Digitale Nomaden – die Herde zieht weiter

Die Herde zieht weiter

Informationen zeitnah und über große Distanzen austauschen zu können, ist seit jeher der entscheidende Antrieb für neue Kommunikationsformen. Meist wurden dabei ältere Praktiken in den Hintergrund gedrängt und im Laufe der Zeit dann – „vergessen“. Interessante Migrationspfade der Kommunikation finden sich allenthalben, mit kritischem Blick (und leichtem Entsetzen) schauen dabei Erwachsene bevorzugt auf das Kommunikationsgebaren ihrer Kinder, bzw. der heutigen Jugend. Und da haben wir´s – ohne Handy, SMS und WhatsApp kann man sich diese Kids doch kaum noch vorstellen!?

Dabei sind diese Kommunikationsmittel und -formen doch nur die logische Weiterentwicklung von früheren Kommunikationsformen wie Brieftauben, Postkarten, Stammtisch und Depesche. Die übrigens zu „ihrer Zeit“ genauso angeprangert wurden wie Twitter, Facebook und Co. Neue Konnektivität und veränderte Kommunikation in der Gesellschaft ist weder Grund zur Panik noch ist es verpflichtend, sich dort einzureihen. Denn, es ist was es ist – neue Technik – mit Vorteilen, Vor-Urteilen, Trends und der Notwendigkeit, sich damit auseinander zu setzen.

Dazu gehört auch die digitale Nomadenszene als neue, hippe Arbeitsform für junge Leute. Wie Wanderarbeiter und der Pony-Express verändert sie die Konnektivität und schafft neue Arbeitsplätze. Doch gleichzeitig entstehen auch neue Probleme, über die meist nicht so gerne gesprochen wird. Wir schauen uns in diesem Beitrag einmal Selbstverständnis und daraus resultierende Probleme an.

In den einschlägigen Foren findet man hunderte Beiträge über die Lust am Reisen und Tips, wie man erfolgreicher Nomade wird. Dass man für ein solches Leben einen Preis zahlt und in welcher Währung dieser erhoben wird, das erfahren die Novizen erst nach ein paar Stationen und wenn der Rausch des permanent Neuen nachlässt.

Am besten lässt sich “digitaler Nomade” verstehen, wenn man die Worte separat betrachtet. „Digital“ wird dabei üblicherweise im Kontext von Computern, Internet und der Digitalisierung überhaupt verwendet, und Nomaden sind ursprünglich Völker, die umherziehen und nicht dauerhaft sesshaft sind. Doch schon die durchweg positive Deutung des Begriffs “digitaler Nomade” ist übertriebene Public Relation in eigener Sache.

Der ursprüngliche Nomade war weder frei noch ungebunden, ganz im Gegenteil, er musste stetig und behände seiner Nahrungsquelle hinterherlaufen – sonst verhungerte er. Auch waren Nomaden nicht besonders technisch begabt, schon gar nicht im digitalen Sinne. Erst mit der neolithischen Revolution und mit urbaner Kultur entstand Technik und digitales Wissen, was von pfiffigen PR-Agenten mit dem ehemaligen Nomadentum zum aktuell hippsten Arbeitsstil des Universums gebrandet wurde.

Nun hat diese Interpretation eine hübsche Ironie, denn nicht nur das Nomadentum, auch digitale Nomaden sind ein bisschen Hipster. Die wenigsten Erwachsenen kennen die genaue Bedeutung, doch – zumindest grob – weiß jeder, was gemeint ist. Doch schauen wir einmal etwas genauer hin; eine Ableitung aus Wikipedia reicht für diesen Zweck allemal aus.

Hipster ist ein im frühen 21. Jahrhundert in den Medien verbreiteter, meist etwas spöttisch gebrauchter Name für ein Milieu, dessen Angehörige ihrem Szenebewusstsein (in Abgrenzung zum Mainstream) populär Ausdruck verleihen. Meist sind es Jugendliche bis junge Erwachsene der urbanen Mittelschicht. Man versteht sich zwar als Subkultur, ist aber inzwischen doch einem Mainstream zuzuordnen.

Ja, so ist es mit den Trends. Aus der ursprünglich exklusiven Szene ist längst Mainstream geworden. Alle Fluggesellschaften, AirBnB und Dutzende andere spezialisierte Unternehmen verdienen mit digitalen Nomaden inzwischen eine Menge Geld. Es gibt bereits internetaffine Hostels und Pensionen, die hauptsächlich von dieser Klientel leben. In der Szene überdurchschnittlich zu finden sind Designer, Content Creater, Texter, Schriftsteller, Blogger, Programmierer, Fotografen, YouTuber und ähnliche Berufsbilder, deren Arbeitsergebnisse sich halt ohne klassisches Büro und ohne physische Hilfsmittel im Internet realisieren lassen.

Wenn nun neben der Reiselust auch noch Schlagworte wie Behörden und lahme Bürokratie das eigene Bekenntnis zum digitalen Nomaden aufpeppen, dann wird es deutlich komplizierter. Selbst sesshafte Langweiler machen es nicht gerne, doch auch hippe, digitale Nomaden müssen sich mit bürokratischen Angelegenheiten wie Wohnsitz, Kranken-versicherung und Steuern herumschlagen.

Für die sesshaften Langweiler ist es ohnehin längst klar, ganz ohne Steuern geht es nicht. Für (fast) alle Länder gilt: Mobilität, Infrastruktur und Kommunikationsnetze sind ohne Steuern nicht zu unterhalten. Also stellt sich logisch nicht die Frage ob, sondern nur wo man als digitaler Nomade seine Steuern zahlt. Dann wäre Steuern zahlen im Land, wo man zur Schule gegangen und seine Ausbildung zum erfolgreichen Nomaden gemacht hat, doch eigentlich eine logische Konsequenz. Die Realität stellt sich allerdings anders dar, das Netz ist voll mit Ratschlägen und Tipps, wie man diesen Steuern und dem Staat entkommt.

Entkoppelt von der Frage, ob das auf Dauer wirklich funktioniert, bekommt man darüber den Eindruck einer Welt voller Narzissten und Egoisten. Keine Steuern zahlen, aber die Einrichtungen des Staates (damit der anderen Steuerzahler) zum Erwerb nutzen, ist auch in einer zunehmend digitalen Welt nicht fair.

Insgesamt wirkt die ganze Szene auf mich mehr wie eine Art digitale Pubertät. Man ist zwar auf einem neuen Weg, dabei aber noch nicht so richtig erwachsen geworden. Denn, wie Ihre ideellen Vorgänger, die „Schneegänse/Snowbirds“ in Florida und unsere „Überwinterer“ der Generation 60+, sind digitale Nomaden doch irgendwie auf der Flucht von …

Die Einen vor der Kälte und dem Schnee, die Anderen vor einem geregelten Arbeitsalltag. Aber so wenig wie der Campingplatz an der Algarve die Familie zu Hause ersetzt, genauso selten wird ein Hostel in Bali die Basis einer erfolgreichen, beruflichen Zukunft. Die Welt ist mit unseren Nomaden bestimmt reicher und bunter geworden, für befriedigende soziale Strukturen braucht es aber Präsenz, trotz SMS und Facebook – Enkel und Freunde wollen uns spüren und nicht nur mit uns im Internet chatten.

Doch digitale Nomaden verwechseln noch viel zu häufig:

Weit, weit weg mit Freiheit,

Kosten mit Wert

und Feiern mit Erfolg.

Bildquellen

  • Nomaden: Pixabay

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