Ausgestorbene Berufe

Sterben auch Projektleitende aus?

Warum eigentlich sterben Berufe aus? Da mag es viele Gründe geben, aber zwei sind ganz sicher Treiber: technologische und gesellschaftliche Veränderungen.

Aus der Schule kennen wir Hauptmanns Drama ‘Die Weber’, in dem technologische Veränderungen die Menschen zwangen, für Hungerlöhne zu arbeiten. Teilweise mag noch die Berufsbezeichnung an sich existieren, aber das Tätigkeitsprofil sieht dann doch völlig anders aus. In diesem Kontext seien die Zeitansage und die nächtliche Beleuchtung der Städte erwähnt, die nicht mehr durch die Nachtwächter erledigt wird.

Bei der Recherche zu diesem Artikel stiess ich unter der Rubrik ‘ausgestorbene Berufe’ aber auch auf Tätigkeiten, die neuerdings wieder Bedeutung gewinnen. Gerade im Umfeld von Tyrannen, Despoten und sonstigen Irren war der Vorkoster weit verbreitet, dessen Aufgabe es war, Speisen und Getränke auf Verträglichkeit zu prüfen, sprich oben genannte vor Vergiftung zu schützen. In diesem Kontext sei erwähnt, dass es diesen Job bis in die 50er Jahre des 20 Jahrhunderts im Zuge von Papstliturgien im Vatikan gab und, gerade aktuell, Vladimir Putin angeblich auch einen eingestellt haben soll. Im selben Kontext auch die Information, dass die Gabe von Blei zwar langsamer wirkt, aber die Idee des Vorkosters aushebelt. Sagt Wikipedia.

Ebenfalls in diesem Kontext sei der/die Haderlump(in?) genannt. Früher als Lumpensammler für die Papierindustrie unterwegs, gilt heute als Lump eine Person, die als charakterlich minderwertig oder gewissenlos handelnd angesehen wird. Quelle ist wieder Wikipedia. Passt.

Der Begriff Haderlump geht auf die frühere Bezeichnung für Lumpensammler zurück. Die Lumpensammler zogen durch das Land und sammelten bei der Bevölkerung alte Kleidung und Stoffreste. Diese so genannten Hadern bzw. Lumpen verkauften sie dann an Papiermühlen, wo sie als Rohstoff zur Herstellung von Papier dienten.

Deutlich mehr aus der Mode gekommen ist der Abtrittanbieter. Ein Mensch mit Eimern und einem mobilen Sichtschutz, der, mangels öffentlicher Toiletten, Dritten anbot, diese anstelle zu nutzen. Könnte allerdings auf Deutschen Autobahnparkplätzen wiederbelebt werden. Diese Tätigkeit stand in engen Zusammenhang mit dem Urinwäscher(in?). Aus dieser Substanz wurden Waschmittel hergestellt. Mit dem Fett und dem Talg in den schmutzigen Kleidern bildete der etwa zehn Tage gelagerte Urin eine stark reinigende Seife auf Ammoniakbasis.

Das genaue Gegenteil ist der Kaffeeriecher, auch Kaffeeschnüffler genannt. Dessen Aufgabe war es, herauszufinden, ob in den preußischen Kommunen unerlaubterweise Bohnenkaffee geröstet wurde. Friedrich der Grosse hatte entsprechende Steuern auf die Kaffeerösterei eingeführt und wollte so Steuersünder entlarven.

Weniger angenehm – und nicht ganz ungefährlich – war der Job des Gasriechers, der erst vor ca. 100 Jahren mit der Erfindung von Lecksuchgeräten ausstarb. Dessen Aufgabe war es, mittels kleinen Rohren, die durch den Strassenbelag gebohrt wurden, nach Lecks in den darunter verlegten Gasleitungen zu fahnden.

Ebenfalls in die Kategorie ‘nicht ganz ungefährlich’ fällt der Pulveraffe (Pulveräffin?). Kinder,  die noch zu klein oder zu schwach für den Job als Matrose (Matreuse?) waren, brachten während eines Gefechts das Pulver aus dem Rumpf zu den Kanonen.

All das müssen Projektleiter nicht tun und es gehört auch nicht in ihr Kompetenzprofil, wobei ich unter ihnen aber auch schon  Haderlumpen im zweiten oben genannten Sinne begegnet bin. Künstliche Intelligenz und dass agiles Vorgehen bedeutet, dass jetzt alles von Teams erledigt wird, erlaubt die Ersetzung, kann man lesen, oder zumindest wird das nicht ausgeschlossen.

Genau genommen zeugen diese Diskussionen meiner Meinung nach von einer etwas merkwürdigen Sicht der Aufgaben einer Projektleitung. Als hätte diese bis dato putinesk in diktatorischer Art und Weise im Sinne eines Oberbefehlshabers Aufgaben verteilt und die niederen Chargen hatten das dann auszuführen. Wer denkt, dass Projekte so funktionieren, denkt auch sonst nicht viel. Projekte waren schon immer Teamleistungen, auch wenn de facto nicht Verantwortung gleichmässig auf alle Mitglieder eines Teams verteilt ist und auch nicht alle gleichermassen Ansprechpartner sind und sein wollen. ‘Servant leadership’ ist nicht Neues und war bereits bei den Philosophen der Antike ein Thema. Und wie diese Rolle am Schluss genannt wird, ist egal.

Und auch künstliche Intelligenz wird daran auf absehbare Zeit nichts ändern, denn diese ist noch lange nicht so weit, dass sie menschliche Gefühle interpretieren oder in allen Facetten ausdrücken könnte. Was sie aber gut kann, ist grosse Datenmengen durchforsten und Muster finden – und da kann sie sehr hilfreich sein. Und: Totgesagte leben länger.

Bildquellen

Autor: rge

Hallo, ich bin Rüdiger Geist, der rge.harlekin vom Zürichsee. Als Politikwissenschaftler verlor ich sehr schnell den Glauben an Rationalität und den homo oeconomicus. Also suchte ich mir was Handfesteres und Logischeres: die Informatik. Feste Regeln, unmittelbares Feedback vom Compiler und nicht viel mit Menschen zu tun haben. Ihr erahnt es schon, es kam ganz anders. Schnell wurde ich zum Projektleiter ernannt, hörte sich auch toll an, wusste aber nicht so genau was das eigentlich ist. So nach etwa drei Jahrzehnten im Umfeld von Projekten meine ich nun zu wissen worum es da geht und so trage ich nun meine Erkenntnisse seit 2005 mittels eigenem Unternehmen in die Welt hinaus, ja sogar in die EU. Es gibt so viele schöne Zitate, die die unterschiedlichsten Facetten des Projektmanagements beschreiben und ich nutze sie gerne. Aber das beste stammt natürlich von mir selbst: Der Zweck des Projektmanagement ist «no surprises».

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.