Fitness auf niederländisch – das „Vierdaagse“

Nachdem ich bei harlekin.blog wiederholt über die Vorliebe der Niederländerinnen und Niederländer für frittierte Köstlichkeiten berichtet habe, möchte ich mich nun der Frage widmen, wie sich die Bürger meiner Wahlheimat denn trotz dieser Versuchungen fit halten.

Nach meiner Beobachtung liegt das zum einen daran, dass das Radfahren – auch bei suboptimalen Wetterbedingungen – in den Niederlanden nach wie vor sehr populär ist. Auf dem Gebiet der Kindersitze, Kinder-Anhänger etc. werden alle verkehrssicheren Möglichkeiten genutzt, und Mütter oder Väter mit drei kleinen Kindern verteilt auf dem Rad sind keine Seltenheit.

Für tägliche Kurzstrecken, zum Beispiel zum Bahnhof zur Weiterfahrt mit dem Zug, gibt es meist noch ein zusätzliches, ziemlich abgewracktes Fahrrad-Exemplar, das mit etwas Glück wegen seiner Hässlichkeit nicht geklaut wird. (Und wenn doch, ist es nicht all zu schlimm.)

Zum anderen existiert in Niederland ein sportliches Phänomen, dem ich außerhalb dieses schönen Landes noch nirgends begegnet bin: das „Vierdaagse“. Es gibt Wander-Vierdaagse, Fahrrad-Vierdaagse und Schwimm-Vierdaagse, und wie der Name bereits andeutet, werden bei diesen Veranstaltungen an vier aufeinanderfolgenden Tagen dieselben sportlichen Leistungen erbracht. Das Niveau ist je nach Veranstaltung unterschiedlich: Es gibt das tagfüllende Wander-Vierdaagse mit unterschiedlichen Kilometer-Anforderungen ab 20 km aufwärts oder das Abend-Vierdaagse für die ganze Familie, bei dem an allen 4 Abenden entweder 5, 10 oder 15 Kilometer gewandert werden. Bei den Familien-Events wird viel und gern gesungen – bevorzugt spezielle Durchhalte-Lieder, die das Wandertempo beschleunigen  und bei denen der Text Nebensache ist („Wij zijn er bijna…“ oder – mein persönlicher Favoriet – “Potje met vet…”).

Beim Schwimm-Vierdaagse geht es meist um 250, 500 und 1000 Meter, abhängig vom Alter der Teilnehmer. Die Fahrradstrecken schwanken je nach Veranstalter zwischen 30, 45 und 60 Kilometer. Es gibt viele verschiedene Varianten, aber alle haben eins gemeinsam: Ein Tag Pause zwischendurch ist nicht drin!

Das erste Wander-Vierdaagse fand 1909 in und um Nijmegen statt als eine Art Ausdauertraining für das Militär. Im Laufe der Jahre wurde die Veranstaltung auch bei Zivilisten immer beliebter. Das Vierdaagse von Nijmegen ist das grösste und international bekannteste im ganze Land – 2019 namen ca. 43000 Menschen teil! Und die Route ist wirklich nichts für Weicheier – es werden täglich je nach Alter 30, 40 oder 50 Kilometer gewandert.

Ich finde 50 Kilometer selbst auf dem Fahrrad noch beachtlich, an Wandern möchte ich dabei nicht mal denken. Und viele Teilnehmer sind nach dem Marsch sogar noch in der Lage, abends kräftig zu feiern!

In Nijmegen mit seinen tausenden Wanderern ist die ganze Stadt an diesen vier Tagen ein einziges Festival. Die Stadt vollbringt jedes Jahr eine logistische und organisatorische Höchstleistung bezüglich der Unterbringung und Betreuung der Gäste. Es gibt Familien, die schon in zweiter Generation immer dieselbe Gruppe Wanderer aus dem Ausland auf ihrem Dachboden beherbergen – so entstehen internationale Netzwerke!

Das letzte Stück des Weges führt über die “Via Gladiola”, die Wanderinnen und Wanderer werden dort mit Gladiolen empfangen. Und eine Medaille gibt es natürlich auch, wenn man’s dann geschafft hat!

Wir danken der „Stichting Internationale Vierdaagse Afstandsmarsen Nijmegen“ für die schönen Fotos vom Vierdaagse 2019!

Epilog
Ich möchte nicht versäumen, darauf hinzuweisen, dass es natürlich auch eine winterliche Alternative zum Vierdaagse gibt: die Elf-Städte-Tour!

Diese Tour ist ein ca. 200 Kilometer langer Schlittschuh-Wettstreit auf Natureis entlang 11 friesischen Städten. Seid 1997 konnte sie nicht mehr stattfinden, die Winter waren nicht mehr kalt genug. Aber die Niederländer hoffen jedes Jahr wieder. Und sollte im nächsten Winter mal wieder eine Elf-Städte-Tour stattfinden, verspreche ich Ihnen einen ausführlichen Bericht!

Bildquellen

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Autor: bbr

Hallo, ich bin Beate Brinkman, der bbr.harlekin. Ich bin Redakteurin und Autorin für den Harlekin.Blog e.V. im “Hauptberuf” international Supervisor in einem IT-Unternehmen. Dort beschäftige ich mich schwerpunktmässig mit der Führung und Organisation internationaler Teams und mit den “Risiken und Nebenwirkungen” multikultureller Teamarbeit. Ich lebe seit 15 Jahren in den Niederlanden und habe festgestellt, dass schon allein die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern ein ganzes Buch füllen können (und auch bereits füllen – ein sehr amüsantes Beispiel dafür ist das Buch “Auf Heineken könn wir uns eineken” von Kerstin Schweighöfer). Weil in dem Unternehmen, für das ich tätig bin, mit den Jahren auch noch Unternehmensstandorte in USA und Indien dazugekommen sind, gab es im Themenumfeld multikultureller Teamarbeit ständig mehr zu entdecken. Und es wurden dadurch natürlich auch mehr Fehler gemacht, aus denen wir lernen konnten.

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