Pendant der Stiftung Warentest selbst über die Stromanbieter informieren zu können.

Und schneller, als man es je für möglich gehalten hätte, übernimmt man als „Zugereiste/r“ manche Gepflogenheiten und Sichtweisen, die einem zu Beginn exotisch vorkamen. Viele Dinge lernt man schätzen, auch wenn sie am Anfang gewöhnungsbedürfig waren – zum Beispiel das sehr schnelle „Du“ auf beruflicher Ebene oder die obligatorischen drei Wangenküsse zur Begrüßung und zum Abschied, die in den Niederlanden bei Familie und Freunden Tradition sind. (Als die Corona-bedingt wegfielen, hatte ich doch das Gefühl, daß etwas fehlt…)

Manchmal verteidigt man aber auch hartnäckig die eigene Kultur. Bei uns wird zum Beispiel bei allen Einladungen nachdrücklich betont: „Kaffee und Kuchen auf die deutsche Art“. Das bedeutet, daß die Gäste gerne mehr als ein Stück Kuchen essen dürfen.

Bei einem mir bekannten Paar kommt „sie“ aus einem Land, in dem üblicherweise nicht die Frage ist, WANN der Bus kommt, sondern OB er kommt. Es ist sehr lustig, um Zeuge zu sein, wie diese junge Frau – nach einem halben Jahr in den Niederlanden – an einer Bushaltestelle steht und wortgewaltig über drei Minuten Verspätung klagt. Und ihr Partner steht strahlend daneben und sagt „Was ist das schön! Sie klagt, als wäre sie schon 20 Jahre hier.“

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Autor: bbr

Hallo, ich bin Beate Brinkman, der bbr.harlekin. Ich bin Redakteurin und Autorin für den Harlekin.Blog e.V. im “Hauptberuf” international Supervisor in einem IT-Unternehmen. Dort beschäftige ich mich schwerpunktmässig mit der Führung und Organisation internationaler Teams und mit den “Risiken und Nebenwirkungen” multikultureller Teamarbeit. Ich lebe seit 15 Jahren in den Niederlanden und habe festgestellt, dass schon allein die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern ein ganzes Buch füllen können (und auch bereits füllen – ein sehr amüsantes Beispiel dafür ist das Buch “Auf Heineken könn wir uns eineken” von Kerstin Schweighöfer). Weil in dem Unternehmen, für das ich tätig bin, mit den Jahren auch noch Unternehmensstandorte in USA und Indien dazugekommen sind, gab es im Themenumfeld multikultureller Teamarbeit ständig mehr zu entdecken. Und es wurden dadurch natürlich auch mehr Fehler gemacht, aus denen wir lernen konnten.

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