Großartig, ich darf wählen!

Den zweiteiligen Beitrag “Die Qual der Wahl” (erschienen am 21. und  28. Februar 2020) haben wir im Harlekin-Team diskutiert. Uns beschäftigte die Frage, ob dies ein Problem ist, das alle Bevölkerungsgruppen betrifft, oder eher eins der Generation 50+. Deshalb interessierte uns die Sicht der jungen Generation  auf dieses Thema. Wir freuen uns sehr über den Gastbeitrag von Ricarda Fillhardt, die die “Qual der Wahl” aus einer anderen Perspektive betrachtet. Ricarda ist Studentin und lebt zur Zeit in Edinburgh.

Ich bezweifle, daß ein Übermaß an Auswahl uns glücklich macht. Erst letzte Woche habe ich so viel Zeit damit verbracht, zu entscheiden, was ich mir auf Netflix ansehen will, daß es zu spät war, als ich mich (halbwegs zufrieden) auf einen Film festgelegt hatte und stattdessen ins Bett ging. Und vor kurzem wollte ich mir an meinem Geburtstag einen Wellness-Tag gönnen und habe Stunden auf Tripadvisor verbracht, um in der riesigen Anzahl von Saunen und Wellness-Zentren, die meine Heimatstadt zu bieten hatte, die beste Option zu finden. Das kommt mir jedoch selten als Problem vor. Ich bin mit viel Auswahl aufgewachsen.

Wenn ich in mein Lieblingseisgeschäft gehe, habe ich meine Entscheidung getroffen – Waffel lieber als Becher wegen der Abfallreduzierung, Schokoladenflocken, weil sie von allen Streuselarten mein Favorit sind (und zugegebenermaßen mußte ich mich beim ersten Mal dafür entscheiden). Das Eis ist entweder eine neue Geschmacksrichtung, die lecker klingt, oder Minz-Schoko-Chip. Und wenn eine dieser Möglichkeiten nicht zur Verfügung steht? Es stellt sich heraus, daß dies eine ausgezeichnete Gelegenheit ist, sich mit dem Ladenbesitzer anzufreunden und etwas über seine Streusel, Aromen und das beste Recycling seiner Becher zu erfahren.

Das heißt nicht, dass es immer Spaß macht. Manchmal machen mich all die Optionen, Entscheidungen und vor allem Erwartungen, die damit verbunden sind, so müde. Und ich bin mir auch sehr wohl bewußt, daß es am Ende nur um Konsum geht. Je mehr Auswahl, desto mehr wird gekauft. (Ich bin sicher, daß der Prozess etwas komplizierter ist, aber ich bin keine Wirtschaftswissenschaftlerin.) Die Bekleidungsgeschäfte sind voller Auswahl, so viele Kleider, Oberteile und Hosen. Alles in zehn verschiedenen Farben und zwei verschiedenen Kollektionen pro Saison. Es bereitet mir jedes Mal Kopfschmerzen, wenn ich in einen Laden gehe und so viel Auswahl habe, dass ich definitiv nicht ohne zwei neue Hemden, drei Röcke und eine Tasche gehen kann. Aber natürlich brauche ich sie alle, denn sie sehen alle anders aus, und ich muß jeden Morgen wieder zwischen ihnen wählen können… Jetzt wird es also kompliziert: Um weniger Auswahl in meinem Schrank zu haben und mein Ziel, umweltfreundlich zu sein, zu verfolgen, muss ich mich aktiv dafür entscheiden, nicht zu wählen.

Ich glaube, letzten Endes kann ich nur entscheiden, für welche Entscheidung ich meine Energie aufwenden will. Was ist für mich wichtig? Und wo kann ich mich für heute hingeben, mit dem Strom schwimmen und einfach die erste Eiscreme wählen, die ich sehe, ohne mir Sorgen zu machen, ob die danebenliegende besser geschmeckt hätte. 

