… bis zum Verlust der Muttersprache (Teil 2)

Leben in einer mehrsprachigen Umgebung

Harlekin Beate schrieb vor einiger Zeit über ihre Schwierigkeiten mit dem Sprachverlust. Ich bin sicher, dass viele unserer Leser den Kampf kennen, den wir mit der Beherrschung unserer Muttersprache haben, wenn wir längere Zeit im Ausland verbringen. Und je länger wir bleiben, desto „wurstiger“ wird es!

Meine Familie ist vielleicht typisch für die Internationalisierung, die man in den letzten Jahrzehnten erlebt hat. Ich bin Engländer, meine Mutter war Deutsche, ich habe im Rahmen meines Studiums ein Jahr in Frankreich und Deutschland verbracht, ich habe 12 Jahre lang in den Niederlanden gelebt, meine Tochter hat einen Belgier geheiratet und vor zwei Jahren habe ich entdeckt, dass ich einen kanadischen Halbbruder mit Wurzeln in Belgien und Holland habe. Sprachliche Verwirrung ist vorprogrammiert, wenn Elemente unserer Familie aufeinandertreffen. Unser armer belgischer Schwiegersohn, der Niederländisch, Englisch und Deutsch beherrscht, war anfangs traumatisiert, als er verzweifelt versuchte, sich auf die ständig wechselnden Sprachen am Esstisch einzustellen!

Trotz des Sprachtalents meiner Mutter, die Englisch von Grund auf lernte, als sie für die Alliierten arbeitete, schaffte sie es auch nach über 20 Jahren in Großbritannien noch, eine Reihe von Heulern zu produzieren, die aus direkten Übersetzungen aus dem Deutschen stammten. Als sie eine Reihe von Bulldozern bei der Arbeit sah, bemerkte sie: “ I see they’re buggering up the road again.“ Sie beschwerte sich auch einmal, dass der unzuverlässige örtliche Busverkehr sehr „erotic“ (statt „erratic“) sei.

Der Bruder meines Vaters brachte nach dem Krieg auch eine deutsche Frau nach England. Obwohl sie fließend Englisch sprach, verlor sie nie ihren kölschen Akzent, aber ihr Deutsch verschlechterte sich mit den Jahren dermaßen, dass es schließlich zu einer Art Pidgin wurde, dem nur Deutsch- und Englischsprachige folgen konnten. Wir kannten andere deutsche Auswanderer, die ihrer Muttersprache nach nur 10 Jahren überhaupt nicht mehr mächtig waren!

Und genau das ist das Problem. Wenn man jahrelang weg war, erodieren die Grenzen zwischen den Sprachen, so dass man einen Zustand erreicht, in dem man keine Ahnung hat, zu welcher Sprache ein Wort gehört. Jahrelang waren meine (deutsche) Frau und ich, als wir in Friesland lebten, davon überzeugt, dass „langzamerhand“ (allmählich) ein deutsches Wort ist, und vermieden es, es im Niederländischen zu gebrauchen. Dabei ist der Prozess so heimtückisch und subversiv! Fremde Ausdrücke schleichen sich unbemerkt in die Mitte eines muttersprachlichen Satzes ein, und nur die Einheimischen bemerken es und vermuten, dass man eine Art vorübergehenden Anfall hat. So hat sich „for the rest“ (Niederländisch) in mein Englisch eingeschlichen, während der liebe Gott weiß, welche sprachlichen Sünden ich im Niederländischen begangen habe. Diese beiden Sprachen sind sich leider manchmal so ähnlich, dass man leicht in die Doppeldeutigkeit abrutscht.

Aber ist die beschriebene Situation so einzigartig? Laut einer früheren Studie gibt es etwa achttausend ethnische Gruppen, die in 160 Nationalstaaten leben (Merker, 2009). Es wird geschätzt, dass diese Menschen in der Lage sind, in mindestens 5000 verschiedenen Sprachen zu kommunizieren.1  Mit den zunehmenden Migrationswellen auf der ganzen Welt ist es für viele Menschen üblich, eine Sprache zu Hause und eine andere außerhalb zu sprechen. Jahrelang war das bei Dialektsprechern der Fall, die sich an ihre Schul- oder Arbeitsumgebung anpassten, indem sie den „Standard“ verwendeten. Akademiker sprachen früher von dieser Fähigkeit als „Diglossie“, aber das Wort selbst impliziert nur zwei Sprachen, während viele Menschen mehrere Sprachen und/oder Dialekte sprechen. Es ist kaum verwunderlich, dass viele von uns mit der Beherrschung mehrerer Sprachen zu kämpfen haben. Vor allem, wenn wir feststellen, dass manche Politiker nicht einmal eine beherrschen.

Auf persönlicher Ebene kann es ziemlich niederschmetternd sein, in der Muttersprache nach einem Wort zu suchen, derweil es sich im Gedächtnis gerade in einer anderen Sprache in den Vordergrund drängt.  Dank der diversen Studien und Untersuchungen wissen wir jetzt wenigstens, dass es nichts mit Senilität zu tun hat! Klingt überzeugend, oder?

  1  “Diglossia, language maintenance, language shift and reversing language shift” von Difrine Madara

Bildquellen

  • Pink Bus: UTO

Autor: bco

Hallo, ich bin Bernie Cornwell, der bco.harlekin. Wie schon meine Signatur-Kappe unten suggeriert, bin ich Wirtschaftsflüchtling aus England und seit der Brexitabstimmung Wahlexilant. Über Umwege via Sprachunterricht und Sozialarbeit bin ich bei der IT gelandet. Ich war in die Technik total verknallt und nach meinem ersten Realisierungsprojekt bei einer Berufsgenossenschaft habe ich mich als Business Analyst und Projektleiter sukzessiv immer weiter von der Technik entfernt… Inzwischen verdiene ich mein Brot als Berater, Trainer und Coach im Projektgeschäft in jeder beliebigen Branche. Mein Hintergrund und meine Reiselust führen mich überwiegend zu Einsätzen in der ganzen Welt oder/auch bei multikulturellen Unternehmen im deutschen Sprachraum. Mit den Jahren hat sich meine berufliche Einstellung wesentlich geändert. Früher Missionar in der Sache des methodischen Vorgehens, sehe ich mich nun eher als Lebenshelfer im Projektumfeld. Das Arbeiten in einem Projektteam kann lehrreich, stimulierend und begeisternd sein; es soll weder Mission Impossible noch Himmelskommando sein. Projekte können der beste Ansatz sein, Innovation, Wirtschaftlichkeit und reizvolles Arbeiten zu fördern. Warum lieben Projektleiter den „surrealistischen“ Dilbert? Weil er tägliche Projektsituationen darstellt, die wir wiedererkennen. Und weil sie leider recht realistisch sind.

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