Der Ritt auf dem toten Pferd

Anmerkung der Redaktion: Den folgenden Text hat unser neuer Kollege im Harlekin-Team, Peter Schulz, geschrieben. Treue Leserinnen und Leser werden Peter bereits kennen, denn er hat als Gastautor den Beitrag “Innovation als Mittel zum Zweck” bei uns veröffentlicht. Wir freuen uns sehr, dass wir ihn für eine regelmässige Mitarbeit im Harlekin-Team gewinnen konnten. Herzlich willkommen, Peter!

Industrie 4.0 oder die vierte industrielle Revolution ist gemäss Wikipedia „eine Wortschöpfung, deren Ursprung auf den gleichnamigen Arbeitskreis eines Forschungsprojektes der Forschungsunion zurückgeht, welcher im Rahmen der Hightech-Strategie des BMBF durch die deutsche Bundesregierung gefördert wurde“ . Industrie 4.0, ist das jetzt das Allheilmittel für alle Probleme der produzierenden Wirtschaft? Reicht es aus, eine Fabrik zu vernetzen?

Eine industrielle Revolution zeichnet sich dadurch aus, das sie grundlegende Veränderungen in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens bringt und dabei die Ökonomie verändert und neu ordnet. Ein paar Sensoren mehr, etwas Big Data hier und eine Prise Cloud Services dort sind dafür aber nicht genug. Es geht um mehr als die Vernetzung von Planung, Produktion und Ressourcen. Viele Unternehmen müssen sich die Frage stellen, ob ihr Geschäftsmodell im Umfeld neuer technischer Entwicklungen und gesellschaftlicher Veränderungen zukünftig überhaupt noch funktioniert.

Die Autoindustrie wurde was die Entwicklung von Elektroautos betrifft von einem Hersteller überholt, der noch nie zuvor ein Fahrzeug gebaut hat (Tesla). Grosse Hotelketten kämpfen gegen AirBnB, das mit über 5.3 Million Unterkünften (Ende 2018) die grossen Hotelketten InterContinental, Marriott und Hilton (jeweils ca. 700.000) bereits mehrfach überholt hat. Und keine dieser Hotelketten hat es kommen sehen. `

Auch viele Taxiunternehmen hatten es sich in einem wohlig regulierten Umfeld bequem gemacht, bis Uber oder Lyft kamen. Jetzt bleibt ihnen durch den Verlust ihrer Fahrgäste mehr Zeit gegen die „Konkurrenz“ demonstrieren. Die meisten Kunden allerdings lieben den von Uber gebotenen Service. Diese Beispiele zeigen, dass es nicht ausreicht, nur ein bisschen schneller oder effektiver zu werden.

Wer in der Sackgasse Gas gibt, erreicht nur schneller das Ende!

Was es braucht ist eine sehr viel weiter gefasste Sichtweise auf das, was in den kommenden Jahren auf Unternehmen, Wirtschaft, Gesellschaft und Individuen zukommt. Neue Technologien verändern unser Konsumverhalten und neue Geschäftsmodelle verdrängen bestehende schneller als diese es wahrhaben wollen. Wer als Unternehmer ständig in den Rückspiegel schaut um seine (vermeintliche)  Konkurrenz im Auge zu behalten, übersieht den „Exoten“, der sich von rechts auf der Beschleunigungsspur kommend vor ihm in Führung setzt.

Viele Unternehmen behandeln ihre Geschäftsmodelle, Prozesse und Produktionsmethoden wie ein totes Pferd. Man bleibt darauf sitzen und versucht sich in Wiederbelebungsversuchen.
Dabei geht es nicht darum, alle bestehenden Geschäftsmodelle über den Haufen zu werfen. Vielmehr braucht es eine offene, unvoreingenommene Auseinandersetzung mit Zukunftstrends und deren möglichen Auswirkungen. Ein paar vernetzte Maschinen und/oder neue Softwareprogramme mehr reichen dafür allerdings nicht aus. Themen wie künstliche Intelligenz, Machine Learning, Sharing Communities, tragbare und/oder implantierte Geräte (devices), werden noch für mächtig Wirbel sorgen. Schon jetzt schreiben intelligente Algorithmen Zeitungsartikel oder beantworten Kundenanfragen – und das 24/7 an 365 Tagen im Jahr. Ohne Urlaub, ohne Krankheit und ohne das man ihnen das Künstliche, Maschinelle anmerkt.

Deep Knowledge Ventures, ein japanischer Venture Capitalist, berief bereits im Jahr 2014 einen künstlichen Intelligenz Algorithmus mit den Namen „Vital“ in den Aufsichtsrat. Vital unterstützt, gleich stimmberechtigt, die anderen (humanen) Aufsichtsräte mit umfangreichen Analysen, Marktbeobachtungen und Investitionsempfehlungen. 

Wer jetzt noch glaubt, die Veränderungen werden nur in der Produktion stattfinden, kann sich schon einmal Gedanken darüber machen, was er zukünftig mit seiner vielen Freizeit anfängt.  Allerdings macht Freizeit ohne Lohn auch nur bedingt Spass. 

Die Veränderungen werden aber auch die neuen Senkrechtstarter nicht verschonen. Was passiert z.B. mit Uber wenn selbstfahrende Autos Realität werden? Was mit AirBnB, wenn sich neue selbstregulierende Sharing-Plattformen basierend auf  Blockchain-Technologie entwickeln?
Unternehmen sind gut beraten, sich mit Trends auseinanderzusetzen, die auf den ersten Blick nichts mit ihrem Produkt zu tun haben. Die Macht sozialer Netzwerke bei der Bewertung von Produkten und Unternehmen, gesellschaftliche Trends wie das „Teilen“ von Produkten oder Dienstleistungen und neue Technologien wie Augmented Reality oder der 3-D Druck werden viele bisher erfolgreiche Geschäftsmodelle zu Fall bringen. Dann reicht es nicht aus, dem toten Pferd einen Herzschrittmacher einzusetzen.

Wir sollten uns freuen über all die Möglichkeiten und Chancen, welche sich (neu) eröffnen.  Es ist noch nicht zu spät (für die meisten Unternehmen jedenfalls), sich im Rahmen kleiner Think Tanks den Herausforderungen zu stellen, solange das bestehende Geschäft noch läuft. Kooperationen und Zusammenschlüsse bieten neue und bisher ungeahnte Möglichkeiten. Warum sollte ein Maschinenbauer nicht eine enge Zusammenarbeit mit dem Hersteller von 3-D Druckern suchen? Vielleicht „tötet“ er damit sein bisheriges Geschäft, sichert dabei aber sein Überleben.

Netflix, gestartet als Versandhandel für DVDs, ist heute ein Unternehmen, das durch selbstentwickelte Software die Vorlieben und Interessen seiner Kunden erfasst.  Basierend auf diesen Informationen produziert Netflix dann Serien, deren Erfolg damit meist schon vorher feststeht. Netflix könnte (und wird dies vielleicht irgendwann tun) seine Algorithmen und sein Know-how auch anderen Unternehmen verkaufen.

Hinter jeder Bedrohung stecken neue Chancen. Es liegt an jedem Unternehmen selbst, diese zu erkennen und zu nutzen – oder mit dem toten Pferd auf der Strecke zu bleiben.

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