Ein unromantischer Beziehungsstart

Über Firmenübernahmen – und die Übernommenen (Teil 1)

Laut Manager Magazin wurden in 2021 – trotz Corona – mehr als 2000 deutsche Firmen gekauft.[1] Dabei geht es nicht nur um gewaltige Finanztransaktionen, sondern auch um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die am „Stichtag“ plötzlich einen neuen Arbeitgeber haben. Und –  im Gegensatz zum Firmenwechsel durch Bewerbung –  haben sie diesen nicht selbst gewählt.

Ich habe in meinem Berufsleben bei allen meinen Arbeitsgebern Übernahmen erlebt und habe die Erfahrung gemacht, dass Übernahme nicht gleich Übernahme ist. Allein in meiner beruflichen Laufbahn gab es:

  • Den Verkauf eines deutschen Familienbetriebs an ein grösseres mittelständisches  Unternehmen
  • Den Verkauf eines Unternehmens  mit Niederlassungen in den deutschsprachigen Ländern an eine amerikanische Firma
  • Den Verkauf einer amerikanischen Firma an ein (viel grösseres) indisches Unternehmen
  • Und den Verkauf eines Geschäftsbereichs des indischen Unternehmens an eine amerikanische Firma
Das Vorspiel

Die möglichen Gründe für einen Verkauf sind vielfältig: die Besitzer nähern sich dem Rentenalter und haben keine Nachfolge, es gibt finanzielle Probleme oder neue Geschäftsideen, die mit dem Verkauf des „alten“ Betriebs finanziert werden sollen – oder die Einsicht, dass weiteres Wachstum allein nicht mehr machbar ist.

Bei der Motivation der anderen Seite für die Übernahme läuft es meist auf eine der folgenden zwei hinaus:

1. Der Übernahmekandidat bietet ein Produkt oder eine Leistung, die das eigene Unternehmen bisher nicht anbietet, und erweitert so das Portfolio.

2. Der Übernahmekandidat bietet genau das Produkt / die Leistung an, die das eigene Unternehmen auch bietet (evtl. in einem Land, in dem die Käuferfirma noch nicht aktiv ist). Das ermöglicht weiteres Wachstum durch Übernahme des Kundenstamms, evtl. Zugewinn an Knowhow – und man ist auf diese Weise wieder einen Konkurrenten los.

Bei einer der Übernahmen der Kategorie 1 lief die Integrationsphase zwar sehr friedlich ab, denn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Führungkräfte wurden komplett übernommen und als neuer Geschäftsbereich in die Struktur des neuen Unternehmens übergesetzt. Allerdings  haben wir uns alle gefragt „Was wollen die denn bloss mit uns?“ und wir wurden das Gefühl nicht los, dass wir auf dieselbe Art gekauft wurden, wie jemand mit ausgeprägten Shopping-Neigungen eine rote Handtasche kauft: „Ich habe schon eine braune, eine schwarze, eine blaue und eine weisse – nur eine rote habe ich noch nicht!“ Wir als rote Handtasche haben letztendlich auch nicht wirklich zum Outfit gepasst – und bekamen dafür auch noch die Schuld.

Übernahmen der Kategorie 2 haben den Vorteil, dass nicht erst ergründet werden muss, was der neue Arbeitgeber eigentlich so treibt, denn man versteht das Geschäft und manchmal unterscheiden sich die Prozesse nicht so sehr von den bereits bekannten. Der Nachteil ist allerdings häufig, dass es nicht für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im neuen Unternehmen einen Platz gibt. (Erfahrungsgemäss ist die Manager-Riege dabei gefährdeter als die Fachabteilungen.) Auch wenn man keine hochgestellten Erwartungen hat, ist es doch bitter, vom neuen Management nach dem Motto „Brauch ich das noch oder kann das weg?“ aussortiert zu werden.

Wer im neuen Unternehmen bleiben kann und möchte, hat interessante Wochen vor sich. Es gibt kaum etwas spannenderes als die Integrationsphase nach einer Fusion oder Firmenübernahme. Mehr darüber im 2. Teil am nächsten Freitag.

[1] Manager-magazin.de 21.12.2021

Bildquellen

Autor: bbr

Hallo, ich bin Beate Brinkman, der bbr.harlekin. Ich bin Redakteurin und Autorin für den Harlekin.Blog e.V. und im “Hauptberuf” in einem international agierenden IT-Unternehmen als Support Coordinator tätig. Bisher habe ich in deutschen, niederländischen, amerikanischen und indischen Unternehmen gearbeitet und viele Erfahrungen mit multikultureller Zusammenarbeit machen dürfen. Seit vielen Jahren lebe ich als Deutsche in den Niederlanden und habe festgestellt, dass schon allein die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern ganze Bücher füllen können. Aus beruflichen und privaten Gründen gilt dem multikulturellen (Miss-)Verständis mein besonderes Interesse. Ob es um Essen, Sprache, dienstliche Conference Calls oder die Gestaltung von Begräbnissen geht – wenn die Kulturen mehrer Länder aufeinander stoßen, wird es spannend. Und das führt zu manchmal unerfreulichen, oft sehr komischen, aber immer lehrreichen Situationen.

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