Gestalten des beruflichen Ausstiegs

Dies ist ein weiterer Beitrag unseres Gastautors Christoph Henties, der für treue Leserinnen und Leser des harlekin.blog kein Unbekannter ist. Dankeschön, Christoph!

Den nächsten Schritt planen

Das Ende ist mein Anfang, so der Titel des autobiografischen Spiegel-Bestsellers von Tiziano Terzani. Das Buch ist eine Hymne auf die Möglichkeit zu sein, was man will. Der Journalist und Schriftsteller beginnt ein wunderbares Gespräch über das Wagnis der Freiheit, über Mut, Liebe, Krankheit und Trauer, über die Vergänglichkeit, Momente der Schönheit und wie man lernt, loszulassen.

Der Wechsel in neue berufliche Aufgaben fällt nicht leicht. Arbeiten in bekannten Strukturen und Organisationen mit vertrauten Menschen durch Neues zu ersetzen und Neugier für das Ungewohnte zu entwickeln, ist eine Herausforderung. Jedem, der öfter mal seine Berufstätigkeit wechselte, fällt das leichter.

Der Umkehrschluss ist, in langjährigen Tätigkeiten zu verharren. Das jedoch birgt die Gefahr, Energie und Antrieb zu verlieren und sich in schleichender Unzufriedenheit wiederzufinden.

Ebenso schwer ist der Übergang von einer erfolgreichen, erfüllten Berufstätigkeit in die Phase, in der nicht mehr gearbeitet werden muss. Ich vermeide dabei bewusst das Wort Rente, denn es beschreibt zunächst nur den Zustand der Alimentierung durch die langjährig eingezahlten Versicherungsbeiträge. Der Aspekt, den ich hierbei besonders hervorheben möchte, betrifft die emotionale, nicht die finanzielle Altersvorsorge.

Viele erfolgreiche Führungskräfte und Leistungsträger denken nicht an das Aufhören, weder an das Wann, noch an das Wie. Das über Jahre hinweg erfolgreiche Gestalten und die damit verbundene Zielstrebigkeit einfach aufzugeben, ohne zu wissen was kommt, kann nicht leicht fallen. Wem dieser Übergang leicht fällt, hat möglicherweise den Zeitpunkt des Abschieds längst überschritten, die Leidenschaft schon verloren oder bereits lange zuvor innerlich entschieden, aufzuhören. Hinzu kommt die Angst älterer Manager vor dem beruflichen Ende, wenn diese von potenziell Jüngeren ersetzt werden sollen. Die Bitterkeit liegt darin, dass für den Erfolg von Karrieren das Privatleben geopfert wurde.

Frühzeitig über das Aufhören nachzudenken ist mehr als sinnvoll. War jedwedes berufliche Handeln für die Karriere von der Illusion der Grenzenlosigkeit, u.a. hinsichtlich des wirtschaftlichen Handelns in Unternehmen geprägt, so mutet der nun folgende Übergang zu, einen Modus der Endlichkeit zu akzeptieren. Führungskräfte hatten eine Position bzw. Rolle geprägt und jetzt „ist man wer“, das muss erstmal verstanden werden. Der Aspekt, sich mit der Endlichkeit konfrontiert zu sehen, ist hierbei der Wesentlichste. Derjenige, der gelebt hat und Sinn empfunden hat, akzeptiert leichter die Endlichkeit. Diejenigen, die ihre Bedürfnisse und Herzensangelegenheiten ausgeblendet haben, tun sich schwer. In der Zeit nach einer erfolgreichen  Beschäftigung kann jeder das nachholen und sich auf Sinnsuche begeben.

