Crime Scene Vorgarten (Teil 1)

Vom Grauen in der Natur

Russischer Bär

Es geht hier nicht um die verschiedenen Grau-Töne der Wolken beim Heranschieben einer gewaltigen Gewitterfront, obwohl auch dieses Naturspektakel einen Artikel im Harlekin wert sein könnte, vor allem, wenn sich am Himmel ein Wolkentheater befindet (schauen Sie mal nach oben und entdecken Sie, wie ich, Ihre Oma als wolkigen Scherenschnitt). Und es geht auch nicht um Mücken, die ja als grauen-volle Blutsauger von Säugetieren bekannt sind und damit auch Krankheiten übertragen. Und es geht auch nicht um Zecken, die auch noch, einmal festgebissen im Säugetier, immer größer werden und die nur vorkommen bis zu einer Höhe von 1.200 m.

Heute geht es tatsächlich um Krimis, um SM-Praktiken, Vorgaukelei und Betrügereien. Und das alles in der Natur. Und es geht um kleine und kleinste Lebewesen, die sich mit Tricks, Tücke und Schliche in einer Welt voll Fressen und Gefressen werden zu behaupten versuchen.

Diesen Artikel habe ich im Juli geschrieben. Seit Monaten war bei mir im Garten bereits Hochbetrieb. Ich beobachte gerne kleines und kleinstes. Haben Sie z. B. schon einmal erlebt, wenn sich ein Schmetterling, sagen wir ein Tagpfauenauge, mit einer Wespe balgt? Die Beobachterin denkt, dass der Kampf automatisch von der Wespe gewonnen wird. Weit gefehlt. Obwohl der Schmetterling keine geeigneten Waffen hat, wie einen Stachel oder Beißwerkzeuge, um der Wespe sofort den Garaus zu machen, sind seine dünnen und langen Beine in der Lage, der Wespe Schaden zuzuführen. Dass er nach dem Kampf mit zerzausten Flügeln weiter fliegen muss, stört den Gewinner des Kampfes wenig. Hauptsache, er kommt wieder zur nächsten Blüte.

Kennen Sie den Film „Das Schweigen der Lämmer“, in dem der Totenkopfschwärmer, eine Falterart mit einer stattlichen Flügelspannweite von zwölf Zentimetern (seine wie Zuckerstangen aussehenden Raupen bringen es auf eine Länge von 13 Zentimetern) seinem früher unheilbringenden Ruf alle Ehre macht? Als Wanderfalter lebt er eigentlich in Südeuropa, verirrt sich durch den Klimawandel aber immer häufiger auch zu uns. Im Gegensatz zu anderen Faltern trinkt er keinen Nektar aus Blüten, denn sein Rüssel ist für anderes gemacht: er dringt „mit angelegten und vibrierenden Flügeln, einer Riesenbiene gleich, in Bienenstöcke ein, wo er mit seinem kurzen und sehr festen Rüssel Honigzellen ansticht und aussaugt.“ 1 Den Bienen ist das anscheinend völlig egal, sie scheinen ihn gar nicht als Räuber wahrzunehmen, denn er ist mit einem beeindruckenden Cocktail aus vier verschiedenen Fettsäuren in einen chemischen Tarn-Umhang gehüllt. Sein Geruch ähnelt so genau dem Erkennungs-Pheromon der Bienen, dass sie ihn für eine von ihnen halten. Bienen können halt besser riechen als gucken.

Veränderliche Krabbenspinne

Oder nehmen wir die Veränderliche Krabbenspinne (Misumena vatia), die es warm und sonnig braucht und sich daher bei uns mittlerweile recht wohl fühlt. Die bis zu elf Millimeter großen Weibchen können ihre Farbe der Blüte, auf der sie sitzen, aktiv anpassen (meist weiße und gelbe Blüten) und sind so von potenziellen Beutetieren, die auch wesentlich größer sein können als sie selbst, nicht zu erkennen. Dieses unsichtbare Monster fängt alles, was sie bekommen kann: Tanzfliegen, Hummeln, Bienen, selbst Hornissen und große Schmetterlinge sind ihr als Opfer nicht zu groß. Mit den kleinen hinteren Beinpaaren hält sie sich fest. Mit den beiden kräftigen, langen, vorderen Beinpaaren (sie lassen die Spinne Krabben-ähnlich aussehen) packt sie ihre Beute blitzschnell, injiziert ihr Gift und saugt sie aus. Um selber nicht etwa von einer Hummel gestochen zu werden, hält sie ihre Beute weit vom Körper entfernt. Oft verbringt ein Tier die meiste Zeit seines Lebens auf einer einzigen Pflanze.

