Augen auf bei der Berufswahl!

Erinnern Sie sich noch an die „Blätter zur Berufskunde“?  Diese braun-weissen Heftchen der Bundesanstalt für Arbeit waren DAS Informationsmedium zur Frage, „was ich denn mal werden will“ – zumindest in der Zeit, als ich mich mit dieser Frage beschäftigte. In jedem Heft wurde ein Beruf im Detail vorgestellt und die Tatsache, dass letztendlich „nur“ ca. 700 Titel zur Auswahl standen, macht deutlich, wie überschaubar die Auswahl war.

Es gab auch Berufsorientierungstage  in den Schulen, doch die Verantwortlichen dort machten sich die Sache (zumindest bei den Mädchen) hin und wieder ein bisschen zu einfach: „Hast Du Hobbies?“ – „Ja, Lesen und Gitarre spielen.“ – „Magst Du Kinder?“ (Welche 14jährige sagt da schon: „Kinder? Igitt! Bleib mir weg mit Kindern!“ Also war die Antwort natürlich:) – „Ja, sicher!“ – „Dann werde doch Erzieherin!“

Auch mit der Genderneutralität war es noch nicht weit her in den 70ern und 80ern. Einer meiner Mitschülerinnen, die sich offensichtlich für die Erzieherin- Option (trotz erfolgreich absolviertem Blockflöten-Kursus) nicht erwärmen konnte, wurde als Beruf „medizinisch-technische Assistentin“ vorgeschlagen. Und da fanden die Eltern noch, das wäre doch nichts für ein Mädchen!

Ausgesprochen leichtsinnig war es, wenn man (so wie ich!) mit 13 Jahren einfach so zum Spass einen Schreibmaschinenkursus (für alle Leserinnen und Leser unter 40: Schreibmaschine – Wikipedia) absolviert hatte. Denn wenn die berufsberatenden Herrschaften in den Schulen das herausfanden, gab es kein Entrinnen mehr vor dem Büroberuf – und es war dann auch völlig egal, welcher.

War damals eher ein Mangel an Information, Phantasie und Optionen zu beklagen, sorgt heute die Vielfalt für Verwirrung. Ständig entstehen neue Berufe (hier verstanden als Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und (noch!) nicht immer mit klar definierten Ausbildungswegen und Abschlussexamen), die ein Spiegel der Zeit und der Suche nach Lösungen für aktuelle Probleme sind. Die Corona-Pandemie brachte uns Social-Distance-Manager und Anderhalb-Meter-Coaches, die für optimale Rahmenbedingungen zum Abstand halten sorgen sollten.  Wird es diese in 5 Jahren immer noch geben?

Beim Intimitätscoach am Filmset und im Theater bin ich mir da völlig sicher. In einem Radiobeitrag des WDR[1] wurde der Regisseur Bernardo Bertolucci zitiert, der eine geplante Vergewaltigungsszene für den Film „Der letzte Tango in Paris“ (gedreht in 1972) zwar vor dem Dreh mit dem Hauptdarsteller Marlon Brando abgesprochen hatte, aber nicht mit der Hauptdarstellerin Maria Schneider.  Er sagte dazu: „I wanted her reaction as a girl, not as an actress.“ Da dies sicher kein Einzelfall war, finde ich die Funktion des Intimitätscoach, der/die sicherstellen soll, dass alle Beteiligten informiert und einbezogen werden, eine sehr vernünftige Lösung.

Beim „Sensitivity Reader“ ist die Diskussion wieder eine andere, und es gibt verschiedene Facetten. Wenn ein Autor, der hören kann, ein Buch schreibt, in dem eine gehörlose Figur vorkommt, macht es Sinn, dass eine gehörlose Person den Text liest und checkt, in wie weit die Geschichte in ihren Details mit der Erfahrungswelt der Gehörlosen übereinstimmt. Dass solch ein Check auch sinnvoll ist in Bezug auf Nationalitäten, Religionen, sexuelle Ausrichtung und „political correctness“ im allgemeinen, darüber besteht bei den Sachbüchern weitestgehend Einigkeit, aber bei der Belletristik wird es kontrovers diskutiert. 

Einige Buchverlage scheinen sich Sorgen zu machen, dass die Sensitivity Readers das „Aus“ für politische unkorrekte Romanhelden bedeuten könnten. Die Sorge verstehe ich zwar, aber das Risiko scheint mir überschaubar zu sein. Denn es ist ein Unterschied, ob Autor:innen mit künstlerischem Ziel eine Figur entwickeln, die sich diskriminierend verhält oder politisch unkorrekt flucht – oder ob sie das gar nicht so recht gemerkt haben und sich anschliessend über entsprechende Proteste wundern.