Mitte, Ende Fünfzig finden sich zumindest karriereorientierte Arbeitnehmer überrascht mit der Option der Altersteilzeit konfrontiert, welche Unternehmen anbieten, um sich mittels staatlicher Förderung von Kosten zu entlasten. Im Klartext ist das nichts anderes als der Abbau langjährigen Personals, verbunden mit dem Verzicht des Arbeitgebers auf die angebotenen Arbeitsleistungen und Kompetenzen. Ob als Vorruhestand oder sogenannte Rentenbrücke definiert, andere haben über das plötzliche Ende der eigenen Berufstätigkeit entschieden. Der stets handelnde Manager hat diese Möglichkeit ausgeblendet – und das passt so gar nicht in das bisherige Selbstbild erfolgreichen beruflichen Handelns und des Status!

Aufhören, hinhören, zuhören, herhören, anhören, hineinhören, hören auf die innere Stimme. Das ist bereits gestaltend und ermöglicht Gedanken zur Veränderung. In dem Wort Hören steckt mittelbar das Wort Ohr. Mithören, zusammen mit den anderen hören – alles, was mit Hören zu tun hat, ist stets auf etwas außerhalb von sich selbst Gerichtetes. Jedes in sich Hineinhören richtet sich ebenso nach außen, auf das von sich selbst Distanzierte. Die innere Stimme bildet sozusagen ein Gegenüber, welches ein wirksamer Ratgeber ist.

Aufhören beim Wort genommen: auf was höre ich? Um aufzuhören, muss etwas beendet werden. Und das ist bereits ein aktiver, selbstbestimmter Vorgang zur selbstbewussten neuen Orientierung.

Der Mensch ist ein auf Antworten angewiesenes Wesen

In dieser Phase oder bereits davor kann eben „hingehört“ werden, auf die innere Stimme, auf das, was Resonanz auslöst, beispielsweise beim Zuhören anderer, die über ihre Aktivitäten sprechen. Ein in sich Hineinlauschen wäre der nächste Schritt.

Es ist schwer, das gegenwärtige Verharren zu überwinden, wenn das Neue noch nicht sichtbar ist. So wie nach dem Herbst mit fallenden Blättern und leuchtenden Farben zunächst einmal die Ruhephase des Winters kommt, sodass im Frühling die Knospen wieder treiben können. Damit das Neue kommen kann, ist eine Ruhephase der Rückbesinnung erforderlich. Dadurch erst wird die neue erfolgreiche Orientierung ermöglicht.

Das Ende, das Auslaufen der Berufstätigkeit, will vorbereitet sein. Nicht mehr der verantwortungsvolle Job gestaltet den Tagesablauf und ist Sinn des Lebens. Die Vorstellung nicht mehr berufstätig zu sein, verknüpfen viele mit „Leere“.  Führungskräfte, die einmal unfreiwillig auf Jobsuche waren und sich neu erfinden mussten, kennen möglichweise dieses Gefühl, „sinnlos in den Tag hineinzuleben“ und die plötzlich freie Zeit zu verwenden, um Haus und Hof in Ordnung zu bringen.

Nennen wir die Phase ab 55 Jahren einfach mal die berufliche Portfolio-Phase. In der Finanzwelt wird unter Portfolio-Management das Zusammenstellen und Verwalten eines Portfolios verstanden, d. h. eines Bestandes von Investitionen im Sinne fest vereinbarter Anlagekriterien mit Blick auf erwartete Marktentwicklungen. Dabei können zwei Strategien unterschieden werden: Der von oben herab schauende Top-Down-Ansatz geht von den Zielen aus und realisiert daraus die einzelnen Schritte bzw. Handlungen. Den umgekehrten Weg nennt man logischerweise den Bottom-Up-Ansatz, der von unten schauend, also vom Detail, das Vorgehen bestimmt. Spätestens mit 55 Jahren kann also jeder entscheiden, ob er seine Jugend oder sein Alter verlängern will.

Die Analogie eines Portfolios lässt sich deshalb gut auf die eigene berufliche Situation anwenden. Sich seiner selbst bewusst auf den Weg zu machen, kann mit der Frage „Was kann ich“ beginnen, indem erworbene Kenntnisse einmal in Ruhe zu Papier gebracht werden. Bei der Frage nach dem „Wer bin ich“ können andere Menschen individuelles Feedback geben, um sich seiner selbst gewahr zu werden. Daran schließen sich unmittelbar die Fragen „Was will ich noch leben“, „was will ich weiter geben“ und „was will ich hinterlassen“ an.