Und wie es sich für eine gute Spinne gehört, ist der Paarungsakt für das wesentlich kleinere Spinnen-Männchen, der auf den Bauch des Weibchens krabbeln muss, um seine Spermien abzugeben, eher gefährlicher Frust denn Lust. Das Männchen kann übrigens seine Farbe nicht verändern. Fragen Sie mich nicht, warum….

Meine Freundin Gudrun erzählte mir vor kurzem vom Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling (Phengaris nausithous), einem wunderschönen Schmetterling. Die Raupen ernähren sich in frühen Entwicklungsstadien ausschließlich von den Blütenköpfen des Großen Wiesenknopfs (Sanguisorba officinalis). Da dieser selten ist, sind es auch die Schmetterlinge. Im Spätsommer werden die Raupen von Ameisen (natürlich nur von erlesenen Ameisenarten) in deren Nester getragen. Dafür kriegen die Ameisen ein zuckerhaltiges Sekret. Und die Raupen werden von den Ameisen wie die eigene Brut gepflegt. Als „Dank“ fressen die Raupen die Larven der Ameisen! Nach dem Schlüpfen aus der Puppe muss der Schmetterling schnell das Ameisennest verlassen, um nicht selbst gefressen zu werden. Komische Insektenwelt. Der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling ist aufgrund seiner speziellen Lebensweisen und die Spezialisierung auf eine ganz bestimmte Pflanze übrigens streng geschützt und steht auf der Roten Liste.

Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling

Meine Freude an Winkelspinnen, die mir immer mal wieder die Nackenhaare sträuben lassen, kennen Sie ja schon, wenn Sie im Harlekin.blog ein wenig herum gestöbert haben (siehe Artikel im Oktober 2018). Dabei sind Tegenaria atrica und Eratigena atrica überhaupt nicht gefährlich und daher auch keine Monster (nur für mich und ein paar Freundinnen – ja, wir sind viele).

Viel gefährlicher sind die bewunderten und herrlich anzuschauenden Flugkünstler an Wasserstellen und Seen: die Libellen. Sie futtern alles, was in ihre Reichweite kommt und machen auch keinen Halt vor eigenen Feinden, z. B. der Gottesanbeterin. Trotz ihrer Gefräßigkeit sind die fast 80 verschiedenen Libellenarten nützliche Tiere, denn sie vertilgen viele, nein, sehr viele Mücken und Mückenlarven. Ich habe einmal bei einer Beobachtung in einem Wasserschutzgebiet bewundert, wie geschickt Libellen übers Wasser gleiten und nach allem schnappen, was sich bewegt. Und dann kam der Frosch und war schneller als die Libelle.

Im Tierreich gibt es auch Zombies, Walking Deads sozusagen, denn in der Insektenwelt ist die sog. Zombifizierung reales Risiko2. Durch Parasiten, Pilze und Bakterien mutieren Fliegen und Co zu willenlosen Marionetten. Der Pilz Entomophthora muscae, auch Fliegentöter genannt, z. B. infiziert Fliegen, die sich dann veranlasst fühlen, auf Erhöhungen zu fliegen und dort mit ausgebreiteten Flügeln zu verenden. Die toten Weibchen werden durch den Pilz für die Fliegenmännchen, vor allem der Gattung Musca domestica, so attraktiv, dass sie versuchen, sich mit dem toten Weibchen zu paaren. In jahrelangen Beobachtungen und Experimenten haben Wissenschaftler herausgefunden, wozu dem Pilz dieses nekrophile Verhalten der Fliegen nützt: Anscheinend ist das die effektivste Art, einen Wirt für sich zu finden, um sich schnell und weit zu verbreiten.