Wobei ich Erwartungen erwähnt habe: Karriereberater, Dozenten, Freunde, Eltern… Ich weiß, dass ihr es alle gut meint, aber erwarten Sie bitte nicht, daß ich jetzt meine Karriere auswähle. Laßt mich mit dem falschen Zug fahren. Ich bin in so vielen Bereichen meines Lebens privilegiert, und ich habe das Privileg, so viel zu wählen. Aber zum Glück habe ich auch das Privileg, Fehler zu machen (und ich bin mir sehr wohl bewußt, daß das nicht jeder hat). Warum muss ich mich also genau jetzt entscheiden, was ich tun möchte? Und warum ist das System so komplex, daß es fast unmöglich ist, die richtige Wahl zu treffen, obwohl es dann ganz und gar meine Schuld ist, wenn ich falsch liege?

Die Soziologie hat ein Konzept für dieses Phänomen: Individualismus – und einige Aspekte sind frustrierend. Für meine Masterstudiengänge versuche ich derzeit, die Fachgebiete geringfügig zu wechseln (von der Filmwissenschaft zur Internationalen Politik). Der Sprung ist nicht so weit, wie die Themen auf den ersten Blick vermuten lassen. Dennoch ist es unwahrscheinlich, daß ich für die Masterstudiengänge in mein Heimatland Deutschland zurückkehre, da dort ein Wechsel der Fachgebiete immer noch schwierig ist. Denn offensichtlich hätte ich meine gesamte zukünftige Karriere mit 18 Jahren vorhersagen können, oder? Stattdessen muss ich während der unsicheren Brexit-Zeit in Schottland bleiben. Andererseits wurde mir in diesem Fall die Wahl genommen, und offenbar gefällt mir das auch nicht.

Brexit ist übrigens auch ein hervorragendes Beispiel für potenzielle Gefahren, wenn man jedem die Wahl lässt. Denn das Leben ist zu kompliziert, um alle Auswirkungen in allen Bereichen zu kennen, und deshalb können wir nicht erwarten, daß jeder in allen Fragen eine informierte Entscheidung trifft. Hat jeder, der für Brexit gestimmt hat, gewollt oder vorausgesehen, dass ich mich derzeit unsicher über meine Zukunft in dem Land meiner Wahl fühle? Wahrscheinlich nicht, aber das ändert nichts. Wenn ich mich für Eiscreme entscheide, tue ich niemandem massiv weh (meine veganen Freunde wären übrigens ganz sicher anderer Meinung), aber wenn es um Wirtschaft, Politik und Berufswahl geht, steht so viel auf dem Spiel, daß wir entweder verrückt werden oder aufhören müssen, uns darum zu kümmern. Und selbst da muss ich wählen!

Also ja, Wählen ist schwierig. Es bereitet mir Kopfschmerzen, all diese Farben in Kleidergeschäften zu sehen. Es stresst mich, jetzt schon zu denken, dass ich entscheiden muss, was ich mit meinem Leben in den nächsten 50 Jahren anfangen will. Und es macht mich wütend, wenn ich daran denke, dass Konsum uns zu all diesen unnötigen Entscheidungen verleitet, anstatt uns allen einfach eine Pause zu gönnen. Aber, ich habe auch die Wahl darüber, wer ich bin. Nicht darüber, was ich tue, was ich studiere, was ich sehe, esse oder kaufe. Sondern im Wesentlichen darüber, wer ich bin. Individualismus bedeutet auch, dass ich mein individuelles Selbst ausdrücken kann und mich nicht von der Gesellschaft diktieren lasse.

Zum Beispiel wurde ich während meines Studiums und glücklicherweise durch viele meiner Freunde in die Belange der LGBT-Gemeinschaft eingeführt. Binäre Perspektiven können gefährlich sein, wenn es um das Geschlecht geht. Es schränkt unsere Äußerungen über uns selbst ein und verdrängt in vielen Fällen unsere wahre Identität. Leider ist das Gegenteil von komplex eine zu starke Vereinfachung. Ich will nicht vereinfacht werden, ich will mit all meinen wahren Farben gesehen werden. Eine Fülle von Wahlmöglichkeiten hat dies so viel einfacher gemacht. Ich würde also sagen: Ja, bitte lasst mir die Wahl. Aber lasst mich wählen, welche Entscheidung ich heute treffe.

