Ein Wendepunkt? Oder machen wir einfach weiter wie die Lemminge?

Im gegenwärtigen Klima der Untergangsstimmung ist mir die Besonderheit unseres Dilemmas aufgefallen. Ich gehöre zu den ersten, die innerlich aufstöhnen, wenn ich schon wieder das Klischee „Das chinesische Wort für Problem ist dasselbe wie für Herausforderung“ höre. Tatsächlich haben meine Recherchen ergeben, dass das chinesischen Wort 问题 „wenti“ eigentlich Problem oder Frage bedeutet. Aber ich habe immer angenommen, dass es sich um einen weiteren dieser urbanen Mythen handelt, so wie die Inuit 357 verschiedene Wörter für Schnee haben sollen. Aber ich schweife ab…

Als ich im Vereinigten Königreich aufwuchs, sagte uns Harold MacMillan, dass wir es noch nie so gut hatten. Über die Gegenwart würde er das wahrscheinlich nicht  mehr sagen. In den 2020er Jahren sind wir mit einer beängstigenden Anzahl von Problemen konfrontiert, von denen die meisten miteinander verknüpft sind. Hier sind nur einige davon:

Klimawandel
Umweltverschmutzung
Krieg in der Ukraine
Covid
Energiepreise
Inflation
Getreideknappheit
Agrarreform
Mangelnde Nachhaltigkeit
Mangel an qualifizierten Arbeitskräften
Migration

Am Ende des 19. Jahrhunderts sprach man von der Stimmung als „fin de siècle“ – kurz gesagt: „Alles erledigt, was bleibt?“ Heute scheinen wir von der Komplexität unserer Situation und dem Gefühl der Ausweglosigkeit überwältigt zu sein. In ihrer Verzweiflung wählen Menschen Politiker mit einer beängstigenden Politik, da sie das Vertrauen in alle anderen verloren haben.

In der Tat verrückte Zeiten. Die Ukraine wählte einen Komiker zum Präsidenten, der sich als begabter Führer entpuppt. Das Vereinigte Königreich wählte einen Führer, der sich als lausiger Komiker herausstellte.

Was mir jedoch auffällt, ist das enorme Potenzial, das in unserer Situation steckt. Energie ist so teuer geworden, dass die Alternativen – Wind, Sonne, Wasserstoff usw. – realisierbar und wirtschaftlich attraktiv geworden sind. Importierte Dünge- und Futtermittel sind so teurer geworden, dass ökologische Ansätze nicht nur „moralisch überlegen“ erscheinen, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll sind, die Artenvielfalt fördern und den Klimawandel verlangsamen.

Die Transportkosten schießen in die Höhe; aber welchen Sinn hat es, Waren Hunderte oder gar Tausende von Kilometern von „billigen“ Produktionsstätten zu transportieren, die oft das Wohlbefinden ihrer Arbeiter ignorieren?

Pendler stehen im Stau und zahlen einen großen Teil ihres Gehalts für Transport und Kraftstoff, obwohl viele ihre Arbeit von zu Hause aus erledigen könnten.Ein großer Teil des Westens beklagt sich über einen Mangel an Qualifikationen, während die Bildung in den Entwicklungsländern ein solches Niveau erreicht hat, dass sich der Arbeitsmarkt dank des Internets weltweit geöffnet hat.

Ich behaupte nicht, dass alle unsere Probleme gelöst sind, aber ich bewundere den Einfallsreichtum und die Hartnäckigkeit so vieler insbesondere junger Menschen, die nach Lösungen suchen und sie auch finden, sei es bei der Gründung von Baufirmen, die einen großen Teil der Gebäude und Materialien recyceln oder mit pflanzlichen Baustoffen isolieren, bei Biobauern, die lokale Ressourcen zusammenlegen, bei Start-ups, die erstklassige Impfstoffe entwickeln, oder sogar bei Politikern, die einen Fahrplan aufstellen, um in absehbarer Zeit auf fossile Brennstoffe zu verzichten. Jahrelang vernachlässigte Techniken, wie der Einsatz von Wasserstoff oder die Speicherung von Energie, nehmen enorm in Fahrt auf. Das Aussterben von Dörfern wird durch Initiativen von jungen Startup-Gründern gebremst, die der Großstadt den Rücken gekehrt haben und durch das Internet von überall agieren können. Das neue Interesse für Nachhaltigkeit fördert die unterschiedlichsten Projekte zur Entsiegelung und Wiederherstellung des Bodens, Wiederverwendung von Textilien, Direktvermarktung von Agrarprodukten oder die Ausbreitung der sogenannten Gemeinwohlökonomie. Inzwischen sind ganze Dörfer durch Wind, Sonne und Biomasse energetisch autark.

Der Übergang wird, wie alle großen Veränderungen, unangenehm sein, aber wir haben die letzten 100 Jahre damit verbracht, mehr vom Gleichen zu tun: mehr Konsum, mehr Mobilität, mehr Abfall. Auch wenn ich Hararis Behauptung, dass Jäger und Sammler glücklicher waren als der moderne Mensch, nicht teile, sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir schwierige Entscheidungen treffen müssen. Knappheit kann einen wunderbaren Fokus für Erfindungsreichtum schaffen.

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Autor: bco

Hallo, ich bin Bernie Cornwell, der bco.harlekin. Wie schon meine Signatur-Kappe unten suggeriert, bin ich Wirtschaftsflüchtling aus England und seit der Brexitabstimmung Wahlexilant. Über Umwege via Sprachunterricht und Sozialarbeit bin ich bei der IT gelandet. Ich war in die Technik total verknallt und nach meinem ersten Realisierungsprojekt bei einer Berufsgenossenschaft habe ich mich als Business Analyst und Projektleiter sukzessiv immer weiter von der Technik entfernt… Inzwischen verdiene ich mein Brot als Berater, Trainer und Coach im Projektgeschäft in jeder beliebigen Branche. Mein Hintergrund und meine Reiselust führen mich überwiegend zu Einsätzen in der ganzen Welt oder/auch bei multikulturellen Unternehmen im deutschen Sprachraum. Mit den Jahren hat sich meine berufliche Einstellung wesentlich geändert. Früher Missionar in der Sache des methodischen Vorgehens, sehe ich mich nun eher als Lebenshelfer im Projektumfeld. Das Arbeiten in einem Projektteam kann lehrreich, stimulierend und begeisternd sein; es soll weder Mission Impossible noch Himmelskommando sein. Projekte können der beste Ansatz sein, Innovation, Wirtschaftlichkeit und reizvolles Arbeiten zu fördern. Warum lieben Projektleiter den „surrealistischen“ Dilbert? Weil er tägliche Projektsituationen darstellt, die wir wiedererkennen. Und weil sie leider recht realistisch sind.

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