Mein Garten ist klein, aber mit einer Vielzahl von Pflanzen bestückt. Von April bis Oktober ist bei mir „der Bär los“ –  Naja, manchmal der Russische Bär (ein wunderschöner Schmetterling), sonst eher Igel, Fuchs, Katzen, Hund und Kleingetier. Und, ich bin froh, dass mein Garten nicht in Sulawesi liegt, wo 2011 eine 6 Zentimeter (!) große Wespe (dalara grabuda) gefunden wurde mit enormen Beißwerkzeugen, die sie wohl gerne zur Verteidigung des Stocks und zum Sex einsetzt. Vor allem die Männchen seien echte Kampfmaschinen, sagten die Wissenschaftler in ihrem Beitrag.3  Sie hat zwar keinen Stachel, aber der überdimensionierte Kiefer vorne braucht vielleicht auch keine andere Waffe hinten.

Für mich als Beraterin ist die Natur eine echte Quelle der Erholung und Erheiterung. Sie ist, mit menschlichen Moralvorstellungen betrachtet, brutal und feindlich. Aber das ist unsere Vorstellung von „heiler“ Welt, die es in der Natur überhaupt nicht gibt. Freuen Sie sich daher auf die Fortsetzung, wenn ich Ihnen von köpfenden Meisen und hinterlistigen Rotkehlchen berichte.

Für die schönen Fotos „Krabbenspinne“ und „Wiesenknopf-Ameisenbläuling“  danke ich meiner Freundin Gudrun Müller aus Würzburg.

1 Dominik Eulberg, Mikroorgasmen überall

2 https://www.welt.de/kmpkt/article235070232/Fliegen-Dieser-Pilz-verwandelt-Insekten-in-notgeile-Zombies.html

3 https://www.augsburger-allgemeine.de/panorama/insekt-als-kampfmaschine-forscher-entdecken-monster-wespe-mit-gewaltigem-kiefer-id16620346.html

Bildquellen

Autor: hfi

Hallo, ich bin Heike Fillhardt, der hfi.harlekin aus dem Rheingau. Ich leite und begleite seit Anfang der 90er Jahre Veränderungsprozesse in internationalen Unternehmen im Rahmen von Reorganisationen, Fusionen und Leitbildumsetzungen. Dabei vertraue ich auf die Kraft der Gruppe und arbeite nach dem Grundsatz: es gibt immer eine Lösung, egal wie lange es dauert. Viele Führungskräfte empfinden sich als „lonesome hero“ – ein Bild, das sich – wem auch immer sei Dank – endlich auch in Deutschland zu verändern scheint. Und ich freue mich über jedes Projekt im Rahmen von Agilität. Neben Erfahrungen aus dem klassischen Projekt- und Changemanagement bringe ich auch breites systemisches Methodenwissen ein. Ich bin Scrum-Master und Leadership Agility Coach. Erkenntnisse aus meinen verschiedenen physio- und psychologischen Ausbildungen fließen ebenso in mein Wirken ein wie meine Erfahrung als Dozentin und Mutter. Ich wirkte 14 Jahre als Managementberaterin, Coach und Trainerin in verschiedenen Unternehmen. Seit 2007 bin ich selbständige Beraterin mit eigener Coachingpraxis. Seit 2012 bin ich Kung-Fu-Schülerin. Und im Laufe der Jahre flossen immer mehr Körperübungen in meine Workshops und Trainings ein. Denn nur wer sich bewegt, ist auch langfristig erfolgreich. Meine Kunden schätzen vor allem das Umsetzen der theoretischen Themen in Spiel und Körperübungen, meine systemische Sicht auf das ganze Feld, das schnelle Einstellen auf situative Bedürfnisse, meine klare und wertschätzende Sprache und die konsequente Zielverfolgung.

Ein Gedanke zu „Crime Scene Vorgarten (Teil 1)“

  1. Den eigenen Garten wie eine Geisterbahn sehen und erleben, Respekt! Da braucht es schon ein dickes Fell um beim nächsten Nickerchen im Sesselchen nicht schreiend aufzuwachen – sobald sich eine Fliege (oder Schlimmeres !?) auf die Wange setzt 🙂

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