Die neue Normalität?

Was für ein Begriff, der lässt mich schon seit einiger Zeit nicht mehr los. Warum? Nun, ich finde ihn höchst problematisch – und die Hintergründe dazu möchte ich gerne mit Euch teilen.

Was bedeutet dieser Begriff für mich? Ich persönlich empfinde ihn als höchst bedenklich, denn er suggeriert eine bereits getroffene Entscheidung. Was man in meinen Augen als normal bezeichnet, gilt als Referenz – andersartige Dinge sind unnormal, nicht gleichgestellt und weniger akzeptiert. Diese Wahrnehmung ist höchst subjektiv und fügt einer anderen Sichtweise eine gewisse Minderwertigkeit bei. Bevor Dinge als „normal“ bezeichnet werden, gab es früher mal eine Debatte dazu – es wurden Argumente ausgetauscht und abgewogen. Nun wird dies in unfassbarer Geschwindigkeit vorweggenommen.

Parallel dazu nehme ich wahr, wie viele Menschen mit den neuen Bedingungen zu kämpfen haben oder wie sehr jetzt Missstände ans Tageslicht und in den Fokus der Öffentlichkeit rücken, die alles andere als „normal“ sind. Beispiel: In der Grundschule, in die meine zwei Jungs gehen, werden die neuen Regeln eingeübt. Die Lehrer machen das auf eine bemerkenswerte Weise, versuchen spielerisch und kindgerecht Verhaltensweisen zu üben und neue Vorschriften durchzusetzen. Also wird ein Video erstellt und auf Youtube gestellt. Während der Szene mit dem Händewaschen müssen sich allerdings die Lehrer hinter der Maske das Grinsen verkneifen, weil der Wasserhahn exakt eine Sekunde läuft und während der Vorführung zum Händewaschen 10x gedrückt werden muss (1).

Für diese Dinge scheinen im Moment wenig Zeit und noch weniger Geld vorhanden zu sein. Dazu kommt, dass viele Veränderungen durch das persönliche Engagement der Lehrer geschultert werden. Warum werden diese Probleme zum großen Teil lokal und immer wieder neu gelöst? Wo ist unsere zentrale Verwaltung hier? Wollen wir das als neuen Standard für unser Schulwesen?

An anderer Stelle wiederum werden Fantastilliarden an Geld in die Wirtschaft gebuttert. Ein Beispiel: das Kurzarbeitergeld. In der Grundidee gut und richtig. Im Moment nutzen dies aber auch viele Unternehmen aus, um sich die Gehälter der Angestellten finanzieren zu lassen. Geht es wirklich allen diesen Unternehmen so schlecht? Mag sein, dass dem durchaus so ist, aber wenn viel Geld verteilt wird, gibt es immer auch schwarze Schafe, die sich daran bereichern. Apropros, in diesem Zusammenhang kommen ja wieder Personen zum Vorschein, die sich einige Monate bedeckt gehalten haben.

Ich blicke da mal rüber Richtung Gütersloh. Herr Tönnies (2) hat sich wieder mal entschuldigt, hat er doch, oder (3)? Erst ausbeuten, dann entschuldigen – während andere genau hier die Schuldigen zu finden scheinen. Rassismus? Aber doch nicht in Deutschland, ich bitte Sie – das haben wir hinter uns.

Und das soll jetzt die neue Normalität sein? Nein, so nicht!

Und zum Schluss noch eine spannende Frage: woher kommt eigentlich der Begriff, wer hat ihn geprägt? Richtig, Politiker, die gerade ins Rampenlicht wollten oder mussten. Ich empfehle in diesem Zusammenhang den Artikel von Rüdiger mit dem dezenten Hinweis, auch die Konsequenzen für sein Handeln zu übernehmen. Das wäre doch mal was.

(1) Der aufmerksame Leser mag fragen: warmes Wasser? Ja, jetzt endlich – Corona sei Dank. Ich lebe immerhin in einem der reichsten Bundesländer eines der reichsten Länder auf der Welt – und das sind wir schließlich auch geworden, weil wir immer schön sparsam sind und u.a. beim warmen Wasser gespart haben. Ich halte fest: Corona wirkt zumindest hier in die richtige Richtung…

(2) Ihr erinnert Euch vielleicht noch an ihn: https://harlekin.blog/was-man-sagt-und-was-man-tut-teil-2

(3) Nein, diesmal schickt er andere vor: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2020-06/corona-ausbruch-guetersloh-toennies-fleischfabrik-schlachtbetrieb-lockdown

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2 Gedanken zu „Die neue Normalität?“

  1. In den Sozialwissenschaften werden Normen als akzeptiertes Verhalten im „Umgang miteinander“ verstanden. Eine individuelle Abweichung von „der Norm“ ist danach zwar eine neue Realität, nicht aber zwingend eine neue Normalität.

    Die vielen, kleinen Spielregeln/Normen unserer Normalität ermöglichen es uns doch überhaupt erst, weitestgehend konfliktfrei zusammenzuleben. Sind sie erst einmal trainiert und akzeptiert geben sie uns Orientierung und befreien uns vom Druck laufend nach den richtigen Verhaltensregeln suchen zu müssen.

    Gimmi a like for Normalität!

    1. Dein Hinweis auf die Sozialwissenschaften bringt einen Punkt dazu, den ich bewusst außen vorgelassen habe 🙂
      Auch während des Reviews haben wir in der Gruppe die eine oder andere Stelle des Artikels recht kontrovers diskutiert. In diesem Fall aber muss ich gestehen, ich war echt sauer! Was Eltern und deren Kinder während des Lockdowns haben ertragen müssen, war wirklich kein Spaß, und gefühlt wurde dieser Bevölkerungsgruppe erst viel zu spät Gehör geschenkt. Wenn dann auch noch wirtschaftliche Ängste oder Unsicherheiten dazukommen wie bei uns im Bekanntenkreis, dann wird es manchmal einfach zu viel. Und bis sich das setzt, mit vielen Gesprächen, neuen Erfahrungen und Perspektiven für alle, erst dann kann man, denke ich von einer neuen Normalität sprechen. Und da ich nicht nur aus der Wutbürgerperspektive schreiben möchte, werde ich bald auch noch einen Artikel zu neuen Chancen und Perspektiven dank Corona schreiben 😉

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