Mit meinen Gedanken möchte ich nicht die Vielzahl populär beschriebener Tätigkeiten bzw. Optionen anlässlich des Älterwerdens beschreiben. Ob sich jemand für eine Beiratstätigkeit, soziales Engagement im Ehrenamt, als Mentor für Jüngere, eine selbständige Tätigkeit, eine interimistische Aufgabe für Unternehmen der Branche oder gar den Ruhestand entscheidet, stets es geht um den bewussten Prozess des Aufhörens.

Gibt es ein Leben jenseits der Arbeit?

Wissen und Erfahrung ist Geld wert, zumindest erfordert es einen Ausgleich für das, was eine erfahrene Führungskraft anzubieten hat. Die sich bietenden Freiräume und Chancen ermöglichen die Balance von Aktivität und Rückzug ebenso wie die Langeweile – lange Weile. War im Berufsleben die Aktivität im Fokus des Handelns, gewinnt mit dem Älterwerden die Wirksamkeit an Bedeutung.

Die Macht des Übergangs: Übergänge können gelingen, können kraftvoll sein, können den Zugang zum Inneren erweitern. Dabei ist die Vorbereitung und Bewusstheit wichtig, um in der Phase des Übergangs in Verbindung mit sich selbst, den eigenen Bedürfnissen, Wünschen, dem eigenen Können zu sein; und natürlich in Verbindung mit anderen Menschen. Es ist die Phase der Ernte und der Wirksamkeit in Gelassenheit. Ein Können ohne zu müssen. Ein Geben aus einem gut gelebten Leben heraus, weil es der innere Wunsch ist und nicht ein Zwang.

Oder akustisch mit einem bekannten Jazz-Standard formuliert The Best is yet to come.

Das ist der glücklichste Mensch, der das Ende seines Lebens mit dem Anfang in Verbindung setzen kann.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Bildquellen

Autor: hfi

Hallo, ich bin Heike Fillhardt, der hfi.harlekin aus dem Rheingau. Ich leite und begleite seit Anfang der 90er Jahre Veränderungsprozesse in internationalen Unternehmen im Rahmen von Reorganisationen, Fusionen und Leitbildumsetzungen. Dabei vertraue ich auf die Kraft der Gruppe und arbeite nach dem Grundsatz: es gibt immer eine Lösung, egal wie lange es dauert. Viele Führungskräfte empfinden sich als „lonesome hero“ – ein Bild, das sich – wem auch immer sei Dank – endlich auch in Deutschland zu verändern scheint. Und ich freue mich über jedes Projekt im Rahmen von Agilität. Neben Erfahrungen aus dem klassischen Projekt- und Changemanagement bringe ich auch breites systemisches Methodenwissen ein. Ich bin Scrum-Master und Leadership Agility Coach. Erkenntnisse aus meinen verschiedenen physio- und psychologischen Ausbildungen fließen ebenso in mein Wirken ein wie meine Erfahrung als Dozentin und Mutter. Ich wirkte 14 Jahre als Managementberaterin, Coach und Trainerin in verschiedenen Unternehmen. Seit 2007 bin ich selbständige Beraterin mit eigener Coachingpraxis. Seit 2012 bin ich Kung-Fu-Schülerin. Und im Laufe der Jahre flossen immer mehr Körperübungen in meine Workshops und Trainings ein. Denn nur wer sich bewegt, ist auch langfristig erfolgreich. Meine Kunden schätzen vor allem das Umsetzen der theoretischen Themen in Spiel und Körperübungen, meine systemische Sicht auf das ganze Feld, das schnelle Einstellen auf situative Bedürfnisse, meine klare und wertschätzende Sprache und die konsequente Zielverfolgung.

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