Natürlich spielt bei diesen Fragen auch der Zeitgeist eine Rolle, das zeigen die Diskussionen bei Neuauflagen und Neuübersetzungen ältere Werke. Für mich persönlich sticht das Argument „Zur der Zeit, als das Buch geschrieben wurde, war das doch noch ganz normal!“  nicht wirklich. Konkret: Ich bin eine grosse Befürworterin des „Südseekönigs“ in neuen Auflagen der Pippi-Langstrumpf-Bücher![2]

Auch im technischen Umfeld tut sich einiges: Nehmen wir zum Beispiel den/die Drohnen-Pilot:in – sicher ein Beruf mit Zukunft. Die Bundeswehr bietet bereits eine Ausbildung im Rahmen der Offizierslaufbahn an, und angesichts der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Drohnen bei der Inspektion von Brücken, Windrädern und Funkmasten sowie bei Sicherheitskontrollen wird eine zivile Berufsausbildung nicht lange auf sich warten lassen. Und das ist auch gut so! Ich bin froh über jede Drohne in der Luft, die von einer Person gesteuert wird, die weiss, was sie tut!

Mein persönlicher Favorit unter den neuen Berufen ist – Abfalldesigner:in! Mit einem Studium Industriedesign, Ingenieur- oder Materialwissenschaften als Basis begleiten uns die Abfalldesigner:innen hoffentlich in eine neue Phase des Recycling und Upcycling von Abfall. Da ist sicher noch ganz viel möglich, man muss nur wissen, was – und wie!

Friedensforscher:in ist kein neuer Beruf – aber aufgrund der aktuellen traurigen Entwicklungen könnte es, wenn es nach mir ginge, ruhig mehr von ihnen geben… Vielleicht wird es ja auch Zeit für einen speziellen Aufbau-Studiengang „Über den Umgang mit grössenwahnsinnigen Staatsoberhäuptern“?

Es gibt bestimmt noch viel mehr interessante neue Berufe, ich erhebe hier nicht den Anspruch auf Vollständigkeit!  Und ich hoffe, dass heute bei Berufsorientierungstagen in Schulen etwas genauer hingeschaut wird, welche der Schülerinnen und Schüler sich für den so wichtigen und verantwortungsvollen Beruf „Erzieher:in“ eignen könnten!

Nächsten Freitag widmet sich Harlekin-Kollege RGE den ausgestorbenen Berufen!


[1] Neuer Beruf Intimitätscoach in Film und Theater – WDR 5 Scala – Hintergrund – WDR 5 – Podcasts und Audios – Mediathek – WDR 
Kultur
2] Rassismus in Kinderbüchern: Was dürfen wir Kindern zumuten? | NDR.de – Kultur

Bildquellen

Autor: bbr

Hallo, ich bin Beate Brinkman, der bbr.harlekin. Ich bin Redakteurin und Autorin für den Harlekin.Blog e.V. und im “Hauptberuf” in einem international agierenden IT-Unternehmen als Support Coordinator tätig. Bisher habe ich in deutschen, niederländischen, amerikanischen und indischen Unternehmen gearbeitet und viele Erfahrungen mit multikultureller Zusammenarbeit machen dürfen. Seit vielen Jahren lebe ich als Deutsche in den Niederlanden und habe festgestellt, dass schon allein die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern ganze Bücher füllen können. Aus beruflichen und privaten Gründen gilt dem multikulturellen (Miss-)Verständis mein besonderes Interesse. Ob es um Essen, Sprache, dienstliche Conference Calls oder die Gestaltung von Begräbnissen geht – wenn die Kulturen mehrer Länder aufeinander stoßen, wird es spannend. Und das führt zu manchmal unerfreulichen, oft sehr komischen, aber immer lehrreichen Situationen.

Ein Gedanke zu „Augen auf bei der Berufswahl!“

  1. Ein nostalgischer Blick in die Zeit der damaligen Arbeitsämter – aber wurde nicht in allen Ämtern gearbeitet? Halt damaliger Sprachgebrauch, fällt heute jedem auf ! Aber warum irritiert es so wenige, dass unter dem Begriff „political correctness“ total normal der Sprachgebrauch von Hinz und Kunz zensiert wird – und nicht das Verhalten von Politikern wie Orban, Trump und Erdogan!?

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