Den Spiegel vorhalten

HR-Business Partner – der moderne Hofnarr in Unternehmen?

Dies ist ein Beitrag unseres Gastautors Christoph Henties. Christoph hat bereits im Juni dieses Jahres den Dreiteiler „Organisationen lernen Jazz“ bei uns veröffentlicht. Wir freuen uns sehr, dass er in dieser Woche wieder dabei ist.

Kürzlich in einem Gespräch mit einer erfahrenen, engagierten Personalmanagerin zitierte diese eine Aussage ihrer Vorgesetzten: „Unsere Aufgabe im HR-Bereich ist, ausschließlich Entscheidungen und Maßnahmen des Vorstands umzusetzen.“

Ich spürte sichtlich die einschränkende Wirkung dieser obrigkeitstreuen Äußerung auf meine Gesprächspartnerin. Die Enttäuschung darüber, nicht mit eigenen Ideen konstruktiv kreative Personalarbeit für die Mitarbeiter und die Organisation zu gestalten, war überdeutlich spürbar.

Mir kam der Begriff des Hofnarrs in den Sinn: eine Figur, die der Obrigkeit unangenehme Wahrheiten sagen konnte, ohne Konsequenzen zu fürchten. Diese Figur konnte alles thematisieren. Sie hatte die Aufgabe, dem Herrscher die Wahrheit zu sagen, hatte Narrenfreiheit. Der Hofnarr ist also eine Art Nonkonformist –  jemand, der überzogen die Perspektive wechselt, die Kehrseite der Medaille beleuchtet und dadurch auf den Ursprung hinweist.

Der Hofnarr – sozusagen in der Rolle des sozialen Kontrolleurs – weist auf negative Ausprägungen hin. Durch Maskierung und Verkleidung simuliert der Hofnarr eine Umkehrung der Realität, parodiert Obrigkeit. Trotzdem wurde er begünstigt, weil seine Rolle ohnehin nicht zu verbieten gewesen wäre. Der Hofnarr lebt vom Gelingen des Lachens, das Nichtgelingen des Lachens konnte im Mittelalter im Extremfall zu seinem Tod führen. Und trotz alledem: Die Freiheit zur Gedankenäußerung birgt stets die Gefahr, personenverletzend zu kommunizieren.  

Wenn man sich mal für einen Moment vorstellt, alles bezüglich Unternehmensstrukturen und Unternehmensführung sagen zu können, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen,  dann ist das das Grundkapital für den Narren. Wer die Geschichten von Till Eulenspiegel kennt, wird das verstehen.

In den klassischen Theaterstücken hatten Frauen immer eine Zofe, die auch in der Funktion einer Beraterin agierte. Auf der Theaterbühne sind Zofen oft sehr kluge Beraterinnen, ohne die eine Königin keine Entscheidungen gefällt hat. Als ein aus einer anderen Gesellschaftsschicht stammender Mensch, der auf Basis zusätzlicher Informationen aufklärende Gedanken formuliert, brachten sie eine neue Perspektive ein. Auch der Figur des Clowns fällt diese Aufgabe zu, er verdeutlicht durch Überziehen Gelingen und Misslingen. In dem Moment, in dem der Clown ernst genommen wird, hat er verloren! So haben der Hofnarr, die Zofe und der Clown stets einen direkten Einfluss, aber keine Verantwortung.

Der Druck auf die Geschäftserfolge im Wirtschaftsleben optimiert stets die Organisationen, letztlich werden die kreativen Potenziale eingeschränkt. Die klassische Rolle des Personalleiters mutierte in den vergangenen Jahren zur Funktion des HR-Business Partners: verteilte HR-Manager, die als Begleiter den einzelnen Geschäftsbereichen – dem „Business“ – zur Verfügung stehen. Aus der Sicht der geschäftsleitenden „Obrigkeit“ sind diese Umsetzer von Prozessen. Die kreative Rolle als kritischer Denker in Angelegenheiten der Mitarbeiter wird der Erfüllung von Prozessen untergeordnet. Wo bleibt der Mut, kritische konstruktive Äußerungen der Mitarbeiter aufzugreifen? Wo sind die Gestaltungsfreiräume als HR-Business Partner?

Nicht selten „dienen“ Personalleiter mehreren „Herren“, sprich: haben drei oder mehr Geschäftsführer oder Vorstände, die sich unterschiedlich verhalten und äußern. Orientiert sich der „linientreue“ Personalleiter an seinem direkten Vorgesetzten, kommt er früher oder später sprichwörtlich zwischen die Räder. In dieser Ambiguität zu handeln erfordert eine frei denkende Grundhaltung – und schon hilft die Rolle des Hofnarren. Focussiert sich ein Personalleiter ausschließlich auf Individual- und Kollektivarbeitsrecht, verliert er schnell seinen kreativen Mehrwert als Business Partner.

