Agililly – ein Notfall

Eins noch vorweg: Da wir inzwischen Unternehmen, Organisationen als lebende Organismen versuchen besser zu verstehen, reizte mich an dieser Glosse, aus der höchst aktuellen und mit viel Aufwand angestrebten Eigenschaft der Agilität eine Person werden zu lassen – Agililly. Mit dem steten unverzichtbaren Begleiter und Wegbereiter Scrummy in der Rolle des Scrum Masters – ein meist überforderter und oft ungehörter Evangelist für die erforderlichen Prinzipien und Praktiken. Dass sich die Szene im Krankenhaus abspielt, sollte eigentlich nicht verwundern.

In rasanter Fahrt mit Blaulicht und Martinshorn kurvt ein Rettungswagen in die Auffahrt zur Notaufnahme des Krankenhauses und hält dort mit quietschenden Bremsen. Zügig aber gelassen wird die Bahre von den Sanitätern aus dem Wagen gezogen und in den Gang zur Notaufnahme geschoben. Ein schmächtiger langer Kerl mit besorgter Miene folgt ihnen mit eiligen Schritten. Auf der Bahre unter einer weißen Decke, fast kaum zu erkennen, eine weibliche Gestalt mit schmerzverzerrtem Gesicht und starrem Blick.

Doch erst und rücksichtlos die Formalitäten: Name: Agililly, Alter: geboren in den 1980ern, Wohnort: kein einziger, lebt meistens in Unternehmen, …. „Und wer sind Sie?”, wendet sich die Schwester schließlich an den Begleiter. „Ich bin Scrummy. Wir haben bis jetzt in der gleichen Firma gearbeitet. Wir arbeiten immer zusammen.” „Aha. Dann warten Sie mal hier. Sie werden aufgerufen.”, sagte die Schwester schon im Gehen.

Nach gefühlter Ewigkeit kommt ein Mann in weißem Kittel auf Scrummy zu, der die ganze Zeit Agililly’s Hand gehalten hat. “Hallo, ich bin Dr. Murks, der Notarzt. Na, was haben wir denn da?” und beugt sich mit diesen Worten zu Agililly hinunter und schiebt dabei Scrummy zur Seite. Er schlägt das weiße Laken zurück. „Ach nee”, staunt der Mann in Weiß, „das Gesicht kommt mir aber bekannt vor. Ist das nicht die Agililly? Na, und schon wieder hier?” und fast etwas zu mitfühlend streicht er ihr übers Haar. „Das sieht ja wieder recht bedenklich aus”, sagt er mehr zu sich und an Scrummy gewendet: „Wir werden sie erstmal gründlich untersuchen. Am Ende des Flures geht es links ins Wartezimmer. Wir sagen Ihnen Bescheid.” Scrummy wollte noch etwas fragen. Aber bevor er seinen Gedanken in Worte fassen kann, war der Arzt samt Bahre und Agililly hinter einer Tür verschwunden.

Wieder dauert es eine Weile, bis er über den Lautsprecher im Wartezimmer aufgefordert wird, in den Behandlungsraum 3 zu kommen. Als er eintritt, sitzt der Arzt vor dem Bildschirm. „Setzen Sie sich!”, fordert der Arzt ihn auf. Scrummy holt gerade Luft, um eine Frage loszuwerden, als der Arzt sich ihm zuwendet und auf Agililly blickend sagt: „Wir haben sie gründlich untersucht. Aber auch dieses Mal konnten wir nichts Organisches feststellen. Im Prinzip funktioniert bei ihr alles. Wir haben ihr erst mal eine Beruhigungsspritze gegeben.” Scrummy blickt zu Agililly und in ein inzwischen entspanntes Gesicht. Der Arzt steht auf und geht zur Tür. Im Gehen sagt er: „Wir können für sie hier nichts tun. Warten Sie mal, ich hol’ mal eben den Psychiater.”

Es dauert gar nicht lange, da erscheint eine rundliche Person in der Tür und geht auf Agililly zu. „Ha, so schnell sieht man sich wieder!”, begrüßt er sie. Und Agililly antwortet erwartungsvoll: „Ja, ich brauche schon wieder Ihre Hilfe. Die Leute verstehen einfach nicht, mit mir richtig umzugehen.” „Das sieht so aus. Aber es wundert mich schon sehr bei Ihrer Attraktivität.”, antwortet er und blickt auf das inzwischen recht umfangreiche Krankenblatt. Während er die Aufzeichnungen durchblättert, murmelt er vor sich hin „Mein Gott, was haben Sie inzwischen alles durchgemacht.” Und sie anblickend: „Ich muss gestehen, langsam bin ich mit meinem Latein am Ende.”

