Das Märchen von der Vorhersagbarkeit

Es war einmal ein grosser König, der herrschte über sein Land schon seit vielen Jahren. Auch hatte er eine wunderschöne Tochter, die mit Fröschen und Zwergen aufwuchs, was für diese Geschichte aber völlig irrelevant ist.

Der König hatte gelernt, sein Königreich erfolgreich gegen Eindringlinge und Überfälle zu schützen und hatte schon manche Schlacht geschlagen. Er hatte ein grosses und starkes Heer, niemand wagte einen Angriff und so gab es schon lange Frieden in seinem Lande.

Mehr und mehr aber berichteten Reisende von unglaublichen Veränderungen in anderen Teilen der Welt. Bis anhin unbekannte Königreiche stiegen rasend schnell auf, während andere in ebensolcher Geschwindigkeit in der Bedeutungslosigkeit verschwanden.

Solche Reden gelangten auch bis an den Königshof und so rief der König die Weisen und Seher des Reiches zusammen, um von ihnen mehr zu dieser Kunde zu erfahren, denn auf diese war anhin immer Verlass.

Die Weisen und die Seher waren sich nicht grün und so berieten sich die Weisen in einem nahegelegenen Kloster, während sich die Seher in der nächstgelegenen Glasmanufaktur versammelten.

Die Weisen berieten sich lange und nach 7 Tagen entsandten sie eine Delegation zum König. Diese sprachen: »Oh unser allseits geliebter König. Die Zeiten sind nicht mehr wie sie waren. Alles ist im Fluss. Was gestern noch galt, ist heute schon vergänglich. Grosse Heere werden von unbedeutenden Milizen geschlagen und das Wissen um die Untertanen ist wichtiger als Schatzkammern voll Bundesanleihen und Put-Optionen.»

Nach weiteren 3 weiteren Tagen kehrten die Seher zurück und sprachen: »Oh unser allseits geliebter König. Unsere Glaskugeln und Berechnungen zeigen, dass unsere Glaskugeln und Berechnungen immer weniger untadelig sind. Die Zeiten sind nicht mehr wie sie waren. Grosse Ereignisse werfen keine Schatten mehr voraus. Das Unvorstellbare und Absurde gewinnt die Oberhand. Das Wissen um die Bedeutung der Unvorhersagbarkeit ist wichtiger als die Vorhersagbarkeit selbst geworden.»

Der König wurde wütend angesichts dieser offenkundlichen Unfähigkeit seiner Weisen und Seher, zukunftsweisende Massnahmen zur Sicherung des Königreiches feilzubieten.

Da ergriff der Hofnarr das Wort und sprach: «Oh unser allseits geliebter König. Die Zeiten sind nicht anders als sie waren. Die Weissager, Deuter und Mahner wollen nur Deinen Schotter. Verteile ausreichend Glaskugeln an die Steuerschätzer, den Schatzmeister, Deine Heeresführer und Beamten und Dein Königreich wird ewig bestehen.»

Während der König noch Herolde an die Glasmanufakturen des Landes sandte, trollte sich der Hofnarr in Richtung des nächsten Fürstentums und bereitete dort zusammen mit dem Fürsten die Übernahme des Königreichs vor.

Und da sie gestorben sind, können sie auch nicht mehr lernen, Unsicherheit zu akzeptieren und ihr Königreich darauf einzustellen.

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Autor: rge

Hallo, ich bin Rüdiger Geist, der rge.harlekin vom Zürichsee. Als Politikwissenschaftler verlor ich sehr schnell den Glauben an Rationalität und den homo oeconomicus. Also suchte ich mir was Handfesteres und Logischeres: die Informatik. Feste Regeln, unmittelbares Feedback vom Compiler und nicht viel mit Menschen zu tun haben. Ihr erahnt es schon, es kam ganz anders. Schnell wurde ich zum Projektleiter ernannt, hörte sich auch toll an, wusste aber nicht so genau was das eigentlich ist. So nach etwa drei Jahrzehnten im Umfeld von Projekten meine ich nun zu wissen worum es da geht und so trage ich nun meine Erkenntnisse seit 2005 mittels eigenem Unternehmen in die Welt hinaus, ja sogar in die EU. Es gibt so viele schöne Zitate, die die unterschiedlichsten Facetten des Projektmanagements beschreiben und ich nutze sie gerne. Aber das beste stammt natürlich von mir selbst: Der Zweck des Projektmanagement ist «no surprises».

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