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht.“ (George Bernhard Shaw)

Der Hofnarr war kein Unterhalter, er war eine tiefernste Figur, war fester Teil des mittelalterlichen Hofstaats. Die spaßige Narrheit ermöglichte, sich von gesellschaftlichen Normen zu befreien und dadurch auf mal mehr, mal weniger witzige Weise subtil Verfehlungen und Missstände aufzuzeigen und die Obrigkeit zum Nachdenken zu bringen. Diese Narrenfreiheit ist eine Form von Rollenaufteilung bzw. „Gewaltenteilung“ in Organisationen.

Agile Organisationen benötigen die Renaissance des Hofnarren. Die Angst treibt den Menschen in eine selbstgemachte Reduktion. Der Narr ist der eigentlich Weise, der Weise ist eigentlich der Narr. Ist der Mitarbeiter eigentlich der Weise, ist der Vorstand eigentlich der Narr?

Ich wünsche allen HR-Business Partnern Hofnarr und Organisationsberater sein zu können – und unter brisanten Bedingungen mit Mut und Entschiedenheit zu kommunizieren.

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hfi

Autor: hfi

Hallo, ich bin Heike Fillhardt, der hfi.harlekin aus dem Rheingau. Ich leite und begleite seit Anfang der 90er Jahre Veränderungsprozesse in internationalen Unternehmen im Rahmen von Reorganisationen, Fusionen und Leitbildumsetzungen. Dabei vertraue ich auf die Kraft der Gruppe und arbeite nach dem Grundsatz: es gibt immer eine Lösung, egal wie lange es dauert. Viele Führungskräfte empfinden sich als „lonesome hero“ – ein Bild, das sich – wem auch immer sei Dank – endlich auch in Deutschland zu verändern scheint. Und ich freue mich über jedes Projekt im Rahmen von Agilität. Neben Erfahrungen aus dem klassischen Projekt- und Changemanagement bringe ich auch breites systemisches Methodenwissen ein. Ich bin Scrum-Master und Leadership Agility Coach. Erkenntnisse aus meinen verschiedenen physio- und psychologischen Ausbildungen fließen ebenso in mein Wirken ein wie meine Erfahrung als Dozentin und Mutter. Ich wirkte 14 Jahre als Managementberaterin, Coach und Trainerin in verschiedenen Unternehmen. Seit 2007 bin ich selbständige Beraterin mit eigener Coachingpraxis. Seit 2012 bin ich Kung-Fu-Schülerin. Und im Laufe der Jahre flossen immer mehr Körperübungen in meine Workshops und Trainings ein. Denn nur wer sich bewegt, ist auch langfristig erfolgreich. Meine Kunden schätzen vor allem das Umsetzen der theoretischen Themen in Spiel und Körperübungen, meine systemische Sicht auf das ganze Feld, das schnelle Einstellen auf situative Bedürfnisse, meine klare und wertschätzende Sprache und die konsequente Zielverfolgung.

2 Gedanken zu „Den Spiegel vorhalten“

  1. Sehr guter Beitrag: Als HRler kann ich mich sehr gut mit der Rolle des Hofnarren identifizieren. Manchmal „jonglieren wir auch 5 Bälle“ gleichzeitig und „unterhalten unsere Kunden“. In moderner Version befinden wir uns also im Zirkus: Wir „zaubern“ oft Lösungen herbei für schwierige Situationen, begeben uns in luftige Höhen mit dem Trapez (oft ohne Netz und doppelten Boden) und „dressieren“ hin und wieder auch halsstarrige Lebewesen. Steckt nicht im Begriff „Managen“ die Idee, jemanden an der Hand herumzuführen?

  2. Wie weit der Personaler als „Business Partner“ ein Hofnarr ist, hängt vom Linienchef ab. Wenn dieser dessen Konzepte nur für Hochglanzbroschüren nutzt, ist der Personaler sogar weniger als der Hofnarr. Er ist dann ein Stallknecht, dessen Pferdedecke hübsch drapiert ausgestellt, aber nicht verwendet wird. Wenn der Linienchef die Konzepte des Personalers umsetzt, ist dieser mehr als ein Hofnarr. Er ist dann ein Truchsess. Wenn der Linienchef die Konzepte des Personalers zu seinem Programm macht, aber in kritischen Situationen doch anders entscheidet, genau dann ist der Personaler der Hofnarr.

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