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Autor: bco

Hallo, ich bin Bernie Cornwell, der bco.harlekin. Wie schon meine Signatur-Kappe unten suggeriert, bin ich Wirtschaftsflüchtling aus England und seit der Brexitabstimmung Wahlexilant. Über Umwege via Sprachunterricht und Sozialarbeit bin ich bei der IT gelandet. Ich war in die Technik total verknallt und nach meinem ersten Realisierungsprojekt bei einer Berufsgenossenschaft habe ich mich als Business Analyst und Projektleiter sukzessiv immer weiter von der Technik entfernt… Inzwischen verdiene ich mein Brot als Berater, Trainer und Coach im Projektgeschäft in jeder beliebigen Branche. Mein Hintergrund und meine Reiselust führen mich überwiegend zu Einsätzen in der ganzen Welt oder/auch bei multikulturellen Unternehmen im deutschen Sprachraum. Mit den Jahren hat sich meine berufliche Einstellung wesentlich geändert. Früher Missionar in der Sache des methodischen Vorgehens, sehe ich mich nun eher als Lebenshelfer im Projektumfeld. Das Arbeiten in einem Projektteam kann lehrreich, stimulierend und begeisternd sein; es soll weder Mission Impossible noch Himmelskommando sein. Projekte können der beste Ansatz sein, Innovation, Wirtschaftlichkeit und reizvolles Arbeiten zu fördern. Warum lieben Projektleiter den „surrealistischen“ Dilbert? Weil er tägliche Projektsituationen darstellt, die wir wiedererkennen. Und weil sie leider recht realistisch sind.

Ein Gedanke zu „Großartig, ich darf wählen!“

  1. Bravo Harlekin! Wie war das noch einmal? Der Harlekin bewegt sich zwischen den Welten, er bewegt sich souverän in unterschiedlichsten Rollen und gegensätzlichen Polen, schmeichelnd und fordernd, Diener und Herr, Dämon und Elfe.

    Nun, das habt Ihr mit eurer Serie über “die Qual der Wahl” wunderbar hinbekommen. Vom bekennenden Senior der sich vor Eiscreme und der Fernbedienung fürchtet zum Jugendlichen, der mit einem beherzten sowohl-als-auch die verbreitete Schwäche dieser Generation dokumentiert – sich verbindlich festzulegen.

    Grundsätzlich halte ich das Auswahl-Problem aber für kein Generationsthema, die Betroffenen gehen nur unterschiedlich mit der Wahl-Qual um. Die Älteren können sich noch an Ihre “gute alte Zeit” erinnern, die Jungen haben solche Erinnerungen nicht, sie haben sich längst mit dem Problem des permanenten Wahlzwangs arrangiert. Der Preis dafür ist Ihr Unwille, ihre Unfähigkeit sich definitiv zu entscheiden. Was für geile Perspektiven im Marketing und in der Werbung!? Andererseits, sie hatten ja keine Wahl! Sie sind in diese Zeit hinein geboren – und da müssen sie/wir jetzt durch!

    Aus einer Welt des Mangels sind wir ohne Wahl in die “schöne neue Welt” des Überflusses gestolpert. Was hätten unsere Vorfahren nicht alles dafür gegeben eine Wahl zu haben? Sie wurden zwangsverheiratet, als 2. Kind ins Kloster abgeschoben oder mussten auswandern um nicht zu verhungern. Leider gilt die Wahl-Qual nur für einen überschaubaren Teil dieser Welt. Denn es werden immer noch zu viele Zwangsehen geschlossen, Frauen an den Genitalien verstümmelt und Menschen ertrinken auf der Flucht vor Terror und Hunger im Mittelmeer.

    Da werde ich auch weiterhin die Probleme mit Netflix und meiner Fernbedienung vorziehen.

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