Er wendet sich an Scrummy: „Sie kommen ja auch immer mit ihr zusammen hier an. Die Abstände, in denen Sie hier beide auftauchen, werden immer kürzer. Was passiert denn eigentlich da draußen?”, fragte er forschend. „Über das, was uns bisher alles passiert ist, können wir ganz viele Geschichten erzählen.”, beginnt Scrummy und seufzt hörbar. „Aber, um es kurz zu machen, eigentlich passiert im Kern immer das Gleiche.” „Und das wäre?”, fragt der Psychiater sichtlich neugierig, lehnt sich zurück und schlägt die Beine übereinander.

Scrummy beginnt hastig und bewegt: „Die Geschichte beginnt meistens in Vorstandsitzungen. Wir werden mit offenen Armen aufgenommen, man hört uns zu, ist überzeugt und dann geht eigentlich alles schon viel zu schnell. Wir bekommen zu spüren, dass wir für ihre Probleme die alles lösende „Eier legende Wollmilchsau“ sein sollen. Wir haben unsere ausführliche Vorstellung und Erläuterungen zu dem Umgang mit uns noch gar nicht zu Ende gebracht, da werden schon Entscheidungen getroffen, unrealistische Ziele verkündet und Maßnahmen angeordnet. Man hört uns einfach nicht mehr zu, wir haben gar keine Chance, unsere Bedenken gegen solche spontanen Aktionen loszuwerden. Und damit sehen wir uns einer Erwartungshaltung ausgesetzt, die uns ganz schön unter Druck setzt. Wir sind es ja gewohnt, mit Herausforderungen umzugehen und es macht irgendwie auch Spaß. Aber wenn wir dann mit den Menschen im Maschinenraum zusammenkommen, weht uns ein scharfer Wind entgegen. Hier mutiert nämlich die Wollmilchsau zur Sau, die durch’s Dorf getrieben wird. Das tut uns ganz schön weh.

Wo wir mit unseren Prinzipien wahrgenommen werden und auf Neugier und Lernbereitschaft stoßen, kommen wir zwar langsam, aber gut voran. Doch meistens sieht man in uns nur ein weiteres Werkzeug, um schnell zu Ergebnissen zu kommen. Aber ohne Einsicht in unsere Prinzipien und deren praktische Anwendung verfehlt man die hochgesteckten Ziele. Am Ende sind wir es dann, die versagt haben. Uns nur als Methode zu sehen und uns so zu managen, macht uns echt kaputt.”

Nach einem Moment der Stille erhebt sich der Psychiater. Agililly wischt sich über die Augen und eine Träne weg. „Erwarten Sie von mir jetzt kein Patentrezept”, beginnt der Psychiater nachdenklich. „Nachdem, was ich von Ihnen gehört habe, empfehle ich Ihnen beiden dringend, sich nur dann zu einer Zusammenarbeit zur Verfügung zu stellen, wenn Sie sich zuvor davon überzeugen konnten, dass Ihre Prinzipien auf die Aufgabenstellung passen und die beteiligten Menschen wirklich Bereitschaft zeigen, sich mit Ihren Grundgedanken auseinanderzusetzen und lernend damit zu arbeiten. Haben Sie Geduld mit sich und den Menschen. Tut mir leid, aber mehr kann ich hier nicht für Sie tun. Ich hoffe, dass wir uns nicht so schnell wieder sehen werden.” Bei diesen letzten Worten drückt er Agililly’s Hand und will sich auch so von Scrummy verabschieden. „Vielen Dank für Ihre aufmunternden Worte”, sagt Scrummy und streckt ihm seine Hand entgegen, „wir sind ja privat hier, wie machen wir es denn mit der Rechnung?” „Ach”, erwidert der Psychiater, „ich vermute, Sie werden nicht das letzte Mal hier gewesen sein. Übrigens, wir könnten Sie hier eigentlich auch dringend gebrauchen. Ich denke, wir werden das später irgendwie verrechnen.”

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Ein Gedanke zu „Agililly – ein Notfall“

  1. Schon im letzten Jahrhundert formulierte, noch völlig unagil, Tom DeMarco die These, dass die entscheidenden Aspekte der Softwareentwicklung menschliche sind, und nicht technische – und dass demzufolge auch die (geänderten) Aufgaben des Managements zu benennen bzw. herauszuarbeiten sind.

    Nur finden die das auch in agilen Projekten nicht so toll, wenn sie ihre „Stellenbeschreibung“ von den eigenen Untergebenen bekommen. Schließlich ist man ja Chef!

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