Anarchistische Sommerfreuden mit Holzkohle

Meine Grill-Erfahrungen in den Niederlanden

In früheren Beitragen habe ich mehrmals die kulinarischen Unterschiede zwischen Deutschland und den Niederlanden behandelt – und auch bei der grössten aller Sommerfreuden, dem Grillen, gibt es diese. Die Unterschiede liegen allerdings weniger im kulinarischen, sondern eher im “weltanschaulichen” Bereich. Die Niederlander sind ein Volk der flachen Hierarchien, sie können es nicht leiden, wenn jemand mehr  “zu sagen hat” als alle anderen. Dies gilt sowohl in der Politik als auch im täglichen Leben, und ich vermute, dass auch das Königshaus deshalb so beliebt ist, weil deren Representantinnen und Representanten de facto recht wenig zu melden haben.

Beim Grillen in Deutschland gibt es meistens einen – männlichen oder weiblichen – “Chef am Rost”, welche/r die Oberaufsicht über das Grillgut hat und untergeordnete Aufgaben wie die Anfertigung von Kartoffel-  und Nudelsalat und das Servieren erfrischender Kaltgetränke an andere Anwesende deligiert. Bei aller Skepsis gegenüber autoritären Strukturen  hat diese Methode einen klaren Vorteil: Je nach Talent und Tagesform der Aufsicht über das Grillgut führenden Person ist das Essen im günstigen Fall sehr lecker und im ungünstigen Fall geniessbar.

In den Niederlanden dagegen geht es beim Grillen eher anarchistisch zu. Ich habe schon Feste mit ca. 60 Leuten mitgemacht, bei denen mehrere Grills angefeuert und Grillwaren angeboten wurden, und es lag dann in der Verantwortung der Gäste, ihr eigenes Stück im Auge zu behalten und rechtzeitig zu wenden oder vom Grill zu nehmen. Das Risiko, hungrig die Party zu verlassen, ist dabei sehr gross, denn man wird in einer grossen Gruppe von Menschen leicht abgelenkt. Ich wurde schon von netten Kindern zum Fussball spielen eingeladen und habe dabei mein Würstchen verkohlen lassen. Auf dem Grill sammeln sich nach und nach einige schwarzgebrannte Steaks, und da der Mensch nicht perfekt ist (besonders dann nicht, wenn er Hunger hat), wird öfter mal statt des eigenen verkohlten Stückes ein anderes genommen. Auch sehr hungerige Gäste, die schon vor der Zeit in ihren halbrohen Hähnchenschenkel beissen, sind keine Seltenheit.

Auffällig ist auch, dass viele Fleischesserinnen und –esser denken, bei Gemüse oder Käse auf dem Grill käme es doch nicht darauf an, wie lange sie dort liegen. Selbst wenn sich der Zustand des vegetarischen Grillguts rein optisch oder qua Geruch  sehr zum Nachteil verändert – niemand schöpft Verdacht.

Dass die Niederländer autoritäre Strukturen nicht schätzen, ist bekannt. Aber bei vielen Leuten im meinem Bekanntenkreis habe ich festgestellt, dass sie inzwischen beim Grillen gern eine Ausnahme machen – und ganz oder teilweise das deutsche Modell übernehmen, bei dem eine Person alles unter Kontrolle hat. Denn ein Argument sticht: Es wird am Ende kein verkohltes Essen weggeworfen!

Ob die diversen Rituale des Grill-Anfeuerns länderspezifisch unterschiedlich sind, kann ich nicht beurteilen. Grillfreunde, die dem Motto folgen “Wenn schon, dann auch richtig!”, gibt es wahrscheinlich in Deutschland und in den Niederlanden. (Einige Klauseln im Kleingedruckten deutscher Kleingarten-Verordnungen lassen zumindest darauf schliessen!)  Ich habe schon mal das Haus eines Nachbarn gestürmt mit dem aufgeregten Ruf “Euer Schuppen brennt!“ und der Nachbar sagte freundlich “Alles gut! Wir grillen bloss.” Auch war ich schon Zeugin der kuliarischen Gewohnheit, bereits dem Feuer Knoblauch zuzufügen, und glauben Sie mir – es verschlägt einem dem Atem.

P.S.: Als wir vor Jahren unser Haus bezogen, befand sich im Garten ein gemauerter Grill. Bevor ich dazu kam, damit Pläne zu machen, hatte mein Mann den Grill bereits mit schnell wachsenden Pflanzen ausgestattet. Ich denke, das  schien  ihm die sicherste Methode, um zuhause keine Grill-Verantwortung übernehmen zu müssen. (Glücklicherweise sind sowohl mein Schwager als auch meine Neffen Talente am Rost, so dass ich nichts vermisse!)

Das folgende Foto zeigt  unseren Grill nach 16 Ehejahren – inzwischen wächst ein 1 ½ Meter grosser Ginster darin!

Bildquellen

Autor: bbr

Hallo, ich bin Beate Brinkman, der bbr.harlekin. Ich bin Redakteurin und Autorin für den Harlekin.Blog e.V. und im “Hauptberuf” in einem international agierenden IT-Unternehmen als Support Coordinator tätig. Bisher habe ich in deutschen, niederländischen, amerikanischen und indischen Unternehmen gearbeitet und viele Erfahrungen mit multikultureller Zusammenarbeit machen dürfen. Seit vielen Jahren lebe ich als Deutsche in den Niederlanden und habe festgestellt, dass schon allein die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschen und Niederländern ganze Bücher füllen können. Aus beruflichen und privaten Gründen gilt dem multikulturellen (Miss-)Verständis mein besonderes Interesse. Ob es um Essen, Sprache, dienstliche Conference Calls oder die Gestaltung von Begräbnissen geht – wenn die Kulturen mehrer Länder aufeinander stoßen, wird es spannend. Und das führt zu manchmal unerfreulichen, oft sehr komischen, aber immer lehrreichen Situationen.

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