Ein Möbelstück „für’s Leben“

Die 70er Jahre werfen lange Schatten

Mein Kollege PUE hat bei Harlekin.blog hin und wieder über lebenslanges Lernen geschrieben – ich werde jetzt nachlegen und mich zu „lebenslangen Möbeln“ äussern. Dabei geht es um das oben abgebildete Prachtstück, welches vom Dachboden wieder ans Tageslicht geholt wurde.

Im ersten Corona-Sommer (wie das klingt…) fand bei uns zuhause eine grössere Renovierungsaktion statt mit allerlei Massnahmen, um unser 60er-Jahre-Reihenhaus zukunftstauglich zu machen. Dazu waren aufgrund der Corona-Regeln einige Vorbereitungen notwendig. Es wurden Laufrouten im Haus markiert etc., um den 3 – 6 Handwerkern, die gleichzeitig im und ums Haus im Einsatz waren, und uns Kaffeepausen „auf Abstand“ zu ermöglichen – inklusive launigem Kaffeeplausch natürlich.

Im Zuge dieser Vorbereitungen holte mein Mann den karierten Sitzklotz ins Wohnzimmer, auf dem wir uns niederliessen, um mit den Handwerkern zu plaudern, die an unserem Esstisch ihre wohlverdiente Mittagspause verbrachten. Nach Abschluss der Renovierungen bat ich meinen Mann dann, dieses hässliche Ding wieder aus dem Wohnzimmer zu verbannen. Aber mein Mann war nicht einverstanden. Er hatte sich inzwischen an den Klotz gewöhnt und wollte ihn nicht mehr missen. Damit Sie mich nicht missverstehen – ich gehöre keineswegs zu den Menschen, die den halben Tag darüber nachdenken, ob die 2. Topfblume von links auch wirklich perfekt mit der Tischdecke harmoniert und umgekehrt (Sie wissen, was ich meine!), aber an diesem Punkt machte sich leichte Panik bei mir breit.

Mein Mann, clever wie er ist, spielte gekonnt und heimtückisch die Sentimentalitätskarte, da ich den Klotz in die Ehe gebracht habe, nicht er. Er meinte „Ist das nicht auch die „Kleine-Gäste-Matratze“ gewesen, auf der Deine Nichte und Deine Neffen geschlafen haben, wenn einer von ihnen mal bei Dir zu Besuch war?“ Das stimmte – und um ehrlich zu sein, dieser miese Trick verfehlte seine Wirkung nicht!

Ich überlegte: Nach dem Bezug des Klotzes zu urteilen, muss er aus den 70er Jahren stammen. Ich weiss nicht mehr, wie er in meinen Besitz kam, aber ich hatte ihn in meiner ersten Studentenwohnung – noch in einem Metallrahmen und mit einem Rückenkissen gleichen Designs als (eher unbequemen) Sessel und (recht bequemes) Gästebett. Und obwohl ich das Design damals noch nicht so schrecklich fand wie heute, kann ich mich nicht erinnern, ihn selbst ausgesucht und gekauft zu haben. Aber ich kannte damals recht viel Haushalte, die in dem heute verschmähten braun-beige-orange Look eingerichtet waren. Vielleicht habe ich ihn ja van jemand geerbt…

Der Klotz war also seit ich 18 bin bei allen Umzügen mit von der Partie und landete im Keller, auf dem Dachboden oder unter dem Bett. Er diente gelegentlich als Gästebett für übernachtende Kinder, ohne dass ich jemals wieder über das Design nachgedacht hätte. (Meistens war ja auch ein Laken drüber…) Jetzt bin ich 62 – was soll ich nun davon halten? Bin ich nachhaltig, geizig oder haben nur die Sehkraft oder der Sinn für Ästhetik im Laufe der Jahrzehnte gelitten?

Die Frage „Hab ich das damals echt schön gefunden?“ stellt man sich ja über Jahrzehnte hinweg auch immer mal wieder. Nicht nur entwickelt man sich geschmacklich weiter, auch das Diktat der Mode darf man nicht unterschätzen, besonders in jungen Jahren.

Es ist interessant zu sehen, wie unterschiedlich einzelne Menschen mit ihren modischen Jugendsünden umgehen, ob nun bei Kleidung, Wohnung oder Frisuren.  Die einen haben grossen Spass beim Stöbern nach alten Fundstücken im Keller oder unterm Dach und beim Betrachten ihrer alten Fotos (zu denen gehöre ich!), andere können die Konfrontation mit früheren geschmacklichen Entgleisungen kaum ertragen. Und nicht nur die 70er Jahren hatten „Entgleisungspotential“ – die 60er und 80 haben genauso viel zu bieten. Allerdings mit weniger orange!

P.S.: Und der Klotz? Steht immer noch im Wohnzimmer, aber perfekt getarnt und in einen fröhlichen Stoff gehüllt. Ich bin gespannt, wie lange noch…

Bildquellen

  • 20221023_165052: BBR

Autor: bbr

Hallo, ich bin Beate Brinkman, der bbr.harlekin. Ich bin Redakteurin und Autorin für den Harlekin.Blog e.V. und im “Hauptberuf” in einem international agierenden IT-Unternehmen als Support Coordinator tätig. Bisher habe ich in deutschen, niederländischen, amerikanischen und indischen Unternehmen gearbeitet und viele Erfahrungen mit multikultureller Zusammenarbeit machen dürfen. Seit vielen Jahren lebe ich als Deutsche in den Niederlanden und habe festgestellt, dass schon allein die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern ganze Bücher füllen können. Aus beruflichen und privaten Gründen gilt dem multikulturellen (Miss-)Verständis mein besonderes Interesse. Ob es um Essen, Sprache, dienstliche Conference Calls oder die Gestaltung von Begräbnissen geht – wenn die Kulturen mehrer Länder aufeinander stoßen, wird es spannend. Und das führt zu manchmal unerfreulichen, oft sehr komischen, aber immer lehrreichen Situationen.

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